Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Gedenkraum für ‚Gibraltar‘

Wie können wir uns stärker an die Geschichte erinnern?

[Illustration: Nanna Zimmermann]

27.04.2022 09:02 - Julika Ude

Über die historische Belastung der Zeche Gibraltar klärte in der Vergangenheit eine versteckt gelegene Gedenktafel auf. Der Vorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten in Bochum, Günter Gleising, erzählt im Interview wie genau und warum der Gedenkort in Zukunft ausgebaut werden soll.

ak[due]llDie Gedenktafel der Zeche wurde in der Vergangenheit an die Rückseite des Gebäudes gehängt. Jetzt werden Hochzeiten und andere Feiern in der Zeche unter einer Inhaberin veranstaltet, der eine Vergangenheit im Nazi-Milieu vorgeworfen wird. Wie ist das einzustufen?

Günter Gleising: Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) lehnt das klar ab. Wir nehmen diese Sache allerdings zum Anlass, um auf die Gedenktafel und das ehemalige Konzentrationslager hinzuweisen und wollen, dass dort ein dauerhafter Gedenkort entsteht.

ak[due]ll: Wie soll dieser dauerhafte Gedenkort in der Zeche Gibraltar aussehen?

Gleising: Erst mal soll die Gedenktafel von der Stirnseite auf die Seite versetzt werden. Dann soll eine Informationstafel geschaffen werden, die über die geschichtlichen Hintergründe der Zeche aufklärt, sodass auch Spaziergänger darauf aufmerksam werden. Eine dritte Maßnahme soll eine „Schutzzone“ sein, damit bei Festen keine Stände, wie zum Beispiel Pommesbuden, vor die Tafel gebaut werden können. Damit hätten wir bei solchen Anlässen außerdem die Möglichkeit, durch einen Infostand auf die Geschehnisse dort hinzuweisen. Nicht allzu viele Menschen in Bochum wissen über die Vergangenheit des Ortes Bescheid. Eine vierte Maßnahme soll es sein, dort einen Erinnerungs- und Gedenkraum zu schaffen. Es gibt verschiedene Räume in den Gebäuden, wovon sich einer anbieten würde, um ihn frei zu machen. 

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Von Julika Ude in Gesellschaft
 

Das Ziel soll eine Gedenkstätte sein, die zum einen an das Konzentrationslager ‚Gibraltar‘ erinnert, in dem bis zu 250 Häftlinge inhaftiert waren. Es soll aber auch erinnern an und informieren über die vielen Folterkeller, die es in Bochum gegeben hat. Das waren über 20 Orte, die zum Teil in Kellern, in Schulen, in Wirtshäusern oder auch beim Bochumer Verein lagen. Da wurden politische Gegner des NS-Regimes wie Sozialdemokraten und Kommunisten hin verschleppt und verprügelt. Meistens wurden sie wieder freigelassen, andere wurden nach Gibraltar in das Konzentrationslager gebracht. Die schlimmsten Zustände fand man in Bochum Gerthe vor, dort sind sechs Menschen erschlagen worden.

Das Ganze soll zum Beispiel für Schulklassen dienen, die den Gedenkraum besuchen und etwas über die Vergangenheit lernen können. Der Ausflug kann für die Schüler hinterher mit Freizeit am See verbunden werden. Auch für die Stadtrundfahrten [der VVN-BdA] kann der Raum ein Anlaufpunkt sein.

ak[due]ll: Wie kann verhindert werden, dass die Tafel erneut an die Hinterseite des Gebäudes versetzt wird?

Gleising: ​​​​​1983 wurde die Gedenktafel an dem Gebäude angebracht. Die Tafel ist dann rausgerissen worden und an einer anderen Stelle wieder angebracht worden, weil die Stadt das Gebäude vermarkten wollte. An dem Eingang, der dort neu gestaltet worden ist, hätte das aus der Sicht des Investoren gestört. Die Bronzetafel soll wieder an einem sichtbaren Platz angebracht werden. Sie ist so schwer und festgemacht, da müsste man eine Explosion herbeiführen, um sie aus der Wand zu bekommen. Außerdem hat die VVN-BdA ein Gespräch mit dem Kulturdezernenten und dem Oberbürgermeister von Bochum gehabt, in dem signalisiert worden ist, dass es eine große Bereitschaft für das Versetzen der Tafel und das Umsetzen der bereits genannten Maßnahmen gibt. Ende April wird dann ein Ortstermin mit Vertretern der Stadt Bochum stattfinden.

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Günter Gleising, Vorsitzender der Bochumer VVN-BdA [Foto: Privat]

 

ak[due]llDie Kosten stellen häufig eine große Hürde dar, wenn es um das Errichten von aufwendigen Gedenkstätten geht. Wie würde das Vorhaben finanziert werden?

Gleising: Das betrifft vor allem den Gedenkraum. Da werden Investitionen nötig, weswegen die Pläne nicht unmittelbar umgesetzt werden können. Erst muss das Geld beantragt und die Ausgaben in den Haushaltsplan eingestellt werden. Der Prozess wird noch einige Zeit dauern, aber grundsätzlich gibt es die Bereitschaft das durchzuführen, sodass die Kosten von der Kommune getragen werden würden.

ak[due]llNicht jeder historisch belastete Ort kann zu einer finanziell aufwendigen Gedenkstätte aufbereitet werden. Warum sollte der Gedenkort ‚Gibraltar‘ ausgebaut werden?

Gleising: Es soll damit klar gemacht werden, dass die Nazis brutalen Terror ausgeübt haben. In Preußen ist die Sturmabteilung (SA) im Februar 1933 zur Hilfspolizei ernannt worden. Das sah oft so aus, dass vorne weg ein Wachtmeister ging und dann dahinter fünf, sechs oder noch mehr SA-Leute. Die sind in die Arbeiterwohngebiete gegangen, haben den Polizisten zur Seite gedrängt, dann die Wohnungen demoliert und die Leute da rausgeholt. Dann haben sie diese in einen Folterkeller oder in das Konzentrationslager ‚Gibraltar‘ gebracht. Damit sollte eine Art Lähmung der demokratischen und antifaschistischen Kräfte erzielt werden.

ak[due]llEs gibt Stimmen, die mutmaßen, dass Gedenken wenig bis nichts für die Prävention gegen rechte Gewalt bringt. Was erhofft man sich dennoch durch den Gedenkort ‚Gibraltar‘?

Gleising: Einmal geht es darum, die Geschehnisse überhaupt ins Bewusstsein der Menschen zurückzuholen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, denn es gibt Leute, die versuchen, den Holocaust zu leugnen. Dieser Punkt hat in der Zwischenzeit an Bedeutung gewonnen, auch viele junge Leute haben Interesse an der Vergangenheit. Zweitens erhofft sich die VVN-BdA dadurch, Mitstreiter im Kampf für Demokratie, für sozialen Fortschritt, gegen Nazis und den faschistischen Grundgedanken zu gewinnen.

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