Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Angstzustände, Verdrängung, Überforderung

Stefanie Baier weiß Rat, wenn euch die Mahnbriefe über den Kopf wachsen.
[Foto: Diakonisches Werk Dortmund und Lünen]​​​​​​​
18.09.2020 13:08 - Sophie Schädel

Was tun Studierende, wenn ihnen die Schulden über den Kopf wachsen? Hoffentlich holen sie sich Hilfe. Das geht zum Beispiel bei Stefanie Baier. Sie berät Studierende mit finanziellen Problemen auf dem Campus der TU Dortmund in einer offenen Sprechstunde, egal ob mit fünfstelligen Minusbeträgen auf dem Konto oder nur mit der Frage, ob der Haushaltsplan realistisch ist.

ak[due]ll: Was zeichnet studentische Schuldner:innen aus?

Wie Schulden das Studileben hemmen

 

Stefanie Baier:​​​​​​ Man ist jung, das Studium ist ein komplett neuer Lebensabschnitt. Das ist ein Abenteuer, kann aber auch ein Abenteuer mit Bauchlandung bedeuten. Die jungen Erwachsenen haben oft nicht im Gefühl: Was kostet mein Leben? Was ist wichtig zu bezahlen? Dann werden sie von der Situation überrascht, wie teuer eigentlich ein Studierendenleben ist. Wir sagen immer, 800 Euro mindestens braucht ein Studierender monatlich, um über die Runden zu kommen. Und man muss den Spagat schaffen zwischen Studium, Nebenjob und anderen Verbindlichkeiten, die das Leben so mit sich bringt. Oder es gibt ganz viele Studierende, die nicht krankenversichert sind. Meistens ausländische Studierende, die darüber aufgeklärt werden, aber dann nur eine Auslandskrankenversicherung haben. Die gilt hier nicht, weil die Studierenden sich hier länger aufhalten als sechs Wochen. Und dann wird es schon knifflig. Da gibt es Studentinnen, die schwanger werden und hier nicht ausreichend versichert sind. Die können dann nicht zu einer Vorsorgeuntersuchung gehen. Das sind Aufgaben, die wir zu lösen haben.

ak[due]ll: Wie wirkt sich dieser Druck auf die Psyche von Studierenden aus?

Baier:​​​​​​ Wir merken, dass Depressionen häufiger auftreten, aber auch Ängste. Da geht es nicht einfach nur um eine Angst, sondern um richtige Angstzustände. Das kann die Angst sein, auf den Campus zu gehen, bis hin dazu, dass ich nicht mehr vor die Türe gehe und keinen Kontakt mehr zulasse. Das sind Symptome, die Menschen zeigen, wenn sie unter einer hohen psychischen Belastung stehen. Es gibt aber auch Verdrängungsmechanismen: Ich mache meinen Briefkasten nicht mehr auf, und dann türmen sich da wirklich monatelang die Briefe. Wir müssen dann erstmal einen Fahrplan schreiben, worum wir uns als erstes kümmern müssen. Und dann rufen wir in Absprache mit den Studierenden zum Beispiel gemeinsam bei der Krankenkasse an oder holen die Eltern mit ins Boot.

ak[due]ll: Kann es überhaupt funktionieren, mit so einem Druck im Kopf am Schreibtisch zu sitzen und Formeln auswendig zu lernen? Wie beeinflussen Schulden Studienverläufe?

Baier:​​​​​​ Es gibt sicherlich Menschen, die wegen Schulden ein Studium gar nicht erst antreten, die lerne ich aber in meiner Beratung nicht kennen. Allein diese fünfstellige Zahl – oh Gott, dann gehe ich aus dem Studium und bin hoch verschuldet – die ist für viele schon abschreckend. Für die, die sich im Studium verschulden, gilt: Am Anfang entwickeln Menschen Verdrängungstendenzen. Viele können das gut spalten: Ich muss mich jetzt hinsetzen und für die Prüfung lernen. Das geht noch einigermaßen gut. Aber parallel war man dann zwei, drei Monate nicht am Briefkasten. Diese Blase, die man sich im Kopf gebaut hat, um die nächste Prüfung bestehen zu können, die platzt irgendwann. Und dann stehen viele wirklich völlig fertig da und wissen gar nicht, wo sie anfangen sollen. Was ist dann wichtig? Die nächste Prüfung oder die Post? Welchen Antrag soll ich zuerst stellen?

ak[due]ll: Solche Ängste haben viele gerade jetzt während Corona. Reichen die Gelder nicht, die man beantragen kann?

Baier:​​​​​​ Die sind ein Tropfen auf den heißen Stein, weil viele Studierende Nebenjobs hatten und die durch die Pandemie verloren haben. Gerade der gastronomische Bereich, die Fußballstadien und so weiter, da sind ja die klassischen Studierendenjobs. Und das wird noch eine Weile dauern, weil die Firmen, wenn es nicht gut läuft, als erstes ihre studentischen Aushilfen kündigen, um die Stammbesatzung zu halten. Das ist verständlich, aber ein Drama für die Studierenden. Die Wirtschaft wird sich nicht so schnell erholen, dass in wenigen Monaten alles wieder super ist. Das wird für viele Studierende gerade aus dem Ausland ein Drama werden. Das Studium ist mit der Aufenthaltserlaubnis verknüpft, und für die brauchen sie Jobs – ich sage hier bewusst „Jobs“, weil viele von ihnen zwei oder drei Jobs hatten -, damit sie sich das Studium finanzieren und hier bleiben können. Also sind das Studium und der Aufenthalt hier mit großen Fragezeichen versehen. Und dafür gibt es keine Spendentöpfe, die Regierung hat für diese Fälle nichts vorgesehen.

ak[due]ll: Was bedeutet es gesellschaftlich, wenn junge Menschen sich verschulden?

"Es gibt viele obdachlose Studierende."

Baier:​​​​​​ Es gibt verschiedene Arten von Schulden. Ein Bildungskredit steht zum Beispiel auf einem ganz anderen Blatt, als wenn man über seine Verhältnisse lebt. Zu uns kommen junge Menschen, die mit 25 Jahren schon 20.000, 30.000 Euro Konsumschulden haben. Da sind drei Handyverträge Standard. Sich in jungen Jahren einen negativen Schufa-Eintrag einzuhandeln, vielleicht unverschuldet, weil man das alles nicht wusste, damit ist es im Moment unmöglich, bei den großen Unternehmen und vielen privaten Vermietern in Dortmund eine Wohnung zu bekommen. Das ist ein Drama, wenn man das weiterdenkt. Es gibt die Situation, dass die Miete mal nicht gezahlt wird, um einen Gläubiger still zu kriegen, der schon Inkassoschreiben schickt. Aber was viele nicht wissen: Ein Vermieter kann kündigen, wenn zwei Monatsmieten offen sind. Da läuft man ganz schnell Gefahr, obdachlos zu werden. Es gibt viele obdachlose Studierende. Die kommen bei Freunden unter und leben seit Monaten nur aus drei, vier gepackten Taschen mal hier, mal da. Solche Fälle berate ich auch.

ak[due]ll: Studierende sind jung, da ist der Zusammenhang zur finanziellen Situation der Eltern eng. Schafft das im Bildungssystem nicht gerade die Hürden für Kinder ärmerer Eltern, die man eigentlich seit der PISA-Studie vor 20 Jahren abschaffen will?

Baier: Die Einstiegshürden sollten verringert werden. Und es kann nicht sein, dass junge Menschen, die ein super Studium schaffen würden, daran gehindert werden, nur weil ein Schuldenberg vor ihnen steht. Ich möchte aber noch etwas vorschalten: Durch die Schule und das Elternhaus wissen viele nicht, ob ein Studium etwas für sie ist. In einem bestimmten Alter muss man dann aber etwas machen, darum stolpern manche ins Studium, obwohl sie es gar nicht möchten und dann überfordert sind. Diese Menschen stehen am Ende mit einem Haufen Schulden und ohne Abschluss da. Da ist ein Studium einfach zu teuer.

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