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SCHWERPUNKT

Feminismus, Selbstständigkeit und Pornografie – ein Widerspruch?

Manche Frauen stehen gerne nackt vor der Kamera. [Symbolbild: pixabay]

16.12.2020 16:09 - Redaktion

Die meisten von uns haben irgendwann schon einmal einen Pornofilm gesehen. Verwehrt bleibt einem aber meist der Blick hinter die Kulissen. Wie choreografiert sind Sextapes? Welche Absprachen werden getroffen, bevor auf „Aufnahme“ gedrückt wird? Wie viel Feminismus gibt es auf Tubeseiten, die Titel anbieten wie „Papa fickt Tochter in der Sauna“? akduell hat darüber mit Sexarbeiterin Candy und Pornoproduzentin Paulita Pappel gesprochen. 

Licht, Kamera, Action! Nicht nur in Hollywood müssen Szenen gut ausgeleuchtet und die richtige Kameraperspektive eingestellt werden. Auch hinter manchen „Schmuddelfilmen“ steckt oft ein ganzes Produktionsteam, selbst wenn die Aufnahme hinterher roh wirkt. Paulita Pappel stand schon oft vor der Kamera, aber auch in anderen Bereichen der Pornoindustrie ist sie tätig. Schon lange setzt sie sich für queerfeministische Rechte ein und dafür, die Industrie zu entstigmatisieren. Sie arbeitet als Produzentin und Regisseurin und war Mitbegründerin der kostenpflichtigen Amateur-Pornoseite Lustery. Bei Sexfilmen unterscheidet sie zwischen zwei Kategorien: dokumentarischer- und Spielfilm-Porno. Innerhalb der ersten Sparte könne man zwischen Filmen mit Pärchen und Videos mit Menschen ohne private Beziehung zueinander unterscheiden. „Ein dokumentarischer Porno ist ein Film ohne Drehbuch, Rollenbeschreibung und Choreographie. Da haben also einfach Menschen Sex vor der Kamera, wie sie ihn sonst auch haben würden“, erklärt sie. 

Ein Plädoyer für Periodensex

Teil 11 der Unisex-Kolumne: Warum Periodensex nicht eklig ist und die Abscheu davor gesellschaftlich indoktriniert ist.
 

Candy ist hauptberuflich Sexarbeiterin im Bereich der Prostitution. Pornos dreht sie als Nebenbeschäftigung. In die Sexarbeit stieg sie nach ihrem Studium ein, weil sie „schon immer eine Faszination für die Sexarbeit hatte und dachte, ich probiere das einfach mal aus.“ Sie hat schon an einer Reihe ganz verschiedener Filme mitgewirkt, sowohl im alternativen-, als auch im Mainstream-Bereich. Sie arbeitet am liebsten an Filmen mit, die einen neuen oder alternativen Blick auf Sexualität werfen. Tendenziell ließen sich kommerzielle Produktionen von nicht-kommerziellen Produktionen unterscheiden, sagt die Sexarbeiterin. „Letztere haben häufig einen künstlerischen oder politischen, zum Beispiel queeren, Fokus, während erstere vor allem mit dem Ziel produziert werden, ein gut verkäufliches Produkt zu schaffen“, erklärt Candy. „Indie-Produktionen sind oft Herzensprojekte, bei denen nicht so viel Geld und keine Firmen dahinter stecken. Bei kommerziellen Projekten verdient man meistens viel besser und man muss ja auch seine Miete bezahlen“, sagt sie. 

Blick hinter die Kamera

Was genau passiert, bevor es in einem dokumentarischen Porno vor der Kamera heiß her geht, erklärt Pappel: „Da spricht man als erstes mit den Menschen, die im Film zu sehen sind. Bei Lustery sind das zum Beispiel Paare. Denen sage ich einfach, ‚macht worauf ihr Bock habt, nehmt euch Zeit, habt Spaß‘.“ Genauere Absprachen müsse man treffen, wenn man mit Performer:innen arbeitet, also mit Menschen, die sich nicht kennen. In Vorgesprächen kommunizieren deshalb alle ihre Vorlieben. „Das geht von ‚ich mag geküsst werden, ich mag gebissen werden, aber nicht so hart‘ bis ‚ich mag am Rücken gestreichelt werden‘ – alles Mögliche. Genauso auch, was sie nicht mögen. Also ‚ich mag diese Stellung nicht‘, ‚ich brauche das und das, bevor ich das mache‘, ‚ich will auf keinen Fall anal‘ oder dass jemand mit der Zunge nicht an das Ohr kommt, weil es kitzelt“, beschreibt Pappel. Innerhalb dieses Rahmens seien die Darstellenden frei in dem, was sie vor der Kamera tun. 

Etwas aufwändiger seien größere Produktionen. Die Produzentin schickt den Performer:innen vorab eine Checkliste, auf der sie Dinge wie Vorlieben angeben können. Das Produktionsteam sucht dann nach passenden Konstellationen. „Wenn eine Frau sagt, dass sie Sperma eklig findet, passt sie nicht mit einem Performer zusammen, den es total anturnt, wenn die Frau mit seinem Sperma spielt“, verdeutlicht sie. Das Gespräch unmittelbar vor dem Dreh gebe es trotzdem, damit man sich gegenseitig Fragen stellen könne wie „‚du magst geschlagen werden, aber meinst du im Gesicht oder am Po und wie hart magst du es?‘“ Pappel ist davon überzeugt, dass man durch diese Gespräche nicht nur für andere Drehs dazulernen kann, sondern auch für das Privatleben. 

Choreografierte Spielfilm-Pornos

Bei Spielfilm-Produktionen sehen die Bedingungen anders aus. Die Darstellenden sind weniger frei, denn es wird festgelegt, welche Stellungen und welche Kameraperspektiven zu sehen sein werden. „Da muss vorher klar kommuniziert werden, was erwartet wird und die Performer oder Performerinnen müssen dann wissen, ob sie es machen oder nicht“, erklärt Pappel. Die Darstellenden müssen zwar nichts tun, was sie nicht wollen, um ihre eigenen Vorlieben geht es dabei allerdings auch nicht. Candy stellt klar: „In der Sexarbeit geht es nicht darum, dass Frauen ihre Sexualität ausleben, auch wenn es von Außen so aussieht, als würden sie sich sexuell darstellen. Das ist natürlich Teil des Marketings.“ 

Vor allem erbringe man eine professionelle Dienstleistung und das möglichst unter geregelten und sicheren Arbeitsbedingungen. „Es ist nicht unbedingt so, dass ich in der Sexarbeit meine eigene Sexualität ausleben kann. Ich arbeite mit meiner Sexualität und nutze sie für den Job. Bei meiner Arbeit geht es mir darum, fair behandelt und bezahlt zu werden und dass sich an Absprachen gehalten wird“, sagt sie. Genau das ist Pappel bei ihren Produktionen wichtig. Sie betont: „Jeder kann jederzeit abbrechen wenn etwas nicht stimmt oder wenn man mal eine Pause und einen Schluck Wasser braucht.“ Sie verwendet gerne Safewörter, wie „rot“, weil diese in Positionen, die eine gute Artikulation nicht erlauben, einfacher auszusprechen sind. „Rot heißt: sofort Abbruch“, erklärt Pappel.

Manchmal wissen die Darstellenden ganz genau, wann was passiert, denn einige Szenen seien komplett durchchoreographiert, so die Pornoproduzentin. „Dann ist ganz klar, die Kamera steht erst hier und dann kommt diese Stellung und dann musst du die Beine noch weiter auseinanderziehen und der rechte Arm muss so liegen, damit ich den Shot gut hinkriege“, beschreibt sie den Vorgang. Was hinterher wirklich zu sehen ist, entscheidet das Produktionsteam. Manche Szenen erfordern eine Vorbereitungsphase, zum Beispiel wenn Analsex darin vorkommt. Einige Performer:innen benutzen Dildos, um den Anus schon vor dem Dreh zu weiten. Auch diese „Aufwärmphase“ könne man filmen, so Pappel. Viele Produzent:innen würden den Darstellenden aber eher eine halbe Stunde Zeit zur Vorbereitung geben, ohne diese mit der Kamera aufzunehmen. „Da ist das Problem, dass man die Performerin dann im Film sieht und denkt, dass es ganz einfach geht. Es geht aber nicht so einfach, sondern die Darstellerin hat vielleicht eine Stunde damit verbracht, sich warm zu machen“, kritisiert Pappel. 

Lohn auf Verhandlungsbasis

Auch die Gehaltsverhandlungen bleiben den Konsument:innen verborgen. Wie diese verlaufen, erklärt Candy. An die Rollen kämen Darstellende oft über Inserate oder Castings. Auch über Plattformen wie kaufmich.com werde man angeworben. „Bei einem normalen Shoot wird verhandelt, was mit wem wie lange gemacht wird und wie viel Geld es dafür gibt. Das wird genauso verhandelt wie bei anderen Jobs auch.“ Natürlich gebe es Produzent:innen, die sich nicht daran halten, das sei ihr aber noch nicht passiert. „Auf dem westlichen Markt ist das auch nicht üblich“, sagt sie. Wenn Darstellende doch mal um ihren Lohn oder den Betrag betrogen werden, kann das zu Problemen führen. 

„Es gibt keine Copyright- oder überhaupt irgendwelche Kontrollen.“

Gewerkschaften gibt es nicht, nur informelle Strukturen, zum Beispiel Performer:innen, die sich vernetzen. „Aber wir sind alle selbstständig, es gibt keine Anstellungsverhältnisse“, gibt Candy zu Bedenken. Sexarbeiterinnen begegnen in diesen Fällen den gleichen Problemen wie andere Selbstständige, sprich bei Vertragsbruch geht die selbstständige Person in Vorleistung und muss dann ein Mahnverfahren einleiten. Es gebe zwar den Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen, die Organisation ist aber recht klein, und eine Lobby, die sich für strukturelle Lösungen einsetzt, gebe es nicht. Pappel beschreibt: „Jede Firma entscheidet das für sich. Im besten Fall werden die Performer vor dem Dreh über alles transparent informiert, damit sie entscheiden können, ob ihnen das passt oder nicht“. 

Solche Gehaltsverhandlungen seien in den meisten Firmen der Standard. Tarifverträge gebe es nicht, weil die Industrie sehr wenig reguliert ist, so die Produzentin. Wie viel man als Performer:in verdient, variiert stark. Candy erklärt: „Es gibt teilweise Honorare pro Szene oder pro Drehtag, gerade wenn man mit Produktionsfirmen arbeitet. Das ist allerdings auch sehr unterschiedlich und abhängig vom Geschlecht der Performer:in – Cis-Frauen bekommen tendentiell am meisten – und von den ausgeübten Praktiken – zum Beispiel gibt es einen Aufschlag für Anal. Natürlich hängt es auch vom Status und der Bekanntheit des Models ab.“ Man müsse außerdem im Auge behalten, dass Darsteller:innen Selbstständige sind, das bedeute hohe Abzüge und keine sichere Auftragslage. „Man wird in aller Regel nicht reich als Pornodarstellerin, sondern man macht zum Beispiel zusätzlich noch Webcam-Arbeit, um genug zu verdienen“, fügt Candy hinzu.

Tubeseiten vs. Bezahlseiten

Nicht nur in diesem Zusammenhang ist Pappel die Unterscheidung zwischen kostenlosen Tubeseiten wie xHamster und Pornhub und Bezahlseiten wie Lustery wichtig. Diese würden sich schon durch ihr Firmenmodell komplett voneinander unterscheiden. Plattformen wie Lustery basieren auf kostenpflichtigen Mitgliedschaften. Um ein Video zu sehen, zahlt man entweder monatlich oder pro Video. Das Geld ginge an die Produktionen und die Performer:innen, erklärt Pappel. Auf Tubeseiten kann jede:r Nutzer:in alles frei hochladen. Das Geld generieren die Betreiber über Werbeanzeigen. „Bei den Machern und Darstellern kommt nichts an. Da geht es um Massen und um Terabyte von Videos, damit möglichst viele Menschen darauf klicken und möglichst viele die Werbung sehen“, bemängelt Pappel. 

Auch Sexarbeiterin Candy bestätigt, dass Pornoproduzent:innen aufgrund der enormen Reichweite gern Trailer oder ganze Filme als Werbung auf diesen Seiten für ihre Plattform anbieten. „Das sind eben gewinnorientierte Unternehmen, die in diesem Sinne agieren, was nicht unbedingt ethisch ist. Das ist bei anderen Unternehmen aber nicht anders“, findet Candy. Auf diesen Seiten finde man aber auch viele gestohlene Inhalte, denn „es gibt keine Copyright- oder überhaupt irgendwelche Kontrollen“, kritisiert Pornoproduzentin Pappel.

Dass es so viele kostenlose Tubeseiten gibt, findet Candy in Zeiten des Internets und des Streaming logisch. Darauf müssten sich alle einstellen und es erst einmal als Marktbedingung hinnehmen, sagt die Sexarbeiterin. Per se sei nicht negativ, dass es so eine große Auswahl an Videos gibt. Pappel sieht das etwas kritischer. „Die Leute denken, Pornhub ist umsonst, warum sollte ich dann Geld für Videos ausgeben? Natürlich verlieren die Videos so an Wert“, beschwert sie sich. Pornos zu produzieren, kostet Geld. So müssten die Produktionen immer günstiger werden und sich an den Massen orientieren. Auf kostenpflichtigen Plattformen könne man andere Wege gehen: „Bei Seiten wie Lustery kontrollieren wir jedes Video und reden mit den Menschen. Die Leute müssen sich bei uns ausweisen und Verträge unterschreiben, die sicherstellen, dass die Menschen volljährig sind und das freiwillig machen. Bei Tubeseiten gibt es all diese Kontrollen nicht. Man weiß nicht, wie alt die Menschen sind, ob sie wirklich freiwillig da sind. Das ist ein riesiges Problem.“

Der Feminismus steckt in der Diversität

Lassen Tubeseiten also überhaupt noch Feminismus zu? Schließlich kann man sich dort bei vielen Film nicht vollständig sicher sein, dass hinter den Kulissen alles rechtens abläuft und alle freiwillig mitwirken und volljährig sind. Dieser Teil bleibt für die Konsument:innen unsichtbar. Immerhin gehören Kategorien wie „Teens“, in denen sehr junge Frauen auftreten zu den beliebtesten Kategorien. Der Verdacht, dass hier potenziell Minderjährige sexualisiert werden, liegt nahe. Dass man trotzdem Feministin und Pornodarstellerin sein kann, steht für Candy außer Frage. „Das Feministische daran ist für mich, Frauen zuzugestehen, ihre Sexualität als Mittel zu nutzen, um Geld zu verdienen, damit sie eben nicht ausgebeutet werden.“ 

„In der Sexarbeit geht es nicht darum, dass Frauen ihre Sexualität ausleben“

Längst gibt es auf dem Markt feministische Pornostreifen. Aber was macht die eigentlich aus, ein „weiblicher Blick“ auf die Szenen? „Ich glaube, es gibt nicht den einen weiblichen Blick. Das würde ja voraussetzen, dass alle Frauen den gleichen Blick und die gleichen Vorlieben haben und das ist nicht so“, meint Pappel. Sie will Diversität betonen und zeigt deshalb eine Vielfalt an Körpern, Sexualitäten, Sexualpraktiken und Perspektiven, „eben weil diese Industrie, genau wie die meisten anderen auch, männerdominiert ist“. Diese große Vielfalt würde auch die Konsument:innen besser abbilden. „Es geht darum, eine Wahl zu haben zwischen Hardcore Gang Bangs und dokumentarischen Pärchen-Sextapes“, so Pappel. 

Nach Meinung von Candy, leiden auch die Konsument:innen unten den Stigmata, die Pornos anhaften, wenn auch in einem geringeren Maß als die Darstellenden. Viele Nutzende schämen sich dafür, Sexfilme anzuklicken. „Das hat oft zur Folge, dass man sich schnell kostenlos was im Internet anguckt, sich dazu einen runterholt und dann schnell wieder weg klickt. Auf Tubeseiten ist das, was man da macht, weniger ‚offiziell‘“, glaubt sie. Das würde das Geschäft der Tubeseiten begünstigen, was sich wiederum negativ auf selbstständige Produzent:innen auswirke. Pappel stört sich am meisten am Bild der ausgebeuteten Pornodarstellerin. „Das ist eine Narrative, die Frauen immer als Opfer sieht. Das nimmt den Frauen die Möglichkeit, eine selbstbestimmte Sexualität zu leben“, betont sie. Nicht die Pornos, sondern die Gesellschaft produziere das Bild, dass Frauen in ihrer Sexualität passiv sind und keine richtige Lust empfinden, sondern nur Sex haben, um Kinder zu bekommen oder wegen ihrer Beziehung. Pappel ist überzeugt: „In den Pornos sind die Frauen sexuell selbstbestimmter und freier als bei den meisten Fernsehproduktionen.“
 

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