Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Fashion und Gender

Wieso assoziieren wir ausgewählte Kleidungsstücke mit bestimmten Geschlechtern?

20.02.2022 11:08 - Nikita Marcus Verbitskiy

Wir suchen unsere Kleidung instinktiv nach unseren ästhetischen Ansprüchen aus. Die Farbe, die Form und der Stoff sagen uns zu, oder eben nicht. Fast automatisch schließen wir einen großen Teil der Auswahl aus, ohne ihn uns überhaupt näher anzuschauen. Denn er ist angeblich nicht für uns

Betrachtet man die Schaufenster in den Fußgängerzonen, finden sich Bilder, die einer jahrzehntelang gebildeten Erwartung entsprechen. Grelle Schilder mit Angeboten, die versuchen, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, es jedoch nicht schaffen, da sie in einem Meer nicht weniger greller Schilder schwimmen. Ein perfektes Zahnpastalächeln hier und da. Und Schaufensterfiguren mit perfekten Maßen, die uns zeigen, mit welchen Marken wir diesen Herbst zwischen all den anderen Braun- und Beigetönen untergehen können. Oder so ähnlich.

Wie queer sind die Streamingdienste? - Apple TV+

Von Selome Abdulaziz in Kultur
 

 

Mittlerweile shoppt man schließlich eher online. Doch dort beginnt das gleiche Spiel noch früher. Während man im Schaufenster sieht, was das „andere Geschlecht” diese Saison tragen soll, wird einem die Möglichkeit bei Zalando und Co. genommen. Bevor man sich überhaupt entscheiden kann, ob man einen Schuh oder Pullover sucht, muss man das Geschlecht angeben. Ein Klick, der die suchende Person die Hälfte der Auswahl kostet. 

Doch was verbirgt sich hinter der ungefragten Vorauswahl? Auf diese Frage stieß auch Malik Rohmann. Er war Gestalter für visuelles Marketing bei einem großen Modeunternehmen. „Ich wollte ein Herrenoutfit zusammenstellen und fand das perfekte Hemd. In der Damenabteilung. Also fragte ich die Abteilungsleiterin, ob ich das auch verwenden kann, woraufhin sie verneinte. Ich musste mich mit der zweiten Wahl begnügen, was ich einfach nicht verstand.” Auch im persönlichen Rahmen machte er ähnliche Erfahrungen: „Als ich auf der Suche nach einer schwarzen und nicht allzu teuren Hose war, ging ich zu Zara und H&M. Bloß nicht skinny, ruhig etwas schicker und am besten mit Schlag sollte sie sein. Fehlanzeige. Also ging ich in die Damenabteilung, da ich mir schon dachte, dort eher etwas passendes vorzufinden. Siehe da, Schlaghosen en masse, alle erdenklichen Farben, Stoffe und Ausführungen. Ich fand eine ideale Form in beige, also fragte ich eine Mitarbeiterin, ob sie die gleiche Hose auch in schwarz habe. Darauf kam plump die Frage, ob die Hose für mich oder eine Frau sei. Ich antwortete nichtsahnend ‚für mich’, da ich dachte, es ginge um die Größe: Doch auf einmal wurde ich schnurstracks in die Herrenabteilung zurückgeführt, wo sie einen Kollegen erfolglos um Rat fragte.” 

Als er endlich eine Hose mit Schlag fand und zur Arbeit trug, ließ der Kommentar, ob es die Hose auch für Männer gäbe, nicht lange auf sich warten. „Ich hatte ein Deja-Vú, denn den gleichen Kommentar hörten meine Freunde und ich mit 16, als wir uns eine Skinny Jeans kauften. Nun trug der Kommentator sie selbst. Ich musste an einen Tipp denken, der mir als Kaufberatung gegeben wurde: ‘Willst du dem Trend voraus sein, schau in die Frauenabteilung. Der Trendzyklus geht bei der Damenmode früher los als bei den Herren.’” Doch so einfach ist das Gestrüpp aus Geschlechterrollen, Patriarchat, Haute Couture und Fast Fashion nicht zusammenzufassen. 

Dior-Damen und Marlene-Hosen 

Historisch bestand die Modezielgruppe einst ausschließlich aus Frauen. Bei den Herren sollte es bloß ein gut sitzender Anzug sein. Lange Zeit war die einzige Entwicklung in der Herrenmode, was gut sitzend nun bedeutet. In einem Jahrzehnt sollte das Revers groß und die Krawatte breit, im nächsten der Bund der Hose hoch und die Krawatte schmal sein. Das lag daran, dass der Mann immer respektabel auszusehen hatte, um in der rein männlichen Arbeitswelt ernst genommen zu werden. Der Frau wurde früh das Klischee angehängt, sie wolle nur shoppen und gut aussehen, daher durfte es bei ihr extravaganter sein. Mode war feminin, doch von Männern geformt. Geht man zurück zum Beginn der Modewelt, wie wir sie heute kennen, gibt es einige Ereignisse, die hier von besonderer Bedeutung sind. Als Beispiel wären die Marlene-Hose und die Gründung des Hauses Christian Dior zu nennen. Marlene Dietrich stellte die Modewelt 1930 auf den Kopf, als sie in einigen Filmen anfing, Herrenanzüge zu tragen. Sie kombinierte für Herren geschnittene Anzughosen mit Bundfalte und hoch sitzendem Bund mit Frack oder Zylinder. Durch ihre Ausstrahlung und ihr Selbstbewusstsein schuf sie ein neues Verständnis dafür, was feminin sein kann. Sie fühlte sich laut eigener Aussage komfortabel, war frei und ungehemmt und hoffte, andere Frauen würden sich trauen, es ihr nachzutun. Dadurch konnten sie und zahlreiche andere Frauen ihrer Generation das Gefühl der Befreiung empfinden, sowohl im Sinne des Komforts als auch im Sinne der Entbindung von patriarchalischen Konventionen. 

06_Schwerpunkt Bild 1.jpg
Christian Diors Vision hat sich ausgezahlt – seine Marke ist 75 Jahre später begehrt wie eh und je. [Foto: pixabay]

 

Als Gegenbeispiel hierzu ist Christian Dior zu erwähnen. Dem Gründer des gleichnamigen Modehauses wird nachgesagt, Haute Couture zu dem gemacht zu haben, was sie heute ist. In einer Zeit der Knappheit - Dior gründete sein Haus 1946 - scheute er sich nicht davor, Unmengen teurer Stoffe zu verwenden und extravagante Schnitte zu schaffen. Sein Markenzeichen waren eine akzentuierte Hüfte und Brust, mit einer schmalen Taille. Ein Idealbild, nachdem Frauen fast achtzig Jahre später immer noch streben. 

Dadurch entstanden einige Splitterbewegungen, die eine Alternative zur allgemeinen gesellschaftlichen Erwartung boten. Diese waren allerdings oft nur Randgruppierungen oder kurzlebige Trends. Das von Christian Dior entwickelte Ideal der Frau ist weiterhin fest in den Köpfen der Allermeisten verankert. Innovative Neuerungen und Stilbrüche werden von Fast-Fashion Ketten verwässert und angepasst weiterverkauft, meist in einer figurbetonteren Variation. Der männlich dominante Einfluss ist ebenfalls im Marketing zu erkennen. Jacketts, deren Silhouette ursprünglich „männlich“ war, werden an Frauen als „Powerblazer“ verkauft. Bequeme, lockere Jeans als „Boyfriend-Jeans“ vermarktet. Marlene Dietrich schaffte es damals, die Anzughose für sich einzunehmen, doch dies bleibt eher die Ausnahme als eine Regel. Im Laufe der Zeit gab es einige Modeschöpfer, die versuchten, mit Traditionen zu brechen. Sie wollten die Modewelt schockieren, Erwartungen untergraben und ein neues Verständnis für Ästhetik schaffen. Rei Kawakubo, Gründerin des Hauses Comme des Garcons, schaffte es zusammen mit Yohji Yamamoto und seinem gleichnamigen Label die bisherigen Konventionen über Bord zu werfen, um Wegbereiter für „Anti-Fashion“ zu werden. Durch eine abwesende Farbpalette (ihre Kollektionen waren zu der Zeit größtenteils schwarz) und „unförmige“ Proportionen wollten sie sich vom zuvor geprägten Idealbild der Ästhetik entfernen und wurden aufgrund dessen zu Beginn ihrer Karriere abweisend behandelt. 

Men in fashion

Mit den Jahren weitete sich die Perspektive vieler cis-Männer, was maskulin sei. Filmstars, Musiker und Sportler wagten es, ausgefallenere Outfits zu tragen und somit verschob sich das Verständnis ästhetischer Normen. Bereits in den 60er und 70er Jahren konnten Musiker wie Jimi Hendrix und Robert Plant zeigen, dass Männer lange Haare und enge Hosen mit Schlag tragen können. Während es sich dabei um eine temporäre Rebellion gegen gesellschaftliche Normen handelte, gab es mit der Zeit einen dauerhaften Imagewandel in der Mode. Lange Zeit war es weiterhin ein als schwach angesehenes Verhalten, wenn Männer sich für Mode interessierten. Selbst in den 2000ern war es noch ein oft verwendeter Witz, dass Männer, die auf ihr Äußeres achten, homosexuell seien. Doch mit der Zeit wuchs die Nachfrage nach männlichen Modelinien und immer mehr Häuser befriedigten diese. Wenn auch noch nicht Haute Couture, dann zumindest Ready-to-wear. 

„Wenn ich ein Croptop anziehe, muss ich mit vielen unangenehmen und kritischen Blicken rechnen.“

Ein essenzieller Beitrag zu diesem Wandel war Jean-Paul Gaultiers S/S 1985 Kollektion Et Dieu Créa l’Homme, in welcher er die Malemodels unter anderem mit Röcken ausstattete. Nicht der Erste, der auf diese Idee kam, Röcke sind in der Geschichte auch an Männern zu sehen (zum Beispiel Kilts), half er dennoch das Potential für Akzeptanz zu säen. So auch mit seiner Aussage: „There is no difference between my men’s and women’s clothes, all things can be mixed. Everything can be beautiful, small and big – small girls, big girls, big boys, small boys.“ Gaultier half, nicht nur Geschlechterrollen aufzubrechen, sondern auch in einer Welt, in der Body Shaming als Qualitätskontrolle galt, neue Maßstäbe zu schaffen. Nachdem es üblicher wurde, dass Männer modeinteressiert sein können und Präzedenzfälle für Alternativen zur „klassischen" Maskulinität entstanden, stand der Entwicklung genderneutralerer Trends theoretisch nichts mehr im Wege.

They/Them 

Die Realität sieht heutzutage allerdings anders aus. Es gibt zwar immer mehr Menschen, die sich nicht mehr an klassischen Geschlechterrollen und den damit verbundenen Silhouetten orientieren. Doch sobald es weiter als der zuvor erwähnte Powerblazer geht, wird man schräg angeschaut: „Wenn ich ein Croptop anziehe, muss ich mit vielen unangenehmen und kritischen Blicken rechnen“, berichtet Malik. Bei vielen Menschen kann das Unwohlsein auslösen und sie davon abhalten, sich modisch vollkommen zu entfalten. 

So sieht das auch Meagan Anne Scott. Sie ist eine Tattoo- und Makeup-Artistin und Model. Früher hat sie sich in ihrer Kleidungswahl mehr an klassischen Genderrollen orientiert, da sie glaubte, einem gewissen Bild entsprechen zu müssen, um als feminin angesehen zu werden. Besonders in einer Zeit, in der sie eine Kurzhaarfrisur mit Undercut trug, traute sie sich selten, maskuline Kleidung zu tragen. „Wenn ich maskuline Klamotten trug, hatte ich das Gefühl, dass meine feminine Identität verschwand, was mir zu Beginn Unwohlsein bereitete, da ich nicht wusste, wie ich betrachtet werde“, so Meagan. Mittlerweile stellt das für sie kein Problem mehr dar, denn sie müsse nicht zwangsläufig als Frau einkategorisiert werden. „Ich benutze die Pronomen ‚she/they‘ und habe gemerkt, dass mir das überhaupt nicht wichtig ist. Ich fühle mich wohl damit, in beiden Kategorien gesehen zu werden, also männlich oder weiblich.“ 

So selbstbewusst kann nicht jede:r damit umgehen. Vielen Menschen sind die argwöhnischen Blicke so unangenehm, dass sie die wahre Tragweite ihrer Ausdrucksstärke verstecken. Besonders bei Männern ist die gesellschaftliche Akzeptanz noch nicht so weit fortgeschritten, wie man nach Gaultier und Hendrix meinen würde. „Dadurch, dass man als Frau nicht unbedingt komisch angeschaut wird, wenn man sich maskulin anzieht, fiel mir das Rumprobieren leichter“, teilt auch Meagan die Erfahrung vieler Anderer. 

Gleichzeitig müssen sich viele Männer erklären, wenn sie nicht dem klassischen Männerbild entsprechen. Nägel lackieren ist in vielen Kreisen ein No-Go, ein Kleid sieht man höchstens als Statement auf einem roten Teppich. Laut Malik macht die Tatsache, dass viele Männer sich in ihrer Maskulinität fragiler fühlen, einen Teil des Problems aus: „Alphas tragen nun mal keine Legwarmer.“ 

07_Schwerpunkt Bild 2.jpg
In Berliner Technoclubs schon der Standard, im falschen Viertel ein Auslöser für Gewalt: ein Mann im Meshtop. [Foto: @negativebynature]

 

Kommentare und Äußerungen bezüglich der Garderobe anderer sind nicht unbedingt rar. Die Hoffnung, dass Aussagen wie: „Gab’s das auch für Männer?“ oder „Bist du schwul oder was!?“, der Vergangenheit angehören, wird regelmäßig enttäuscht. Der zweite Kommentar hat einen nachvollziehbaren Ursprung, denn in der queeren Szene kann man sich modisch mehr trauen.

Verlässt man die binär gezogenen Linien des Geschlechts, eröffnen sich endlose Möglichkeiten der Entdeckung und Rekombination. Auf einmal gibt es keine Damen- und Herrenabteilung mehr. Die Unterscheidung wird zu einem irrelevanten Konstrukt. „Mit dem Alter habe ich mich stark von dem Leitbild der Geschlechterrollen entfernt, habe mich im ganzen Laden ausgetobt und jede Stilrichtung probiert“, beschreibt Meagan ihre Erfahrung. Die Wahl der Kleidung ist oft in der Geschlechtsidentität verankert und meist ist diese von bisher gebildeten Strukturen ästhetisch eingezäunt. Definiert man sich als Mann, kleidet man sich so, wie sich Männer bisher gekleidet haben. Weitet sich diese Identität, so wächst das visuelle Spektrum, aus dem man Inspiration zieht. 

Eine Entkopplung des Kleidungsstils von der Geschlechtsidentität ist selten zu beobachten. Es kommt nicht alle Tage vor, dass Männer, die sich selbst als maskulin wahrnehmen, ein Top aus Mesh anziehen. Ebenso würde ein:e Betrachter:in dem Kleidungsstil das Wesen des Trägers oder der Trägerin ansehen. Sieht man eine Frau mit rasierten Beinen, viel Make-Up und figurbetonter Kleidung, geht man von einer Frau aus, die sich feminin fühlt und vielleicht eher heterosexuell ist. Ihre Kleiderwahl kann jedoch aus rein ästhetischen Gründen gefallen sein.

Ein Blick in die Zukunft 

Bei Meagan zum Beispiel ist die Kleiderwahl reine Stimmungssache: „Ich ziehe mich entweder sehr feminin, mit Kleidern, Röcken, süßen Blusen oder genau gegenteilig, mit sehr maskulinen Kleidungsstücken wie Herrenanzügen an. Das ist abhängig von meiner Stimmung an dem bestimmten Tag.“ Obwohl Kleidung dem Ausdruck der Persönlichkeit dienen soll, so bleibt dieser Ausdruck oft eindimensional. Die eigene Identität ist mehr als ein Geschlecht und doch wird dies nicht in der Kleidung widergespiegelt. 

Selbst im Mainstream verschwimmen die Grenzen zwischen Geschlechtern immer weiter. Eine stetig wachsende Anzahl an Marken bietet bloß eine Unisex-Linie an. Ader Error tut dies zum Beispiel sehr erfolgreich; Lindex beginnt schon im Kleinkindalter, neutrale Alternativen anzubieten. Sollte es so weiter gehen, könnte man erwarten, dass die Figuren in den Schaufenstern neutralere Proportionen annehmen und Onlineshops aufhören, uns beim Stöbern zu bevormunden. „Jede Person soll sich in ihrer Kreativität wohlfühlen und frei in Mustern, Farben und Schnitten austoben, ohne in eine Schublade passen zu müssen. Ich hoffe, dass das binäre System sich in Zukunft auflöst, damit man sich nicht von genderbasierten Konventionen leiten lassen muss“, so Meagan. Mehr Akzeptanz für queere Menschen könnte auch mehr Akzeptanz für Kleider bei Männern oder Beinhaare bei Frauen bedeuten. Doch laut einer 2019 durchgeführten europaweiten Umfrage von Statista fanden etwas mehr als die Hälfte der Befragten, dass Homosexualität akzeptiert werden sollte. In Deutschland waren es 86 Prozent. Ebenfalls glaubten 2015 50 Prozent der Deutschen, dass Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung ziemlich oder sehr weit verbreitet sei. 

„Ich bin mir unsicher, wie die Entwicklung in Zukunft aussehen wird, da sie in der Mode oft trendbasiert ist“, befürchtet Meagan. Malik kann sich nur anschließen: „In den 1970er Jahren haben wir es schon einmal erlebt, besonders viel hängen geblieben ist leider nicht. Sollte es diesmal wieder der Fall sein, sehe ich schon in fünf Jahren den nächsten Mann meine Kleiderwahl kritisieren, diesmal in einer Schlaghose.“

Eintauchen in eine andere Welt

Mina dreht ASMR Videos. Im Gespräch mit der akduell erzählt sie von ihrem Alltag als ASMR-Artistin.
 

Vier Artists, die ihr 2022 nicht verpassen solltet

Nach diesen vier Musiker:innen solltet ihr 2022 Ausschau halten.
 

!Vom Stammtisch

Wer darf Kleider tragen?

Von Lena Janßen in Kultur
 
Konversation wird geladen