Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Depression: Mit dem Teufel im Gespräch

Wenn man versucht, sich vor dem Teufel zu verstecken.

[Foto: Lena Janßen]

14.10.2019 11:42 - Lena Janßen

Circa vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Depression. Unsere Redakteurin Lena ist eine davon. Ihre Erfahrungen mit der Krankheit hat sie während des Studiums gemacht. In dieser schweren Zeit hat sie festgestellt, dass eine Depression nicht heißt, „einfach nur antriebslos zu sein" oder „mal den Arsch hochbekommen" zu müssen. Eine Kolumne.

Nach meinem Abitur 2012 zog ich von Mönchengladbach nach Bonn, um dort ein Studium zu beginnen. Zum ersten Mal weg aus der Heimat, die erste eigene Wohnung und eine fremde Stadt. Ich erinnere mich genau an die Auftaktveranstaltung an der Uni und wie nervös ich war. Ich war schon häufiger in meinem Leben aufgeregt, doch in diesem Moment fühlte sich etwas anders an. Ich war nicht bereit für diesen Lebensabschnitt. Eine riesige Panik breitete sich in mir aus.

Einen Tag vor dem Beginn des Semesters rief ich meine Mutter an und weinte bitterliche Tränen: „Mama, ich schaffe das nicht. Ich bin nicht intelligent genug für ein Studium und nicht cool genug, um neue Freunde zu finden. Ich werde versagen." Meine Mutter versuchte, mich zu beruhigen und erklärte mir, dass alle Erstsemester sich so fühlten. Sie versicherte mir: Ich schaffe das schon.

Einige Zeit später besuchte ich Vorlesungen mit einer Angst im Bauch, die ich bis heute schwer beschreiben kann. Jede Sekunde, die ich an der Uni verbrachte, sehnte ich mich nach meiner Wohnung. Jede freie Minute, die ich zu Hause hatte, lag ich in meinem Bett und zog die Decke über den Kopf. Ich begann, Veranstaltungen zu schwänzen und entschuldigte mich dafür mit einer Erkältung oder Bauchschmerzen. Ich war sicher: Das stößt auf mehr Verständnis als der Spuk in meinem Kopf. Aus der anfänglichen Panik war ein Teufel auf meiner Schulter geworden. Er flüsterte mir ein, ich wäre der schlechteste Mensch der Welt. „Du bist nichts, du kannst nichts und du wirst auch nie etwas schaffen."

Ich glaubte ihm. Verabredungen mit neuen Freund*innen ließ ich immer öfter sausen. Stattdessen lag ich 48 Stunden lang wach und starrte ins Nichts. Ich verbrachte Ewigkeiten damit, nach einer Antwort zu suchen, warum ich mich so elend fühlte. Nach vielen Gesprächen, in denen etliche Male der Satz „Du musst nur mal deinen Arsch hochbekommen" fiel, war ich sicher, ich hätte die Antwort auf mein Problem gefunden: Ich habe den falschen Studiengang gewählt. Fände ich heraus, wohin ich beruflich will, käme ich aus diesem Tief raus.

Probleme im Gepäck

Anderthalb Jahre jobbte ich und versuchte, den passenden Studiengang zu finden. Ich machte mir vor, Zeit zu brauchen, um mich selbst zu finden. Nach außen hin zeigte ich mich gut gelaunt und fröhlich. Wer genau hinsah, bemerkte, dass ich immer weniger Raum einnahm. Raum, den ich vorgab, mir durch den angeblichen Selbstfindungsprozess nehmen zu wollen. Ich verlor 30 Kilo, trank Alkohol, verbrachte Zeit mit toxischen Beziehungen. Der Teufel redete mir ein, dass mein Verhalten richtig sei und es mich ans lang ersehnte Ziel führen würde. Er überredete mich zu schlechten Entscheidungen, zu selbstschädigendem Verhalten und versicherte mir, ich würde das brauchen.

Jede Sekunde, die ich an der Uni verbrachte, sehnte ich mich nach meiner Wohnung.

2014 entschied ich mich für einen weiteren Neuanfang. Neue Stadt, neue Uni. Duisburg und Soziologie sollten es werden. Ich fühlte mich bereit dazu, endlich anzukommen. Das Wintersemester begann und alles schien sich zu fügen. Doch bald erkannte ich alte Verhaltensmuster. Ich fiel durch alle Klausuren, weil ich keine Kraft hatte, mich davon abzumelden. Wieder redete der Teufel mir ein, ich wäre mit meinem Studium überfordert, weil es nicht der richtige Weg für mich wäre. Also beschloss ich, endgültig die Uni zu schmeißen und stattdessen eine Ausbildung zu beginnen.

Der Teufel sagte: „Na, wenn du meinst. Auch das wirst du nicht schaffen, du Versagerin. Bleib’ einfach im Bett, damit niemand von deiner Existenz auch nur ahnt." Ich erzählte überall freudig von meinen neuen Plänen und dass ich endlich den richtigen Weg für meine Zukunft gefunden hatte. Jedoch bemerkte ich schnell, dass auch eine Ausbildung mit Bemühungen einhergeht. Ich fand keine Muße, Bewerbungen zu schreiben oder mich nach freien Stellen umzusehen. Ich gab der Stimme des Teufels nach.

Dann fiel ich in ein tiefes schwarzes Loch. Mit einer Heftigkeit, die ich nicht kommen sah. Wochenlang verließ ich weder Wohnung, noch mein Bett. Ich isolierte mich, lebte in einem Saustall, verlor noch mehr Gewicht. Ich rauchte zu viel und quälte mich mit dunklen Gedanken. Ich verstand mich nicht mehr. Wieso konnte ich morgens nicht mehr aufstehen? Warum hatte ich keinen Appetit mehr, konnte nicht schlafen? Und warum sah niemand meinen Schmerz?

Dem Teufel auf der Spur

Letzten Endes schleppte ich mich mit letzter Kraft zu meinem Hausarzt. Auf dem Weg dorthin schrie mich der Teufel immer wieder an: „Nein, geh zurück. Du bist es nicht wert. Dir kann niemand helfen." Aber diesmal schaffte ich es, mich durchzusetzen. Da war ein letzter Funke Lebenswille. Am selben Tag wurde ich von meinem Hausarzt in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und bekam dort die Diagnose: schwere Depressionen und Angststörung. Endlich verstand ich. Es war nie das Studium gewesen, das mir Kummer bereitet hatte. Der Teufel auf meiner Schulter bekam einen Namen: Depression. In der Klinik blieb ich drei Monate, in denen der Teufel und ich miteinander diskutierten, stritten, wir uns anschwiegen und zusammen weinten.

Heute entscheide ich allein, wohin der Weg geht und nicht mehr er.

Nach meinem Klinikaufenthalt habe ich mein Studium wieder aufgenommen und bin glücklich mit dieser Entscheidung. Die Depression hat mir Zeit genommen, aber ich wollte zurück zu einem guten Leben. Zeit, die ich mir rückblickend gerne genommen habe. Auch wenn es nicht einfach war, hat es sich gelohnt.

Obwohl der Teufel heute noch auf meiner Schulter sitzt, gebe ich ihm weniger Raum. An manchen Tagen glaube ich seinen Worten und dann ziehe ich wieder die Decke über den Kopf und höre ihm zu. Das ist okay. An anderen Tagen ignoriere ich ihn und sage: „Du kannst mich mal." Dann hält er die Klappe. Der feine Unterschied ist allerdings: Heute entscheide ich allein, wohin der Weg geht und nicht mehr er.

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