Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Coronakrise: Promovieren auf Sparflamme

Zum Haare raufen. [Symbolfoto: Dennis Pesch]

11.05.2020 12:29 - Dennis Pesch

Die Bibliotheken sind dicht, Literatur gibt es wenn überhaupt nur noch digital und in Forschungsfeldern fehlt der Zugang. Die Coronakrise fordert von Promovierenden viel Geduld ein. Zwei Promotionsstudierende der Universität Duisburg-Essen (UDE) erzählen, was die COVID-19-Pandemie für ihre Forschung bedeutet, warum ihnen die geschlossene Uni-Bibliothek zu schaffen macht und wie sich ihr Alltag verändert hat.

Normalerweise sitzt Paula* wochentags in ihrem Büro an der UDE. Seit Mitte März nicht mehr. Stattdessen sitzt sie nun vor einem Laptop in ihrer Wohnung und skypt. Doktorarbeit, Lehrveranstaltungen, Forschungsanträge, Hausarbeiten lesen. Alles soll von zu Hause aus laufen. Paula ist 27, wissenschaftliche Mitarbeiterin und promoviert. Kurz vor Ausbruch der Pandemie hat sie sich überlegt, „wie ich den Einstieg ins Feld bewältigen kann“. Termine bei verschiedenen Einrichtungen hatte sie schon vereinbart, um dort zu forschen. „Die musste ich absagen“, sagt sie. Weil nicht absehbar ist, wann die Einrichtungen wieder öffnen, fragt sie derzeit gar nicht erst weiter an.

Ihre Forschung steht still, während sie das Sommersemester für die Studierenden vorbereitet. Besonders wichtig ist der physische Zugang zur Uni-Bibliothek. Doch die ist aktuell geschlossen. „Man könnte sagen, dass ich weiter Theorie-Arbeit machen kann, aber eben nur begrenzt. Ich müsste auf viele Bücher zugreifen, aber kann es mir nicht leisten, die Bücher zu kaufen.“ Froh ist sie aktuell nur darüber, dass die Promotion nicht an ihren Job geknüpft ist. Die fehlende Forschung nagt jedoch an ihrem psychischen Wohlbefinden: „Ich habe mich damit stark identifiziert und finde es sehr traurig, meiner Forschung nicht nachgehen zu können“, sagt Paula.

Ein Philosoph mit zu wenig Büchern

Ähnlich geht es dem Stipendiaten Raphael*. Der 29-Jährige ist Philosoph und Soziologe, forscht in seiner Promotion zum Nationalsozialismus. „Ja, ich habe als Philosoph und Stipendiat ein großes Privileg“, sagt er. „Aber es ist trotzdem scheiße.“ Eigentlich verbringt er seine Zeit oft in der Uni-Bibliothek. „Ich bin jeden Morgen in die Uni gegangen. Das brauchte ich für die Struktur in meinem Alltag.“ Wenn er nicht nachts in seiner WG schlafen würde, wäre die Bibliothek wohl sein zu Hause, denn ein Büro hat er nicht, „weil ich externer Doktorand bin.“

„Ich habe mich damit stark identifiziert und finde es sehr traurig, meiner Forschung nicht nachgehen zu können“

„Unkonzentriertes-Buchstaben-Aneinander-Reihen“. So nennt Raphael seine aktuelle Forschungssituation. Ein paar Bücher hat er noch vor der Pandemie ausgeliehen, aber ihm fehlt zu viel Literatur: „Wenn ich einen Text lese und ein Argument durchdenke, merke ich oft, dass ich mehr Literatur brauche. Wenn ich in einem Kapitel zu wenig Literatur in der Argumentation habe, weiß ich im Kapitel danach nicht, ob das, was davor steht, überhaupt Sinn ergibt“, schildert er. Um Fortschritte in seiner Forschung zu erzielen, braucht er sowohl Primärquellen als auch den aktuellen Forschungsstand. „Ich finde es fast schon albern mich zu beschweren, weil ich von Kolleg*innen weiß, die viel stärker betroffen sind. Trotzdem ist es so, dass die Krise mich mitnimmt.“

Auch die UDE ist besorgt

Das Rektorat der Universität Duisburg-Essen sieht im „Stillstand der Forschung in der Tat ein großes Problem“ und beteuert, dass es ein großes Anliegen sei, wegen der Pandemie keine Nachteile im Studium entstehen zu lassen. Das gelte „selbstverständlich auch für Promotionsstudierende“, versichert Ulrike Bohnsack aus der Pressestelle auf Anfrage der akduell. Ende April will das Rektorat über weitere Entscheidungen informieren. Wie es derweil mit der Finanzierung der Forschungsprojekte weiter geht, konnte seitens der Universität bis zum 24. April noch nicht beantwortet werden. Unklar ist auch, wie viele Forschungsprojekte derzeit überhaupt betroffen sind. „Grundsätzlich sind Fakultäten, die praktische Forschungen im Labor durchführen, stärker betroffen als etwa die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften“, gibt Bohnsack eine Tendenz aus. Sie betont aber auch, dass es derzeit keine abrufbaren Zahlen dazu gibt.

Forscher*innen wie Paula und Raphael zu helfen, versucht derzeit auch die Universitätsbibliothek (UB), sagt Meike Bohlmann von der UB auf Anfrage der akduell. Zwar ist der Bestand digitalisierter Literatur mit 340.500 E-Books recht groß, doch die Digitalisierung von Printbüchern macht der UB Probleme. Paula und Raphael könnte helfen, dass die Bibliothek auf Anfrage „Auszüge aus Büchern digitalisieren kann“.

Gebunden sind sie ans Urheberrecht, was besonders die Digitalisierung von Texten aus Printbüchern erschwert. Die Promovierenden und die UB teilen einige Probleme: „Gerade ältere Bücher sind häufig nie als E-Book erschienen. Zum anderen gelten für Bibliotheken beim Kauf von E-Books andere Bedingungen als für Privatpersonen.“ Wenn die Bibliothek ein Buch kauft, kann das mehrere hundert Euro kosten, obwohl das Buch im Handel vielleicht nur 40 Euro kostet. Für Paula, Raphael und die UB ist es also manchmal zu teuer.

Die Bibliothek als Hoffnungsschimmer

Zumindest für Paula stehen Veränderungen am Wissenschaftszeitsvertragsgesetz in Aussicht: „Die Höchstbefristungsgrenzen für das wissenschaftliche und künstlerische Personal, das sich in seiner Qualifizierungsphase befindet, wird um die Zeit pandemiebedingter Einschränkungen des Hochschul- und Wissenschaftsbetriebs verlängert“, schreibt das BMBF. Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen könnten also bis zu sechs Monate länger angestellt werden. „Das hat mich ein bisschen aufatmen lassen. Aber die Zeit könnte trotzdem knapp werden für mich und das macht mir Sorgen“, sagt die Promotionsstudentin. Die Verlängerung wäre dann außerdem noch abhängig von der Entscheidung der Universität und für andere beispielsweise von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Weniger Aussicht auf konkrete Beschlüsse hat Raphael. Das Ministerium verweist derzeit auf „die Möglichkeit, Stipendien entsprechend der Regelung für Krankheit zu unterbrechen oder zu verlängern, wenn es pandemiebedingt zu Verzögerungen kommt“. Damit liegt der Ball zwischen Stiftungen und Stipendiat*innen. Raphael hat einen klaren Wunsch: „Die Zeit der Pandemie sollte hinten drangehängt werden. Wenn sich das Ministerium dazu nicht äußert, habe ich ein schlechtes Standing“, sagt er. Einen weiteren Hoffnungsschimmer für Paula und Raphael gibt es noch: Die Universitätsbibliothek erarbeitet derzeit ein Konzept, damit Ausleihen und Rückgaben wieder möglich werden.

* Namen von der Redaktion geändert

Corona-Pandemie: „Überbrückungshilfe“ für Studierende beschlossen

Studierenden in finanzieller Not soll nun vor allem mit einem zinslosen Darlehen geholfen werden. Studierendenvertretungen kritisieren das.
 

Corona Hochschulverordnung: Änderungen im Überblick

Verlängerung der Regelstudienzeit, Onlineprüfungen und Freiversuche. Die wichtigsten Punkte der Verordnung zusammengefasst.
 

Die Kollektivschuld der Deutschen am NS

Daniel* untersucht in seiner Dissertation, warum man beim Nationalsozialismus von einer Kollektivschuld der Deutschen sprechen kann.
 
Konversation wird geladen