Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Den eigenen Vater verklagt und verraten?

Mache ich meine Familie kaputt, wenn ich ihn verklage? [Foto: Julia Segantini]

18.02.2019 13:00 - Julia Segantini

Seinen eigenen Vater auf Unterhalt zu verklagen, kann ganz schön schwierig sein. Man sitzt zwischen den Stühlen: Es erscheint gerecht, dass er seiner Kindesunterhaltspflicht nachkommt. Lang genug blieb alles an meiner Mutter hängen. Trotzdem ist er immer noch mein Vater. Wie ich als 18-Jährige zwischen Anwält*innen, Justizbehörden und dem Jugendamt stand.

Vor ein paar Wochen lag in meinem Briefkasten ein großer Umschlag. Absender: das Deutsche Institut für Jugendhilfe und Familienrecht e. V. (DIJuF). Was wollen die denn noch von mir, habe ich mich gefragt. In Kontakt kam ich mit dem DIJuF vor zirka neun Jahren, als das Jugendamt mit Hilfe des Vereins versuchte, meine Mutter bei der Einforderung des Kindesunterhalts zu unterstützen. Das DIJuF unterstützt Jugendämter bei der Geltendmachung von Unterhaltsansprüchen gegenüber im Ausland lebenden Unterhaltspflichtigen – wie meinem Vater. Als ich mit leichter Spannung den neuen Umschlag öffnete, offenbarte sich mir lediglich die Erkenntnis, dass sich an der Zahlungsunfähigkeit meines Vaters nichts geändert hatte. Wow, Schocker.

Aus Deutschland nach Italien klagen

Nach dem Antrag auf Durchsetzung von Unterhaltsansprüchen vor neun Jahren passierte so wenig, dass ich in der Zwischenzeit volljährig wurde und selbst einen neuen Antrag stellen musste. Im Klartext: Ich musste meinen Vater im Ausland verklagen.

Keine leichte Entscheidung, denn ich habe eigentlich kein schlechtes Verhältnis zu meinem Vater. Ich weiß, dass er mich liebt. Und ich weiß, dass er manchmal versucht, Dinge wieder gut zu machen, nur eben auf seine Weise.

Ich hatte Angst, dass mein Vater mich dann hasst, hatte Angst vor seiner Wut und dass er sich verraten fühlt. Aber ich wusste, dass es richtig war. Oft war meine Mutter die Leidtragende in all den Jahren, in denen sie für mich und meine drei Halbgeschwister allein aufkommen musste. Das Statistische Bundesamt, schrieb 2017 in einem Bericht über Alleinerziehende in Deutschland: „Jede fünfte Familie mit minderjährigen Kindern ist die Familie eines alleinerziehenden Elternteils. Der Väteranteil an den Alleinerziehenden mit Kindern unter 18 Jahre im Haushalt liegt seit 1997 relativ stabil zwischen 10 und 13 Prozent. Im Jahr 2017 betrug er 12 Prozent. Das heißt, in fast 9 von 10 dieser Familien ist der alleinerziehende Elternteil auch im langfristigen Zeitverlauf eine Mutter.“

Außerdem arbeiteten im Jahr 2017 42 Prozent der alleinerziehenden Mütter in Vollzeit. Meine Mutter hatte – trotz ihrer vier Kinder, von denen drei einen anderen Vater haben, von dem sie ebenfalls kaum Kindesunterhalt bekam – eine Vollzeitstelle. Mein Vater schaffte es indes immer, sich aus der Verantwortung zu ziehen, und sah sich selbst jedes Mal im Recht – mehr noch, als Opfer der fiesen Ex-Frau, des gnadenlosen Jugendamts und der bösen Düsseldorfer Tabelle, die den Kindesunterhalt viel zu hoch berechnet.

In fast neun von zehn Familien ist der alleinerziehende Elternteil eine Mutter.

Großer zeitlicher Aufwand

Wenn ein Elternteil im Ausland lebt, sei das Verfahren zur Unterhaltseinklagung und -vollstreckung prinzipiell das gleiche, erklärt der Essener Anwalt für Familienrecht, Patrick Weiß. „Es spielt eine Rolle, ob es europäisches oder außereuropäisches Ausland ist. In Europa ist es noch machbar“, sagt er. Es gebe europäische Verträge, die die Vollstreckung erleichterten. „Man kann in Deutschland erst einmal ein gerichtliches Verfahren einleiten und den Unterhaltstitel dann im Ausland vollstrecken“, so Weiß. Dies sei mit einem riesigen zeitlichen Aufwand verbunden.

Außerhalb Europas sei es sehr umständlich, weil die Vorschriften in den Ländern anders seien, Dokumente erst übersetzt, beglaubigt und nach den entsprechenden Formvorschriften des Landes zugestellt werden müssen, erklärt der Anwalt. In diesem Fall habe man also meist zwei Anwält*innen, eine*n in Deutschland und eine*n im Ausland, da sich nur wenige hiesige Anwält*innen auch mit ausländischem Recht auskennen, beschreibt Weiß. „Umso weniger rechtsstaatlich die Länder sind, desto schwieriger wird es“, meint er.

Habt ihr schon mal eine Postkarte aus dem Urlaub in Italien verschickt? Vielleicht habt ihr euch dann gewundert, wie langsam die italienische Post arbeitet. Auch andere Stellen sind oft unfassbar langsam. Tatsächlich schrieb meine italienische Anwältin: „Wie Ihnen wahrscheinlich bereits bekannt, soll die deutsche Entscheidung durch das Oberlandesgericht Venedig für vollstreckbar erklärt werden, dessen Langsamkeit leider besonders berühmt ist – obwohl das Gesetz ein schnelles Verfahren anordnet.“

Auf Ansprüche verzichten

Gute Aussichten also. Mehrere Dokumente sollte ich im Laufe des Verfahrens unterzeichnen und an deutsche und italienische Behörden schicken. Mein Vater erklärte sich nicht bereit, seine Einkommensverhältnisse offen zu legen, weshalb die Behörden beim Finanzamt nachforschten. Er formulierte eine E-Mail für mich, in der ich erklärte, auf alle Ansprüche zu verzichten. Ich sollte die Erklärung unterzeichnen und den Behörden zukommen lassen. Dazu bemerkte er in Großbuchstaben auf italienisch: „Ganz wichtig: Du musst das alles schnellstmöglich machen, sonst bekomme ich große Probleme.“

Mehrmals setzte er mich telefonisch unter Druck, verlangte, dass ich die Angelegenheit kläre, bevor er in den Knast kommt. Nicht gerade einfach, wenn es auch noch eine Sprachbarriere gibt. Um ihm keine weiteren Schwierigkeiten zu bereiten, drängte mich meine Anwältin dazu, auf meine Ansprüche zu verzichten, bis er wieder zahlungsfähig sei. Ich willigte ein. Aber eigentlich hatten meine Mutter und ich nach so langer Zeit einfach keine Kraft mehr.

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