Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

„Bitte nutzen Sie den Nebeneingang“

Bildunterschrift: Gramoz Krasniqi sitzt in seinem Rollstuhl vor dem Gebäude S06 und betrachtet im Fenster seine Reflexion. Im Fenster sieht man den unteren Teil seines Rollstuhls und ein Schild mit einem grafisch dargestellten Rollstuhfahrenden. Gramoz trägt ein pinkes T-Shirt, blau-pink-geblümte Shorts, einen Messengerbag und sein Smartphone in der Hand. Er lächelt.

04.07.2018 08:00 - David Peters

 

Barrierefreiheit hat viele Facetten. Vor allem aber soll sie Menschen, die behindert werden, eine gleichberechtigte Teilnahme am Leben gewährleisten. Auch an der Universität Duisburg-Essen spielt das Wort eine Rolle, schließlich muss es jedem Menschen möglich sein zu studieren. Gramoz Krasniqi studiert Soziale Arbeit an der UDE und ist einer von vielen Menschen, die in ihrem Alltag behindert werden. Er bewegt sich mit einem Rollstuhl durchs Leben. Wir haben ihn durch die Uni begleitet.

Die Uni ist nicht barrierefrei“, deutet er gleich am Anfang des Gespräches an und möchte die Probleme sichtbar machen über die andere hinwegsehen. Gramoz will über die Barrierefreiheit am Campus Essen sprechen und sich einsetzen. Bei einem Rundgang über den Campus mit dem Studenten stellt man schnell fest: hier läuft einiges falsch.

Es beginnt beim neuen Rotationsgebäude S06. Am Haupteingang klebt ein Schild: „Bitte nutzen sie den Nebeneingang“. Auf dem Weg dorthin muss Gramoz einen, durch ein Gitter abgedeckten, Lüftungsschacht passieren. Das sorgt für ein mulmiges Gefühl – trägt das Gitter Mensch und Rollstuhl?

Am Nebeneingang dann eine typische Situation. Dort befindet sich ein ferngesteuerter Knopf, mit dem man sich eigentlich die Tür öffnen lassen könnte. Richtig: könnte. Der Öffner funktioniert nämlich mal wieder nicht. Eine unglückliche Planung scheint auch die Treppe zu diesem Eingang zu sein. Dabei wäre es hier möglich gewesen eine Rampe zu bauen, die mit einem Rollstuhl bequem zu benutzen wäre. Die vorhandene Rampe liegt stattdessen auf der anderen Seite des Gebäudes. Bequem ist das nicht.

Defekte Türöffner sind nicht nur am Gebäude S06 ein Problem: Auch am Ausgang des Mensagebäudes reagiert der Öffner nicht. Der Zugang, der im „Rolliführer“ der Universität empfohlen wird, ist absurderweise eine Drehtür. Laut Führer des universitätseigenen Inklusionsportals sei diese mit einem „normalem Rollstuhl nutzbar”. Fragt sich, was die Universität sich unter „normal” vorstellt und mit welchem Rollstuhl dieser Welt man heil durch eine Drehtür kommt.

Gramoz jedenfalls kommt nicht rein – er ist auf die Hilfe von anderen Studierenden angewiesen, dabei soll Barrierefreiheit auch ohne fremde Hilfe funktionieren. „Oft helfen andere mir auch, aber manche gehen einfach vorbei“, so Gramoz. Die defekten Öffner kann auch jede*r an das Gebäudemanagement oder die Behindertenbeautragte der Universität melden. Meist werden diese dann auch repariert, allerdings halte dieser Zustand oft nur für kurze Zeit, so der Student.

Dazu kommen noch viele Türen, die eigentlich auch automatisch – also bei Annäherung – öffnen sollen. Auch hier ist es eher ein Glücksspiel, ob sie funktionieren oder nicht. Und wenn sie funktionieren, dann schließen viele der Türen zu schnell. Da man mit einem Rollstuhl aber nicht mal eben schnell durch die Tür huschen oder ausweichen kann, können zu schnell schließende Türen schlimmstenfalls zu Verletzungen führen.

Mehr E-Learning

„Am schwierigsten ist es für mich, die Krankentage mit dem Studium zu kombinieren. In meinem Fach, Biologie, muss ich oft einfach da sein, das habe ich aber nicht immer geschafft, weil ich mal mehr, mal weniger krank war. Ein Modul musste ich während meines Studiums zum Beispiel drei Mal machen, weil ich öfter eben krank war und es einfach nicht geschafft habe. Das war sehr frustrierend. Geklappt hat es im dritten Anlauf auch nur, weil mich Kommilitonen unterstützt haben und ich mir die Prüfungszeit durch einen Nachteilsausgleich zu einem späteren Zeitpunkt legen konnte. Ich würde mir mehr E-Learning wünschen. Die Unis reden immer von Digitalisierung, aber kaum eine Vorlesung oder Seminar ist online. Für mich wäre das aber nötig, weil ich dann Zuhause alles mitbekommen würde und nicht immer auf die Notizen von Anderen angewiesen wäre. Außerdem weniger Bürokratie beim Nachteilsausgleich. Längere Zeit für Hausarbeiten oder eine Prüfung zu verschieben war immer mit Aufwand verbunden, auch wenn die Mitarbeiterinnen sehr nett waren.“

Johanna, 29, Biologiestudium mit Rheuma, Köln

Im Gebäude S05 auf dem Essener Campus findet sich ein weiteres negatives Highlight in Sachen Barrierefreiheit. Um zu bestimmten Hörsälen zu kommen, muss man erst in den Keller fahren. Richtig, in den Keller. Dort geht es dann durch Korridore mit etlichen Leitungen und Rohren zu einem altersschwachen Fahrstuhl, mit dem man dann zu den Hörsälen gelangt. Auf dem Weg liegen noch etliche schwere Brandschutztüren. Wenn diese geöffnet sind, ist das weniger problematisch, doch eigentlich müssten diese Türen stets geschlossen sein. Darauf weisen auch die angebrachten Schilder hin. Wie ein Mensch im Rollstuhl diese Türen öffnen soll, bleibt ein Rätsel. Und auf Hilfe dürfte man in Kellerkorridoren wohl eher lange warten, der Durchgangsverkehr hält sich hier in Grenzen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Informationslage über solche Wege unzureichend ist. „Ich musste selbst herausfinden, wie ich in S05 zu manchen Hörsälen komme. Irgendwann hat mir eine Reinigungskraft den Weg erklärt“, berichtet Gramoz. Hier erhoffe er sich mehr Unterstützung seitens der Universität, sagt er.

Auch beim sogenannten Nachteilsausgleich sieht er noch Probleme. Bei Klausuren bekommt er zum Beispiel mehr Zeit für die Bearbeitung. In den meisten Fällen soll er aber vor den anderen Studierenden anfangen. Diese kommen dann in den Hörsaal, wenn Gramoz schon an seiner Klausur sitzt, und dann beginnt das übliche Prozedere. „Das stört natürlich schon enorm“, erzählt er.

„Manchmal bekomme ich auch erst einen Tag vor der Klausur mitgeteilt, wie der Nachteilsausgleich für mich aussehen wird“, berichtet er weiter. Das ist für ihn problematisch: „Ich brauche natürlich morgens viel mehr Zeit, um mich fertig zu machen. Das ist nicht wie bei anderen Studierenden, die einfach nur aufstehen und dann schnell in der Uni sind. Außerdem muss ich das auch noch mit meinem Assistenten abklären.“

Ein weiterer Punkt auf dieser ohnehin schon langen Liste ist das Fehlen von Behindertentoiletten in einigen Gebäuden. Dass man teilweise das Gebäude wechseln muss, nur weil man mal kurz auf die Toilette will, ist alles andere als optimal und hat mit Gleichbehandlung wenig zu tun. Die Behindertentoilette der Bibliothek im roten Gebäude ist übrigens aufgrund von Bauarbeiten über längere Zeit nicht verfügbar.

Dass Barrierefreiheit und Brandschutzkonzept an der Universität nicht immer zusammenpassen, zeigte schon der Weg durch etliche Brandschutztüren, zum Beispiel in S05. Aber es geht noch schlimmer: Bei einem Feueralarm lernte Gramoz für die Uni im zweiten Stock der Bibliothek. Für ihn ein Problem, denn Aufzüge dürfen im Brandfall nicht benutzt werden. Der Notausgang ist durch eine Stufe nicht barrierefrei, und der Weg über die Treppe erübrigt sich für ihn natürlich. Niemand interessierte sich für das Problem, etliche Menschen liefen an ihm vorbei. Als zufällig einige Bekannte vorbeikamen, wurde Gramoz geholfen.

Später sprach er die Bibliotheksmitarbeiter*innen auf den Vorfall an, die nicht gerade durch Hilfsbereitschaft glänzten. Sie erklärten ihm, dass er im Falle eines Feueralarms doch auf die Feuerwehr warten solle, diese würde ihm dann helfen. Für ihn eine unverständliche Aussage. Er solle mit seinem Rollstuhl also bei einem Brand einfach darauf warten, dass die Feuerwehr kommt und ihn im rechtzeitig erreicht, bevor eventuell Flammen und Rauch zu nahe kommen und Lebensgefahr für ihn besteht?

Ich würde der Uni für Barrierefreiheit ein mangelhaftes Zeugnis ausstellen.

Der Student setzte die Behindertenbeautragte und Universität über dieses Erlebnis in Kenntnis. Die Mitarbeiter*innen der Bibliothek bestritten den Vorfall. Eine endgültige Klärung steht momentan noch aus. Eine Anfrage der akduell an die Beauftragte für Behinderung im Studium konnte bis zum Redaktionsschluss von ihr nicht bearbeitet werden*. Und noch immer ist nicht geklärt, ob Gramoz bei einem möglichen nächsten Brandalarm in der Universitätsbibliothek sicher ist.

Gramoz hat zur Umsetzung der Barrierefreiheit eine klare Meinung: „Ich würde der Uni für Barrierefreiheit ein mangelhaftes Zeugnis ausstellen. Die Konzepte müssen sitzen. Was mich dabei aber am meisten aufregt ist, dass die mit Barrierefreiheit sogar werben.“ Ohne einen Assistenten oder fremde Hilfe zu studieren wäre für ihn schlicht nicht möglich.

Als Studierende, Mitarbeitende oder Professor*in ohne körperliche Einschränkungen nimmt man diese – oft baulichen – Behinderungen nicht wahr, da man selbst nicht betroffen ist. Für Menschen wie Gramoz, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind, verhindert das eine selbstbestimmte Teilnahme am Alltag.

*Alle im Text erwähnten Problematiken haben wir an die Behindertenbeauftragte der Universität Frau de Wall-Kaplan weitergeleitet. Lest die Stellungnahme hier.

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Auf dem Foto ist eine graue Tür zu sehen. Auf der grauen Tür sind oben ein gelbes Dreieck mit einem Zeichen für Radioaktivität und darunter zwei weiße und rot umrahmte Schilder zu sehen. Auf dem ersten Schild steht: "Feuerwehr Gefahrengruppe I", auf dem zweiten Bild steht: "Brandschutztür, verkeilen, verstellen, festbinden o.ä. verboten."

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