Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Deutsch lernen und lehren in Corona-Zeiten

Ob online oder in Präsenz: Deutsch lernen in Zeiten der Pandemie ist hart.

[Illustration: Kimiya Justus]

15.06.2021 13:24 - Saskia Ziemacki

Internationale Studierende, die ein Studium in Deutschland aufnehmen wollen, müssen vorab Sprachkurse und Prüfungen ablegen. Doch in Zeiten der Corona-Pandemie ist das nicht leicht. Während Studierende mit Online-Kursen und deren Gebühren kämpfen, sind die neuen Arbeitsbedingungen auch für private Sprachschulen und den Fremdsprachenanbieter der Universität Duisburg-Essen (IOS) eine Herausforderung.

Für ausländische Studierende ist es ein langer und kostspieliger Prozess, ein reguläres Studium in Deutschland aufzunehmen. Denn meist wird das deutsche Sprachniveau C1 und eine Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH) gefordert. Jeder Sprachkurs, von A1 beginnend, kostet um die 500 Euro. Die DSH-Prüfung nochmal 150 Euro. Und die schaffen im Schnitt nur 30 Prozent der Teilnehmer:innen, so Annika Vahle, Lehrbeauftragte beim Fremdsprachenbereich des Institut für Optionale Studien (IOS) der UDE und Prüferin der DSH. „Sie ist machbar, wenn man viel und konsequent an seinen Sprachkenntnissen arbeitet. Das kommt nicht so zugeflogen“, erklärt Vahle. Auch Vida aus dem Iran hat mit diesen Anforderungen zu kämpfen und tritt deshalb ihr Wunschstudium Baubetrieb nicht an.

Die DSH

Die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH) findet an den Universitäten statt und berechtigt ausländische Studienbewerber:innen bei Bestehen dazu, an jeder Hochschule in Deutschland zu studieren. Voraussetzung ist ein Sprachnachweis der Niveaustufe C1. Bei zu vielen Bewerber:innen werden die Prüfungsplätze an der UDE nach Priorität vergeben – das heißt, interne Bewerber:innen mit Zulassung der UDE werden bevorzugt. Viele private Sprachschulen bieten einen DSH-Vorbereitungskurs an, den man nicht an der UDE machen kann.

„Ich mag die deutsche Sprache, aber es macht mich wütend, dass ich sie nicht so gut sprechen kann“, gibt Vida zu. Sie hat sich nun für ein Studium der Logistik auf englisch und deutsch entschieden, denn hierfür benötigte sie ein niedrigeres Sprachniveau. Auch die Kosten wollte sie nicht mehr tragen. „Es war so viel Geld“, sagt sie erschöpft. Denn studienvorbereitende Sprachkurse bietet die Uni nicht an. Umso glücklicher ist sie darüber, dass sie nun als eingeschriebene Studentin an der UDE kostenlose Sprachkurse vom IOS machen kann. „Es war schwer, einen Platz zu bekommen, weil sich so viele beworben haben“, so Vida. Doch jetzt macht sie einen B2-Deutschkurs, der über die Videotelefonieplattform Zoom unterrichtet wird.

Online oder Präsenz?

Die Motivation, sich an einen Online-Sprachkurs zu setzen, fehle häufig, so Vida. Wegen des englischen Studiums und ihren Mitbewohner:innen, die alle aus anderen Ländern kommen, habe sie viel vergessen. „Man geht ja nicht mehr raus, lernt niemanden kennen und hat keinen Anlass dazu, deutsch zu sprechen“, sagt Vida bedrückt. Geschichten von Freund:innen, die Sprachkurse ohne Video machen und zugeben, nichts zu lernen, schrecken Vida ab. Doch in ihrem Kurs kommt es anders: „Wir müssen die Kamera anhaben und miteinander sprechen. Das hilft sehr.“

Auch die Lehrbeauftragten der UDE seien zwiegespalten, erklärt Annika Vahle. „Manche bevorzugen Präsenzunterricht, weil man mit den Studierenden in Kontakt kommt, andere begrüßen die Möglichkeit des Home-Office.“ Ein weiterer Vorteil: Online-Lernsysteme, die die Aufgaben automatisch bewerten, dienen als Zusatzmaterial für Lehrende und zur besseren Einordnung der aktiven Mitarbeit. Problematisch ist es nur, wenn das System Fehler hat – wird nur ein Zeichen falsch gesetzt, ist die Aufgabe direkt falsch. „Das muss alles noch mehr erprobt werden, aber im Prinzip ist es eine gute Möglichkeit, online genauso effizient zu arbeiten“, so Vahle.

Der Kampf für den Präsenzunterricht

„Wir haben uns in Düsseldorf das ‚Okay‘ erkämpft, in Präsenz unterrichten zu dürfen“, so Jani Brede, die zusammen mit ihrer Kollegin Sabine Lutz die private Sprachschule bbl in Essen leitet. Sie machen im Gegensatz zu vielen anderen Sprachschulen derzeit grundsätzlich keinen Online-Unterricht. „Weil das kein Unterricht ist“, wie Brede formuliert. Sie ist der Meinung, dass zu wenig Kontrolle beim Online-Unterricht besteht. „Die Teilnehmer sprechen nicht miteinander“, hört Brede von einigen ihrer Schüler:innen. „Man konnte keine Fragen stellen und hat sich gelangweilt. So kann man keine Sprache lernen,“ ist sie sich sicher.

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Private Sprachkurse und Prüfungen kosten viel Geld. An manchen Universitäten gibt es jedoch kostenlose Kurse für Geflüchtete.
[Foto: Saskia Ziemacki]

 

Die bbl Sprachschule mache alles dafür, dass ihre Schüler:innen die DSH bestehen, so Brede. Denn laut eigenen Angaben, stünde ihre Schule mit 80-prozentiger Bestehens-Quote an oberer Stelle, was die Abschlüsse der DSH an der UDE angeht. Dazu gebe es Evaluationen, so Vahle vom IOS, doch die Zahlen werden nicht öffentlich gemacht und dienen nur einer internen Übersicht mit ihren Kooperationspartner:innen. Da die DSH-Prüfung nur von Universitäten angeboten wird und nicht von privaten Sprachschulen, kooperieren diese häufig. Vahle weiß aber auch: „Viele Sprachschulen sehen nur das Geld und winken die Leute einfach durch, auch wenn sie noch nicht bereit für die Prüfung sind.“ Daher steht das IOS auch für Beratung zur Verfügung, um unnötige Gebühren zu vermeiden.

Eine gute Quote für einen hohen Preis: denn um die Hygienevorschriften einhalten zu können, finden nur noch 14, statt wie vor Corona 60 bis 80 Leute Platz in den Räumlichkeiten der bbl Sprachschule. „Wir verdienen nichts im Moment. Bis Ende des Jahres kann ich noch durchhalten, dann ist alles, was ich an Erspartem hatte, weg“, so Brede. Was danach passiert, darüber möchte Brede nicht sprechen. Denn selbst dann komme Online-Unterricht für sie nicht infrage.

Sprachkurse für Geflüchtete

Rama aus Syrien hat auch ihre Probleme mit Online-Unterricht – jedoch nicht, weil sie nicht mit den Methoden klarkommt: „Ich bin sehr schüchtern und traue mich nicht, die Kamera anzumachen oder zu sprechen, wenn ich die anderen Teilnehmer nicht kenne.“ Gruppenarbeiten über WhatsApp und Arbeiten mit der Moodle-Plattform der Universität fallen ihr hingegen leicht. Ihren B2-Kurs macht Rama an der Ruhr-Universität Bochum (RUB), in einem Kurs für Geflüchtete. Damit blieben ihr auch die Kosten eines privaten Sprachkurses erspart. Sie musste nur die Gasthörendengebühr in Höhe von 100 Euro zahlen. Sogar die Prüfung wurde von der RUB gezahlt.

Der Kurs fand jedoch nur einen Monat in Präsenz statt. „Dann kam Corona und wir mussten alles online machen“, erzählt Rama. Doch nun kannte sie bereits die Lehrenden und die Teilnehmer:innen. „Sie bringen dich wirklich dazu, deutsch zu mögen. Es gab Leute aus der Türkei, aus Syrien und Afghanistan und alle waren bereit, zu lernen, weil sie unbedingt studieren wollten“, so Rama. Sie berichtet aber auch von Schüler:innen, die nicht mehr am Kurs teilnehmen konnten, sobald er online war: „In meinem Kurs gab es zwei Leute, die kein Internet hatten, weil sie neu in Deutschland waren. Sie warten jetzt auf Präsenzkurse.“

Für Rama haben sich die Strapazen gelohnt. „Ich habe erst in der kleinen Stadt Witten gewohnt und hatte dort keine Freunde und keine Kontakte. Deshalb habe ich so lange gebraucht, um deutsch zu lernen,“ erklärt sie. Jetzt wohnt sie im Studierendenwohnheim DIE BRÜCKE in Essen und findet zum ersten Mal Freund:innen. Ihr Deutsch ist inzwischen auf C1-Niveau.

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