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SCHWERPUNKT

Frauen* an der Uni – So steht es um die Gleichstellung an der UDE

Frauen* brauchen auch an Universitäten mehr Raum. [Illustration: Jessie Vandalism]
08.03.2021 18:52 - Lena Janßen

Frauen* sind an Universitäten noch immer unterrepräsentiert und benachteiligt – das zeigt sich im Studium und in der Lehre. Die Universität Duisburg-Essen (UDE) ist eine der jüngsten und größten Hochschulen in Deutschland. Doch wie fortschrittlich zeigt sich die UDE im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit und Diversität? Wir haben einen Blick auf die Frauen*förderung der Universität geworfen und mit dem Gleichstellungsbüro, den Vorsitzenden des Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) und zwei Wissenschaftlerinnen der UDE über Chancengleichheit, Feminismus und Zukunftsperspektiven gesprochen.

Geringere Karrierechancen, schlechte Bezahlung und Übergriffe – Frauen* sind tagtäglich mit Ungerechtigkeiten aufgrund ihres Geschlechtes konfrontiert. Diese Formen von Diskriminierung gehören auch an Universitäten zum Alltag. Eva Wegrzyn und Lara Altenstädter, Wissenschaftlerinnen am Institut Arbeit und Qualifikationen (IAQ) der UDE, haben Erfahrungen dieser Art bereits gemacht. „Diskriminierung ist kein moralisches Problem, das auf subjektiv empfundener Kränkung von Minderheiten beruht, sondern leider Teil des alltäglichen Miteinanders“, erklärt Altenstädter. Das äußere sich beispielsweise darin, dass Frauen* in größeren Gruppen die Aufgabe des Kaffeekochens zugedacht werde oder in einer Interviewsituation der Professor gegenüber der Interviewerin unangemessene persönliche Nachfragen stelle. 

Frauen* an der UDE:

42.925 Studierende, davon 49 % Frauen. 

5881 Beschäftigte, davon 49 % Frauen.

509 Professuren, davon 26 % Frauen.

3815 Wissenschaftliche Beschäftigte, davon 46 % Frauen.

1557 Beschäftigte in Technik und Verwaltung (ohne Medizin), davon 62 % Frauen. 

Wegrzyn berichtet von einer übergriffigen Situation mit einem Professor zu ihrer Zeit als studentische Hilfskraft: „Nach einer Tagung abends beim Dinner wurde mir von einem emeritierten (Anm. d. Red.: in den Ruhestand versetzten) Professor der Arm um die Hüften gelegt. Irritierend war, dass niemand der Anwesenden etwas gesagt hat, da wurden die Augen weit aufgerissen und dann weggeschaut.“ 

Dass es einen Unterschied zwischen Frauen* und Männern an Hochschulen gibt, zeigt sich bereits im Studienverlauf. Das legt eine Statistik der UDE dar, die den Karriereverlauf vom Studienbeginn bis zur Berufung auf eine Professur veranschaulicht. Zu Beginn des Studiums ist die Verteilung der Geschlechter beinah gleich. Obwohl Studentinnen ihr Studium erfolgreicher absolvieren, sinkt der Frauen*anteil bei der Promotion bereits auf 43 Prozent, bei der Habilitation auf 28 Prozent, und der Anteil der Professorinnen sinkt auf 26 Prozent. Am Ende des Studiums steht zwar ein großes Potenzial qualifizierter Frauen* zur Verfügung, dieses Potenzial geht jedoch auf dem Weg zur Professur verloren. Obwohl Frauen* häufiger einen Hochschulabschluss machen, sind Führungspositionen überwiegend mit Männern besetzt. Dabei spricht man von einer Leaky Pipeline, die auf eine fortbestehende strukturelle Ungleichheit von Frauen* und Männern hinweisen soll.

Geschlechtergerechtigkeit – Ein wichtiges Thema

Altenstädter und Wegryzn haben sich in einer Studie mit der Gleichstellung an Hochschulen befasst und ein Buch darüber geschrieben. Für sie ist Geschlechtergerechtigkeit ein wichtiges Thema. „Die Spitzenpositionen an Hochschulen bekleiden nach wie vor deutlich mehr Männer als Frauen. Dies betrifft vor allem die Positionen, die in Bezug auf Gehalt und Perspektiven am besten ausgestattet sind“, berichtet Altenstädter. „Die Spitzenpositionen sind das eine“, ergänzt Wegryzn. „Das andere sind jene Bereiche, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten und die schlecht bezahlt sind, wie zum Beispiel in Sekretariaten. Zugleich sind die Anforderungen dort im Zuge der Digitalisierung stark gestiegen, ohne, dass sich was am Gehalt getan hat.“ 

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Frauen* sind an Universitäten noch immer unterrepräsentiert. [Foto: pixabay]
 

Wegryzn erklärt außerdem, warum der Ausstieg von Frauen* beispielsweise aus der Wissenschaft nicht aus freiwilligen Stücken entsteht, sondern aus einem „schleichenden Prozess der unterschwelligen Demotivation“: Frauen* sähen sich immer wieder mit Fragen zur Vereinbarkeit von Familie und Karriere konfrontiert. In den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern zeigt sich seit Jahren eine Frauen*mehrheit unter den Studierenden, trotzdessen gibt es mehr männliche Professuren. In den MINT-Fächern studieren weniger Frauen*. Dort sind die Übergangsquoten vom Studium zur Promotion zur Professur höher als in den Geisteswissenschaften. „Es scheint jedoch so zu sein, dass sogenannte Weiblichkeit im Auftreten und Handeln als nicht förderlich für eine Karriere im MINT-Bereich gelten“, erklärt Wegryzn. Dabei kann es sich beispielsweise um einen Kleidungsstil handeln, der vermeintlich als zu weiblich betrachtet wird.  

Wo steht die UDE?

An der UDE befasst sich das Gleichstellungsbüro, vertreten durch die Gleichstellungsbeauftragte Dr. Regina Hauses, mit dem Fortschritt von Gleichstellung und Diversität. Der Fokus ihrer Arbeit liegt insbesondere auf der Bildungs- und Chancengerechtigkeit. „Die Leaky Pipeline zeigt, dass Frauen in der Wissenschaft einem höheren Drop-Out-Risiko unterliegen als Männer. Hier steuern wir mit geschlechtsspezifischen Angeboten nach“, berichtet Hauses. 

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Auch in anderen Bereichen bemüht sich das Gleichstellungsbüro um Geschlechtergerechtigkeit. So wird unter anderem die gender- und diversitätssensible Lehre gefördert. „Lehre, die gender- und diversitätssensibel ausgerichtet ist, erhöht die Qualität der Ausbildung und baut Stereotypen ab“, erklärt Susanna Pförtsch, studentische Gleichstellungsbeauftragte der UDE. Gemeinsam mit Hauses und dem Gleichstellungsbüro engagiert sie sich darüber hinaus für den Gebrauch von gendergerechter Sprache: „Das Sternchen begegnet uns immer häufiger, wenn wir von Student*innen, Mitarbeiter*innen und Professor*innen lesen. Es ist als Platzhalter ein geeignetes Symbol, um die Vielfalt der Geschlechter abzubilden und nicht nur ein binär und heteronormativ gedachtes Geschlechtermodell fortzuschreiben.“

Vereinbarkeit von Familie und Karriere

Neben ihrer Tätigkeit als Wissenschaftlerinnen sind Altenstädter und Wegryzn auch Mütter. Im Hinblick auf die Betreuungseinrichtungen an der UDE eröffnen sie eine weitere Perspektive: „Wir erachten es als elementar, dass das Personal in Kinderbetreuungsreinrichtungen bereits in der Ausbildung für Genderthemen sensibilisiert wird. Immerhin verbringen Kinder sehr viel Zeit in diesen Bildungseinrichtungen.“ Dadurch könne dazu beigetragen werden, dass traditionelle Rollenbilder aufgebrochen werden und Kinder frei von stereotypischen Rollenbildern aufwachsen können. 

Mutter*schaft ist auch ein wichtiger Aspekt der Gleichstellungsarbeit: Schwangerschaft, Elternschaft und die Betreuung Pflegebedürftiger dürfen nicht zur Benachteiligung im Studium und beim Studienabschluss führen. Frauen* investieren am Tag 52,4 Prozent mehr Zeit in unbezahlte Care-Arbeit als Männer. In Kombination mit einem Studium kann das zu einer Belastungsprobe werden. Frauen* mit Fürsorgeaufgaben können sich an ihre Fakultät wenden und eine bevorzugte Zulassung zu Lehrveranstaltungen in Anspruch nehmen. So lassen sich die Betreuungsmöglichkeiten an den Stundenplan anpassen. Das Gleichstellungsbüro unterstützt zudem Prüfer:innen und Lehrende darin Lösungen zu finden, Nachteile auszugleichen, die im Zuge einer Schwangerschaft im Studium entstehen.

Weitere Aufgabenfelder des Büros sind die Repräsentation von Frauen* an der Hochschule und eine faire Entlohnung. „Frauen sind an Universitäten immer noch unterrepräsentiert. Das zeigt sich in Führungspositionen, in Hochschulgremien und auf Wahllisten. Die Gleichstellungsquote wirkt gegen strukturelle Diskriminierung, ist in der konkreten Umsetzung aber herausfordernd“, erklärt Hauses. Aus diesem Grund hat die UDE 2019 ein Gleichstellungszukunftskonzept erarbeitet, das zur Erhöhung des Professorinnenanteils beitragen soll. „Auch beim Thema Geld werden ungleiche Chancen sichtbar. Das gilt schon für das Taschengeld – bereits hier sind Mädchen strukturell benachteiligt – und endet bei dem Einkommen unserer Professorinnen“, führt Pförtsch weiter aus.

Repräsentation und faire Bezahlung von Frauen ist auch für Wegryzn und Altenstädter vom IAQ ein wichtiges Thema. „Es ist ein Verdienst der Frauenbewegungen, dass heute überhaupt Frauen in Hochschulen vertreten sind“, berichten die Wissenschaftlerinnen. Darüber hinaus setzen sich Feminist:innen für faire Bezahlung ein: „Frauen- und Männertätigkeiten werden unterschiedlich bewertet und entlohnt. Feminismus zielt darauf ab, diese Missstände sichtbar zu machen und aufzulösen.“

Studentische Perspektive

Doch wie beurteilt die Studierendenschaft die bisherige Arbeit der UDE? Die beiden Vorsitzenden des AStA, Aylin Kilic und Sarah Lück, sehen sowohl Stärken als auch Schwächen: „Die UDE ist auf einem guten Weg und hat viele engagierte Studierende, Mitarbeiter*innen und Professor*innen, die in den Gremien ein kritisches Auge auf Entwicklungen haben und mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen den Unialltag für alle gerechter gestalten“, erklären Kilic und Lück. „In den Bereichen familiengerechte Uni und in der Repräsentation von Professorinnen muss unsere Uni noch aufholen.“

Seit Februar 2021 bilden Kilic und Lück den Vorsitz des AStA. Beide sind froh, nicht die erste weibliche Doppelspitze der Studierendenschaft zu sein und auf die Erfahrungen ihrer Vorgängerinnen aufbauen zu können. Eine weibliche Doppelbesetzung kommt bundes- und landesweit selten vor, darum betrachten die Beiden ihre Position nicht als selbstverständlich. Dennoch bemerken sie: „Wir sehen es als ein Zeichen dafür, dass unsere Empowermentstrukturen in den hochschulpolitischen Listen greifen und sehen darin eine nachhaltige Entwicklung.“ 

Der AStA arbeitet eng mit dem Gleichstellungsbüro zusammen. Ein besonderes Augenmerk in der Zusammenarbeit liegt dabei auf Awarenessstrukturen. Diese sollen auf Diskriminierung aufmerksam machen und dafür sensibilisieren. „Damit sich alle Kommilitoninnen am Campus, auf den Veranstaltungen und Partys wohlfühlen. Die feministische Arbeit des AStA liegt uns sehr am Herzen, da sich strukturell noch immer viel ändern muss, damit Frauen* die gleichen Chancen haben“, betonen Kilic und Lück.

Blick in die Zukunft

Auch Altenstädter und Wegrzyn sehen die Gleichstellung an Hochschulen lange nicht am Ziel. „Geschlechtergleichstellung vollzieht sich insbesondere an Hochschulen langsam. Um Tempo aufzunehmen und Gleichstellung in der Zukunft zu erreichen, müssten verbindliche Zielquoten her“, erörtert Altenstädter. Ihrer Meinung nach sollten Hochschulleitungen verdeutlichen, dass „Bestenauswahl und Gleichstellung einander bedingen und kein Widerspruch sind.“ Um Gleichstellung intensiver zu fördern und in den Uni-Alltag zu integrieren, empfiehlt Wegrzyn: „Verbindlichkeiten einfordern und Entwicklungen überprüfen, den Gleichstellungsbeauftragten mehr Gewicht geben und das Thema Gender- und Mehrfachdiskriminierung in die Curricula integrieren.“

Laut Wegryzn sollten vor allem Professoren hinterfragen, ob individuelle Leistungen nicht nur ein Produkt von Fleiß, Beharrlichkeit und Begabung, sondern auch das Produkt eines Netzwerks vieler Menschen sind: „Angefangen im Elternhaus, der Schule bis hin zu Förderungen durch Mentor*innen, Freund*innen und so weiter. Und eben auch Glück.“ Diese Netzwerke von Führungspersonal sind meist männlich geprägt, was die schlechteren Chancen von Frauen* auf solche Positionen zementiert. Aus Altenstädters Perspektive können alle Akteur:innen einer Hochschule ihren Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit leisten. Sie merkt darüber hinaus jedoch an: „Es ist vor allem Leitungsaufgabe, Gleichstellung als Zielvorgabe zu vertreten. Es darf kein Zweifel aufkommen, dass Geschlechtergleichstellung wichtig und noch nicht erreicht ist.“ Für beide Frauen steht fest: „Solange sich an tiefsitzenden kulturellen Vorstellungen und Zuschreibungen wenig ändert, ist Gleichstellung ein wichtiges Thema.“
 

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