Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Das geht uns alle an

09.07.2018 14:00 - Maren Wenzel

Manche Menschen werden von Geburt an behindert. Die meisten aber nicht. Ein Unfall, ein Gendefekt, das Alter – die Mehrzahl der Behinderungen und chronischen Erkrankungen treten im Laufe des Lebens auf. Trotzdem wird das Thema von vielen verdrängt. Warum eigentlich?

„Bist du behindert oder was?!“ Ja bin ich und nein, war ich nicht immer. Bis ich 22 Jahre alt war, bin ich ohne viele Barrieren durchs Leben geschlendert. Dann kam das große Kotzen. Diagnose Morbus Crohn, eine von außen unsichtbare chronisch entzündliche Darmerkrankung. Krasse Schmerzen, Untersuchungen, Medikamente, Krankenhausaufenthalte und weitere Diagnosen später bezeichne ich mich heute als behindert.

Mit dem Crohn lebe ich mal besser mal schlechter; meine Behinderung werde ich nie akzeptieren. Denn behindert werde ich, wenn ich krank bin und nicht die Leistung erbringen kann, die trotzdem verlangt wird. Behindert werde ich, wenn es mal wieder keine Toiletten irgendwo gibt. Behindert werde ich, wenn ich in der Mensa mal wieder nichts essen kann, weil alles von der Karte meinem Darm zu viel wäre. Ich bin nicht einfach nur behindert; ich werde behindert. Das muss nicht sein.

Laut derzeitigem Forschungsstand sind Darmerkrankungen wie meine nicht heilbar. Was wir verändern können, ist die Welt in der wir leben. Dafür müssen Menschen kämpfen. Aber das tun bis jetzt vor allem jene, die betroffen sind, und Angehörige, die damit konfrontiert sind.

Der Rest – wahrscheinlich auch Du – ist meist mit dem eigenen Leben beschäftigt. Natürlich ist das oft auch anstrengend und überfordernd. Existenzängste, Leistungsdruck im kapitalistischen Verwertungssystem, Probleme im sozialen Umfeld. Kann ich verstehen, denn die habe ich auch, nur habe ich dabei eben meistens noch höllische Schmerzen, weil mein Immunsystem gegen mich rebelliert.

Ich nehme die kollektive Verdrängung niemandem persönlich übel. Bevor es mich getroffen hat, habe ich mich doch auch kaum mit Barrierefreiheit beschäftigt. Jetzt bin ich dazu gezwungen, fast jeden Tag. Was ich sagen will: Die Krux an der Sache ist, dass du dich erst damit beschäftigst, wenn es dich trifft und noch mehr Kraft zehrt. Deshalb geht das Ding mit der Barrierefreiheit auch nur so langsam voran.

Was kannst Du tun? So viel. Bei der DVG anrufen und fragen, warum der Fahrstuhl in Duisburg-Duissern seit Monaten nicht repariert wird. Professor*innen auffordern, Folien der Vorlesung für Barrierefreiheit online zu stellen. Das Gebäudemanagement konfrontieren, dass um 14 Uhr das Klopapier leer ist. Kurz: Uns Behinderte fragen, was wir brauchen und dann handeln. Die Welt um uns alle herum verändern.
Mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung hat eine oder mehrere chronische Erkrankungen. Wir sind keine kleine Randgruppe. Wir sind ein großer Teil der Gesellschaft. Vielleicht gehörst du auch bald dazu. Wenn du jetzt mit dem Handeln anfängst, hast du es später hoffentlich nicht mehr so schwer wie ich manchmal heute.

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