Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Hör- & Sehbehinderte Studierende - Studieren mit 4 Sinnen

  In der Bib gibt es viele Angebote für chronisch Erkrankte und behinderte Studierende. [Foto: Magdalena Kensy]
24.10.2021 17:38 - Magdalena Kensy

Für Studierende mit einer Hör- oder Sehbehinderung gibt es im Studium Hürden zu meistern, die andere aus ihrem Alltag nicht kennen. In diesem Schwerpunkt erfahrt ihr, wie die Universität Duisburg-Essen (UDE) Betroffenen Unterstützung anbietet, wie ein Nachteilsausgleich aussehen kann und wie es um das Autonome Referat der chronisch erkrankten und behinderten Studierenden (BckS) steht.

Mehr als jede:r zehnte Student:in in Deutschland hat eine Beeinträchtigung oder eine chronische Krankheit. Mehr als die Hälfte davon leidet unter psychischen Beeinträchtigungen, knapp 20 Prozent haben chronisch physisches Leiden wie Rheuma. Das sind die Ergebnisse der aktuellen Studie des Deutschen Studentenwerks und des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung.

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An der UDE haben im ersten Halbjahr 2021 in der Beratungsstelle zur Inklusion bei Behinderung und chronischer Erkrankung 140 Beratungsgespräche stattgefunden – Mehrfachberatungen mit einberechnet. Die Anlaufstelle gibt es seit 2011 und ist am akademischen Beratungszentrum (ABZ) angesiedelt. Daniela de Wall ist die zentrale Beauftragte und Beraterin der Inklusionsstelle. Sie steht betroffenen Student:innen in regelmäßigen offenen Sprechstunden oder in vereinbarten Terminsprechstunden mit Rat und Tat zur Seite. Hör- und seheingeschränkte Studierende können sich zu ihrer individuellen Lage beraten lassen und bekommen Unterstützungsmöglichkeiten angeboten.

Mut zur Inklusionsberatung

Dennoch finden viele Studierende den Weg in die Beratungsstelle erst spät im fortgeschrittenen Studium, bemängelt De Wall. Nur rund 29 Prozent der Betroffenen haben deutschlandweit in ihrer Hochschule schon einmal Erleichterungen, also einen Nachteilsausgleich, beansprucht - teils aus Unkenntnis, teils weil sie Hemmungen haben oder nicht anders als andere behandelt werden wollen.
Um das zu vermeiden, richtet die Inklusionsstelle bereits in der Orientierungswoche für Erstsemester mehrere Veranstaltungen für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung aus.

Für hörbehinderte Student:innen werden die Informationsveranstaltungen von einer Gebärdensprachdolmetscherin übersetzt. „Die Resonanz nach solchen Veranstaltungen ist in der Regel sehr gut, daher möchte ich alle Studierenden mit einer chronischen Erkrankung oder einer Behinderung ermutigen, sich zu melden, wenn die Erkrankungen das Studium beeinträchtigen”, appelliert de Wall. Doch nicht nur die Beratungsstelle kann dabei helfen, sich im Studium zurechtzufinden, sondern auch das Kennenlernen von anderen Mitstudierenden. „Wir sind dabei, einen besseren Austausch der Studierenden untereinander zu organisieren, und es sind alle chronischen Erkrankungen oder Behinderungen gemeint, auch die nicht sichtbaren und auch die psychischen Erkrankungen“, erzählt de Wall.

Baustelle: BckS

Die Inklusionsberatung der UDE ist nicht die einzige Anlaufstelle für betroffene hör- und sehbehinderte Student:innen. Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) bietet ein Autonomes Referat für chronisch erkrankte und behinderte Studierende an. Im November vergangen Jahres 2020 gab es schwere Vorwürfe vom AStA in einer veröffentlichten Stellungnahme. „Das autonome Referat für Behinderte und/oder chronisch kranke Studierende kommt seinem Mandat seit zwei Jahren nicht nach und ist außerdem für Anfragen nicht erreichbar“, heißt es [Anmerkung der Red.: am 19.11.20].

Bei der Vollversammlung am ​​20. September 2020 erhoffte sich der AStA durch die Neuwahl von BckS-Referent:innen wieder eine aktive Anlaufstelle für Betroffene. Unter den neu gewählten Referent:innen sind neben Corinna Kalkowsky, Timon Rhein und Jule Zirger auch der wiedergewählte Sascha Lücker. Doch auch mit einer neuen Besetzung des Referats wurde auf die Anfrage der ak[due]ll zu deren Arbeit mit hör- und sehbehinderten Studierenden nicht geantwortet. Der AStA gab auf Anfrage diesbezüglich im September 2021 eine kurze Stellungnahme ab: „Wir hatten gehofft, dass sich durch die letzte Wahl im BckS etwas an der Situation und der Erreichbarkeit ändert, aber trotz teilweise neuer Referent:innen bekommen wir oft das Feedback, das Referat sei nicht erreichbar.“

Barrierefreiheit am Campus

Andere Unterstützungsmöglichkeiten, an die sich Betroffene bei Problemen oder Anliegen wenden können, bietet das aktuelle Study-Buddy-Programm für Studierende mit Behinderungen oder chronischer Erkrankung, erzählt de Wall. Über weitere Informationsveranstaltungen, Seminare und Programme informiert die Inklusionstelle regelmäßig auf ihrer Website.

„Studierende mit einer chronischen Erkrankung oder Behinderung haben das Recht auf ein barrierefreies Studium, das die UDE gemeinsam mit den entsprechenden Studierenden sicherstellt“, so de Wall. Das fordert auch der deutsche Bundestag und schreibt im Hochschulrahmengesetz (HRG) fest, dass die Berücksichtigung der Belegung behinderter Studierende zu den Aufgaben einer Hochschule gehöre.

An den Campussen der UDE findet man besonders in der Uni-Bibliothek Hilfsangebote zur Unterstützung im Studium. De Wall erzählt: „Es gibt Arbeitsplätze mit Vergrößerungssoftware oder auch die Möglichkeit, in Braille auszudrucken. Für blinde Studierende wird die Literatur so umgesetzt, dass sie durch Screenreader lesbar ist. Für hörbehinderte Studierende haben wir an der Bibliothek eine FM-Anlage, zudem haben wir die Induktionsschleifen in den Hörsälen.“ Die Induktionsschleifen werden auch als Kontakt- oder Ringschleife bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine einfache Drahtschleife, mit der per elektromagnetischer Induktion Informationen und Signale übermittelt werden können. Eine FM-Anlage hingegen ist eine drahtlose Signalübertragungsanlage, welche Signale mit frequenzmodulierten Funksignalen (FM) übertragen kann.

Großdrucke von Folien und Texten können von den Dozent:innen selbst erstellt werden, wobei die Materialien individuell auf die Betroffenen angepasst werden, so de Wall weiter. Neben diesen Angeboten können Studierende Dolmetscher:innen und Assistenzhunde mit in die Veranstaltungen bringen. Das ist jedoch erst durch einen genehmigten Antrag für einen Nachteilsausgleich möglich. Dolmetscher:innen oder Assistenzhunde müssen eigenständig organisiert werden. Auch bei der räumlichen Orientierung verspricht de Wall Neuerungen: „Zur Zeit wird ein neues barrierefreies Leitsystem eingerichtet.“ Letzteres bietet ein Höchstmaß an Komfort und Sicherheit, sowohl für blinde und sehbehinderte Menschen als auch für Verkehrsteilnehmer:innen, die auf Gehhilfen angewiesen sind.

Nachteilsausgleich im Studium

Gerade in den Prüfungen entstehen häufig Schwierigkeiten bei Hör- und Sehbehinderten, weil Studien- und Prüfungsordnungen zu wenig Spielraum für eine individuelle Studiengestaltung lassen, schreibt der Bundestag. Deshalb haben Studierende „die Möglichkeit einen Antrag auf Nachteilsausgleich zu stellen, dies bedeutet: Ein Nachteil, der durch die Behinderung oder chronische Erkrankung entsteht, kann durch geeignete Maßnahmen ausgeglichen werden“, erklärt de Wall. Die Maßnahmen können vielfältig ausfallen und werden immer individuell auf den Einzelfall des Betroffenen festgelegt. Der Bundestag nennt als Beispiele für mögliche Nachteilsausgleiche eine Anpassung der Anwesenheitspflicht, eine Verlängerung von Prüfungsfristen und die Verlegung von Lehrveranstaltungen. Solche Hilfen müssen von den Studierenden beantragt werden, zusätzlich sind dafür die gesundheitlichen Einschränkungen nachzuweisen.

„Beim Nachteilsausgleich geht es nicht um Vorteile, sondern darum, die Nachteile der Studierenden auszugleichen"

Für sehbehinderte Studierende wird als Nachteilsausgleich explizit die Bereitstellung von adaptierten Prüfungsunterlagen angegeben: „Insbesondere blinde Studierende und Studierende mit Legasthenie brauchen barrierefreie digitale Dokumente beziehungsweise Audiodateien, Studierende mit starker Sehbeeinträchtigung Unterlagen in Großdruck.“ Es sei wichtig, dass bei gehörlosen Studierenden sowie Studierenden mit starker Sehbeeinträchtigung die Rechtschreib- und Interpunktionsfehler in Klausuren nicht berücksichtigt werden, lautet es im Schreiben des Bundestags. Bei Haus- und Abschlussarbeiten hingegen müssen sie selbst für eine fehlerfreie Darstellung sorgen.

Die Maßnahmen des Nachteilsausgleichs müssen dann mit den Dozent:innen abgesprochen werden. Denn die Dozent:innen sind nicht in der Verpflichtung, Betroffenen eigenständig Hilfe oder Gegenleistungen anzubieten, erklärt De Wall. „Beim Nachteilsausgleich geht es nicht um Vorteile, sondern darum, die Nachteile der Studierenden auszugleichen, damit sie die gleichen Chancen haben wie Studierende ohne Einschränkungen. Es ist nicht das Gleiche ein Studium zu absolvieren, wenn man nebenbei viel Zeit für die eigene Gesundheit und den Alltag mit einer Behinderung aufwenden muss“, betont de Wall. Das Ziel sollte sein, dass Studierende mit einer Hör- oder Sehbehinderung die Hürden des Studierens mit hilfe der Universität zu meistern, die andere aus ihrem Alltag nicht kennen.

 

 

 

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