Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Fünf Menschen und das Brexit-Schicksal

Dunkle Wolken ziehen derzeit über Europa auf. (Foto: Niklas Graf)

11.03.2019 11:19 - Britta Rybicki

Bisher war die europäische Mobilität für EU-Bürger*innen nahezu selbstverständlich: Auslandssemester in London, Praktika in Oxford und Gastbeiträge von den Spitzen der Wissenschaft des King's College oder der London School of Economics. Klingt besonders, aber nicht unmöglich. Möglichkeiten, die mit einem Brexit verschwinden könnten. Wie der anstehende EU-Austritt Großbritanniens das Leben von fünf Menschen schon jetzt beeinflusst.    

„Für meine Bachelorarbeit habe ich viel von der Kulturtheoretikerin, Feministin und Moderatorin Angela McRobbie gelesen.“ Johanna ist gleich so fasziniert, dass sie ihre Lehre erleben will: „Für mich war klar, dass ich im Master an eine Universität möchte, an der sie lehrt.” Schon länger denkt die heutige Berlinerin außerdem über ein Auslandsstudium nach. Die anglo-amerikanische Forschungstradition habe sie schon immer beeindruckt.

Ohne große Überlegungen entscheidet sie sich für das Fach „Gender Media Culture” am Goldsmiths College: „Ich habe also von 2016 bis 2017 in London meinen Abschluss gemacht und ich bin heute noch wahnsinnig froh darüber.“ Den Master in nur einem Jahr abzuschließen, ist massiver Druck für sie. Trotzdem entscheidet Johanna sich gegen die sogenannte Parttime: „Zwei Jahre hätte ich mir finanziell einfach nicht leisten können.“

Es klappt: Nachdem sie im April 2016 ihre Bewerbung einsendet, erhält sie wenige Wochen später schon eine Zusage: „Das geht recht zügig, weil wenige deutsche Studierende in England ihren kompletten Master machen.” 7.000 Pfund stehen dann auf der Goldsmith-Rechnung. Die hohen Studiengebühren sieht Johanna bis heute kritisch: „Du bist Kundin und bekommst eine Dienstleistung – die in meinem Fall einen verhältnismäßig günstigen Preis von 7.000 Pfund hatte. Das hat wenig mit Chancengleichheit zu tun. ” Anders als das ebenso bekannte King's College oder die Queen Mary University zahlt das Goldsmith College den Dozierenden kleinere Gehälter. Denn der Durchschnitt der anderen Londoner Unis liegt bei knapp 12.000 Pfund pro Term.

Im aktuellen Wintersemester studieren insgesamt 2.867.586 Menschen in Deutschland – mehr als ein Viertel davon an einer Hochschule in Nordrhein Westfalen. Kein Wunder, denn sechs der bundesweit zehn größten Universitäten befinden sich hier. NRW hat mit 140 Bildungsinstitutionen die dichteste Hochschullandschaft Europas. Davon sind 70 Hochschulen und 14 öffentlich-rechtliche Universitäten.  Gleiches gilt für das Forschungsnetzwerk: Es gibt mehr als 100 angesiedelte Forschungsinstitute.

Auch wenn Johanna im Vergleich günstig davon kommt, muss sie auf ihren Master sparen: „Das Problem ist, dass die Obergrenze beim BAföG auch in London angewendet wird.” Die Bürokratie wird mal wieder zur Hürde: Ihre Eltern sind geschieden. Die Mutter hat kein festes Einkommen, der Vater verdient auf dem Papier als Selbstständiger hingegen gut: „Als Handwerker hat er allerdings enorm hohe Personalausgaben und Materialkosten.” Von 1.048 Euro im Monat soll Johanna also das kommende Jahr leben. „Und jeder Mensch weiß ja, dass man in London schon für ein günstiges Zimmer 600 Pfund zahlt. Es ist dann ein Privileg, noch eine andere Finanzhilfe zu haben. Wie eine Förderung oder reiche Eltern.”

Selbst hat sie solch ein Sonderrecht nicht. Dafür aber ein bisschen Glück. Zum einen findet sie ein Zimmer für nur 400 Pfund, zum anderen kann sie durch den Brexit Geld sparen. „Um genau zu sein tausend Euro Studiengebühren. Weil ich kurz nach der Abstimmung zum Brexit mit meinem Studium angefangen habe und das Pfund danach ja massiv in den Keller gerutscht ist.” Diese Ersparnis könnte sie später noch gut gebrauchen: Nach einem harten Brexit sollen Betroffene künftig – laut des Bundesministerium für Bildung und Forschung – nur noch ein Jahr Ausbildungsförderung erhalten. Ob die Ausbildung bis dahin abgeschlossen ist, spielt hingegen keine Rolle.

Vorteil aus dem Brexit

Lediglich der schwache Pfund ist einmalig ein Vorteil, den Johanna aus dem anstehenden Brexit ziehen kann. Lange fühlt sie sich nämlich nicht so, als sei ihr Status gesichert. „Irgendwann wurde es immer abstrakter, ist immer weiter in den Hintergrund gerückt, so dass man sich nicht mehr persönlich vom Brexit bedroht gefühlt hat – obwohl es dauerhaft Thema war.” In Konferenzen und Seminaren an der Uni, privaten Gesprächen, Medienberichten und auch den Telefonaten nach Hause. „Die Zeit dort war wirklich toll, auch wenn das Studium viel abverlangt hat und intensiv war. Der Brexit war sicher einer der wichtigsten Gründe dafür, nicht da zu bleiben.”

Noch während des Studiums spürt sie den Druck, in den Lehrende plötzlich geraten. Immer wieder kommt die Frage in Lehrveranstaltungen auf, wie Wissenschaft über Grenzen hinweg noch funktionieren kann. Ihr großes Idol Angela McRobbie steht dann in ihrem Berufsalltag vor einer großen Hürde: „Sie hat zum Beispiel ein Buch über Kreativindustrien in London, Mailand und Berlin geschrieben. Lebt auch deswegen in London und Berlin und leitet zahlreiche bilaterale Forschungsprojekte.” Auch ihr ehemaliges Klassenzimmer wäre vermutlich leer gewesen. „Insgesamt sind mir dort viele ausländische Studierende aufgefallen."

Eine wichtige Geldquelle für die Unis, meint Johanna: „Denn wer kann sich die Studiengebühren schon leisten?” Im Falle eines Brexit verpflichtet die britische Regierung im „Statement of Intent on the EU Settlement Scheme“ dazu, dass Studierende, die gerade eine Ausbildung im Vereinigten Königreich machen, fortführen können. Als fertige Sozialwissenschaftlerin wird Johanna dann zum ersten Mal mit den jetzigen Folgen des Brexit konfrontiert. Bewerbungen von Nicht-Brit*innen werden anscheinend aussortiert. Das bald erforderliche Visum wirkt offensichtlich abschreckend auf Unternehmen und Institutionen: „Wir kennen alle die Horrorgeschichten aus den USA, in denen Menschen wochenlange Anträge ausfüllen, warten, bis das Visum gestattet wird, aber das trotzdem noch für Arbeitgeber*innen zu unsicher erscheint und man keinen Job findet.” In den Nachrichten verfolgt sie, wie die Kulturindustrie im Norden des Landes langsam ausstirbt. Sie bucht den Rückflug nach Deutschland.

Auch Forscher*innen fürchten Rückgang

Einen ähnlichen Trend beobachtet Gerhard Dannemann, Leiter der British Studies an der Humboldt-Universität in Berlin: „Britische Kollegen sind zum Beispiel kein gemeinsamer Antragsteller bei Forschungsprojekten mehr – obwohl sie interessiert und qualifiziert sind, unbedingt mitarbeiten wollen.” Ähnlich wie bei Johannas Bewerbungen stellt man offensichtlich die Nachhaltigkeit dieser Entscheidung stark infrage.  Aktuell können Wissenschaftler*innen über die Europäische Union an Forschungsgelder kommen, z.B. über den Europäischen Forschungsrat. Eine Möglichkeit, die nach einem harten Brexit wegfällt. Und zwar nicht nur für künftige Gemeinschaftsprojekte, sondern auch für laufende. „Im schlimmsten Fall wissen meine Kollegen, die in Großbritannien forschen, ab dem 1. April nicht, wer ihr Gehalt zahlt.” Weil die EU und Großbritannien sich darüber streiten würden. Sollte Großbritannien sich nämlich nicht mit einem geordneten Brexit oder Austrittsabkommen einverstanden zeigen, hatte die Europäische Kommission angedroht, Förderzahlungen sofort einzustellen. Dannemann rechnet mit hunderten davon betroffenen Forscher*innen.

„Britische Kollegen sind zum Beispiel kein gemeinsamer Antragsteller bei Forschungsprojekten mehr.”

„Man kann darauf spekulieren, dass sie noch Ersparnisse haben und vielleicht umsonst weiterarbeiten. Aber wer will das schon?” Mieten und das Leben im Vereinigten Königreich sind enorm teuer. Innerhalb einer zweijährigen Transitphase könnten Forschungsprojekte zumindest vorerst weiterlaufen, was in der Regel auf maximal drei Jahre ausgelegt ist.
Denn gerade Deutschland und Großbritannien arbeiten stark zusammen. Ebenso große Folgen hätte ein ungeordneter Brexit für Studierende – insbesondere der British Studies, der Anglophone Studies und vereinzelte Lehramtsstudierende, die ein Pflichtpraktikum in einem englischsprachigen Land absolvieren müssen. Und allein wegen des sprachlichen Vorteils würden sich nach Dannemann sicherlich die meisten Unis mindestens eine britische Partnerschaft wünschen:

„Erasmus ist zum Beispiel eines der wichtigsten Förderprogramme und für viele Studierende die einzige Möglichkeit, an ein Visum zu kommen oder den Unterhalt vor Ort zu finanzieren. Natürlich könnte Großbritannien auch daran teilnehmen, ohne EU-Mitglied zu sein. Staaten wie Montenegro, die Türkei, Island und Norwegen tun das schließlich auch.” Dafür müsste Theresa May die Parlamentarier*innen allerdings mehrheitlich überzeugen, um dringend nötige verbindliche Regelungen zu finden.

Zukunft bis März unklar

Dass derzeit nicht mal annähernd eine Einigung im Unterhaus zu erahnen ist, macht auch Ira Terwyen und ihren Kolleg*innen vom Akademischen Auslandsamt der Universität Duisburg-Essen nervös. „Gerade können wir auch nur von dem ausgehen, was wir in den Medien lesen”, so die Sachbearbeiterin. „De facto wissen wir nur, dass alle Personen, die bis zum 30. März im Vereinigten Königreich mobil sind, auch mobil bleiben werden.” Auf einer Veranstaltung des British Council im Dezember hieß es noch, dass alle Erasmusverträge bis zum Jahr 2021 unberührt bleiben: „Wenn Theresa May allerdings ihre Macht verliert und es Neuwahlen gibt, dann hat sich dieses Versprechen erledigt.” Ihnen bleibt also nichts anderes übrig, als abzuwarten.

„Ob unsere Studierenden wie geplant am 1. April mit Erasmus nach England können, ist vollkommen unklar.” Was Dannemann schon angedeutet hat, beweisen die Zahlen der Erasmusteilnehmer*innen. „Zuletzt hatten wir 60 Outcomings, was hauptsächlich an dem sprachlichen Vorteil und Pflichtpraktika von insgesamt vier Studiengängen liegt. Die Incomings waren im vergangenen Semester weniger und lagen bei 20 Personen.” Die Universität Duisburg-Essen pflegt derzeit 38 Partner*innenschaften zu englischen Fakultäten.

Aber nicht nur Studierenden steht die finanzielle Unterstützung zu. „Dozierende bekommen Zuschüsse für kürzere Aufenthalte.” Wofür sie mindestens acht Seminarstunden geben und nicht länger als 14 Tage vor Ort bleiben müssen. „Dafür erhalten sie im Falle von UK eine Reisekostenpauschale von 275 Euro und ein Tagesgehalt von 180 Euro. Der Standard sind in fünf Tagen 16 Unterrichtsstunden.” Ein allerdings noch viel größeres Problem sieht Terwyen in der fehlenden Mobilität: „Selbst wenn die Förderung irgendwie weiterlaufen kann, wissen wir gerade nicht, wie wir in Zukunft für Studis und Lehrende ein Visum in UK beantragen.”

„Unsere Aufgabe wird sein, in dieses Chaos Struktur reinzubringen und zwei Jahre später Handlungsempfehlungen auszusprechen.” 

Stefan Engstfeld zählt zu den Menschen, die nicht nur auf eine gute Notlösung hoffen können, sondern sie entwickeln. „Wir haben im vergangenen Herbst eine sogenannte Enquete-Kommission eingerichtet, die sich nur mit Chancen und Risiken des Brexit in NRW beschäftigt”, so der Grünen-Landtagsabgeordnete und Ausschussvorsitzende. Schließlich handelt es sich hier um ein Bundesland, das zu den besten Hochschulstandorten Deutschlands zählt und entsprechend stark vernetzt mit Großbritannien zusammenarbeitet: „Neben den USA sind Deutschland und speziell NRW die wichtigsten Partnerschaften für Großbritannien.” Denn alleine an der Uni Münster gibt es seit 2002 einhundert Kooperationen, was sich durch einen ungeordneten Brexit schlagartig ändern könnte. „Unsere Aufgabe wird also sein, in dieses Chaos Struktur zu bringen und zwei Jahre später Handlungsempfehlungen auszusprechen.” Denn anders als der direkte Konkurrent, die Landesregierung, darf die EnqueteKommission nur beratschlagen.

Das Besondere an der Plattform: Betroffene können ihre Probleme auf direktem Wege äußern: „Die Hemmschwelle eines schon seit 15 Jahren geförderten Dozenten, der an einer deutschen Universität arbeitet, ist nämlich viel höher, wenn er sich an die Staatskanzlei wenden muss.” Ähnlich wie bei einer Service-Hotline stehen die Referent*innen für Fragen zur Verfügung. Davon, dass die meisten von ihnen schon länger in der Lokalpolitik tätig sind, erhofft sich Engstfeld, dass direkte Bürger*innenanliegen in die Arbeitsgruppen weiter getragen werden. Diese sind in die Themenfelder Kommunen, Bildung, Wissenschaft, Kultur, Verbraucherschutz, Wirtschaft, Agrarwirtschaft, Umwelt, Klima und Energie eingeteilt.

Neues wagen?

Ergebnisse gibt es trotz laufender Recherchen noch nicht: „Wir müssen erst mit der Regierung, den Kommunen, Industrien und Handelskammern sprechen, inwieweit sie vorbereitet sind und wie ihre Checklisten aussehen.” Das Einzige, was das Gremium derzeit also tut: Probleme finden. Ende März beginnt dann die intensive Arbeit: „Da niemand das Austrittsszenario kennt, können wir uns jetzt erstmal nur auf alle Varianten vorbereiten.” Eine Neuwahl schließt Engstfeld aber ziemlich überzeugt aus. Würde es bis zu den Europawahlen am 26. Mai zu keiner Entscheidung kommen, behalten die alten Verträge mit der EU ihre Gültigkeit – die zweijährige Arbeit dagegen wäre dann hinfällig gewesen.

Für die Landtagsabgeordneten ist die Enquete-Kommission historisches Neuland: „Der Brexit ist ein höchst tagespolitisches Thema, das Gremium wird allerdings abgesehen von Anhörungen sehr konzentriert und nicht-öffentlich arbeiten.” Denn ganz anders als die Enquete-Kommission zur Digitalisierung in NRW stehen die Referent*innen hier massiv unter Zeitdruck. Laptops in Schulen sind eine Verbesserung. Bleiben sie aus, verändert sich aber nichts zum Nachteil der Schüler*innen. Der Brexit zieht allerdings drastische Folgen nach sich, auf die man schnellstmöglich reagieren muss.
 

Schuss ins Herz: Musste Mikael Haile wirklich sterben?

Girmay Habtu hat zwei Jahre nach der Tötung des Geflüchteten Mikael Haile durch die Polizei einige offene Fragen.
 

Parookaville, Rock am Ring, Vainstream und Nibirii: Vier Festivals, vier Mikrokosmen

Vier Festivals, vier Erlebnisse: Das war die Festivalsaison 2019.
 

Die Kollektivschuld der Deutschen am NS

Daniel* untersucht in seiner Dissertation, warum man beim Nationalsozialismus von einer Kollektivschuld der Deutschen sprechen kann.
 
Konversation wird geladen