Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Gehörlos studieren – Wie geht das?

Sarah Espey ist gehörlos. Sie hat uns berichtet, wie sie an der Uni Kontakte knüpfen konnte. [Foto: privat]

02.11.2021 15:45 - Sophie Schädel

Ein Interview mit Sarah Espey ist eigentlich ein Interview zu dritt. Denn Sarah ist gehörlos und hat ihre Dolmetscherin Jenny mitgebracht, die für sie hört und ihr ihre Stimme leiht. Sie übersetzt, was Sarah über ihr Studium der Sozialen Arbeit an der Universität Duisburg-Essen (UDE) erzählt: Wie meistert sie das, ohne hören zu können? Was sollten Hörende über Gehörlose wissen? Und welche Tipps gibt Sarah anderen tauben Studierenden?

ak[due]ll: Die meisten Erstsemester sind erstmal überfordert, sich an der Uni einzufinden. Wie hast du es geschafft, erste Kontakte zu knüpfen?

Sarah: Ich bin ja in der Gehörlosengemeinschaft aufgewachsen. Im Kindergarten, in der Schule war ich immer mit Gehörlosen zusammen. Da konnten alle gebärden. Für mich war es neu, Dolmetscher zu brauchen. Ich habe mich schon darauf eingestellt, dass sich an der Uni für mich einiges verändert und ich aus meiner Komfortzone raus muss, weil es dort eher Hörende gibt. Ich habe mir vorgenommen, offen, locker und tolerant zu sein. Mit den Kommilitonen hat das so auch geklappt, drei von ihnen sind mir wirklich ans Herz gewachsen und wir haben immer noch Kontakt. Mit Mimik, Gestik und Zettelchen haben wir uns angefreundet. Gehörlosen Erstsemestern kann ich nur raten: Schüchtern in der Ecke sitzen wird wahrscheinlich schwierig. Das braucht man auch gar nicht. Man sollte einfach zeigen, wer man ist und dass man bereit ist, offen zu sein.

ak[due]ll: Für jede Veranstaltung Dolmetscher:innen zu organisieren ist sicherlich sehr aufwändig und teuer. Hast du dafür Unterstützung?

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Sarah: Das macht man immer vor dem Semester. Ich habe beim LVR [eine Landesinstitution in NRW, die unter anderem Leistungen für Menschen mit Behinderung anbietet] einen Antrag gestellt auf Hilfsmittel für meine Dolmetscher und eine Mitschreibkraft. Der LVR bezahlt sie dann für mich. Dafür muss ich aber jedes Semester so einige Formalitäten klären. Man hat damit schon einiges zu tun. Die Dolmetscher wechseln immer alle 15 Minuten, weil das so anstrengend ist. Darum brauche ich immer zwei für jede Lehrveranstaltung. Meine Mitschreibkraft habe ich erst seit Kurzem, und noch immer gibt es einige Unstimmigkeiten, wer zuständig ist und wer das bezahlt. Sie hört sich die Vorlesungen an, die nur vertont hochgeladen sind, und tippt das Gesagte für mich ab.

ak[due]ll: Könntest du auch Lippenlesen, oder bekommst du ohne Dolmetscher:in vom Gesagten nichts mit?

Sarah: Sollten meine Dolmetscher mal krank sein, versuche ich, in letzter Minute noch einen Ersatz zu finden. Wenn das gar nicht geht, habe ich Pech. Lippenlesen geht wirklich überhaupt nicht. In so einer großen Runde wie einem Seminar klappt das nicht. Ich habe, wenn das bisher vorkam, eine Mitstudentin gefragt, ob sie mir ihre Mitschrift geben kann.

ak[due]ll: Hast du dir mal Unterstützung bei der Uni geholt?

Sarah: Ja, bei Frau de Wall, der Behindertenbeauftragten. Die hat sich immer gekümmert. Aktuell zum Beispiel wegen der Mitschreibkraft, bei der nicht klar ist, wer zuständig ist und wer sie bezahlt. Ich kann mich nicht allein um all die Briefe und Mails kümmern, ich habe ja schließlich noch mein Studium, ein Praktikum und einen Nebenjob. Da versucht Frau de Wall dann zu vermitteln.

ak[due]ll: Was, wenn du in einem deiner Seminare ein Referat oder eine Präsentation halten sollst?

Sarah: Dann mache ich das wie alle anderen auch. Ich spreche dann eben nur nicht, sondern gebärde, und die Dolmetscher voicen für mich, also leihen mir ihre Stimme. Damit die Dolmetscher leichter voicen können, gebe ich ihnen dann ein bisschen Material zur Vorbereitung auf das Thema, damit sie wissen, worum es geht. Ich würde nie sagen: Mündliche Prüfungen mache ich lieber nicht. Ich gebärde dann einfach und fühle mich damit wohl. Ich habe da keine Scheu.

ak[due]ll: Die Deutsche Gebärdensprache ist deine Muttersprache. Mein Sprachgefühl für das Deutsche habe ich durch Gespräche im Alltag entwickelt. Wie hast du das gelernt? Allein durchs Lesen?

Sarah: Klar, ich war in der Gehörlosenschule. Ich hatte da natürlich Deutsch. Aber man muss dazu sagen: Die Deutsche Gebärdensprache ist eine eigene Sprache. Die Grammatik ist auch anders als die deutsche. Ich habe gelernt, wie man Deutsch liest und schreibt. Ich würde nicht von mir behaupten, dass ich in der deutschen Schriftsprache so fit bin wie beim Gebärden. Da gibt es kein der, die, das, kein den oder dem. Klar versucht man dann, sich durch Bücher oder die Untertitel von Filmen auf die Sprache einzulassen. Ich bin mit tauben Eltern aufgewachsen, da haben wir die Deutsche Gebärdensprache gesprochen. Aber da fuchst man sich rein.

ak[due]ll: Bisher haben wir viel darüber gesprochen, dass deine Gehörlosigkeit viel Organisationsaufwand mit sich bringt. Hat sie dir auch mal einen Vorteil gebracht?

Sarah: Ich sag mal so: Als Gehörlose kann man ruhiger schlafen. [Lacht] Und die Gebärdensprache ist körperbetont, die Mimik und Gestik sind viel lebendiger, das ist wirklich toll. Auch wenn ein Gehörloser aus einem anderen Land kommt und eine andere Gebärdensprache spricht, verstehen wir uns besser als zwei Hörende aus einem anderen Land. Und wir können uns auch da unterhalten, wo es laut ist.

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