Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

RATGEBER & TERMINE

Wie werde ich das Christentum los?

21.05.2018 13:49 - Philipp Frohn

Wie ich überhaupt zu meiner Religion gekommen bin, kann ich nicht nachvollziehen. Obwohl auch meine Eltern nicht religiös sind, entschieden sie sich zu meiner konfessionellen Zwangsindoktrinierung. In wehrloser Gestalt eines Säuglings musste ich dieses erniedrigende Prozedere der Taufe über mich ergehen lassen, um das Dasein einer Karteileiche in der Evangelischen Kirche zu fristen. Über zwei Jahrzehnte später ist Kirche für mich nur noch ein Zusatz in meinen Dokumenten. Während meines Studiums, entscheide ich mich auszutreten.

Die Katholische und Evangelische Kirche liegen erstmal allen Christ*innen auf der Tasche.

Rückblick - mein einziger regelmäßiger Kontakt mit Religion fand in der Grundschule statt. Einmal wöchentlich mussten wir jungen, unschuldigen Wesen im gegenüberliegenden Altenheim am Gottesdienst, dieser sinnentleerten Zeremonie der Peinigung, teilnehmen. Allein, dass man sich selbst unter diesen Gott zu positionieren hat, markiert doch schon den autoritären Charakter dieser Ideologie. Wenn die Pastorin langsamen Schrittes mit einer riesigen Kerze in der Hand zu melancholischen Kirchenklängen in diese Örtlichkeit der totalen Tristesse schritt und man kurz darauf genötigt wird, kirchliche Lieder zu singen, kommt man sich vor wie in manch einem Horrorfilm. Die Dunkelheit überkommt einen, Angst und Scham machen sich breit.
Es ist doch eigentlich erschreckend, dass sich niemand schlecht dabei fühlt, junge Kinder mit dem sklavischen Angöttern einer Zaubergestalt zu indoktrinieren. Nicht verwunderlich, dass ich im Laufe meines Erwachsenwerdens nicht am Konfirmand*innenunterricht teilnahm, den Religionsunterricht abwählte und einen gesunden Abstand zu religiösen Veranstaltungen pflegte.

Und trotzdem war ich noch lange Mitglied der Evangelischen Kirche, die mit Martin Luther noch immer stolz einen leidenschaftlichen Antisemiten hofiert. Und langfristig gesehen ist der Verbleib in der Kirche nicht mal nur mit einem schlechten Gewissen verbunden, dieses veraltete Relikt zu legitimieren. Denn anders als freie Kirchen, jüdische und muslimische Gemeinden, die von Mitgliedsbeiträgen und privaten Spenden leben, liegen die Katholische und Evangelische Kirche erstmal allen Christ*innen auf der Tasche. Beide gelten als Körperschaft des Öffentlichen Rechts und erhalten damit eine Menge Privilegien. Unter anderem sitzen sie stimmberechtigt in Rundfunkräten und sind von der Grundsteuer befreit.

Umsonst ist der Austritt nicht

Der größte Vorteil für sie ist, dass sie Kirchensteuern erheben dürfen. In Nordrhein-Westfalen gehen neun Prozent der Einkommenssteuer an die Kirche. Bei einem monatlichen Bruttoverdienst von 2.000 Euro erhält sie immerhin 16,77 Euro. Davon kann man doch lieber in der Kneipe seines Vertrauens ein paar Bierchen zischen oder das Ersparte an soziale Projekte spenden.

Und heute? Der Gedanke daran, diese mir ohnehin suspekte Institution mitzufinanzieren, stößt bei mir auf begrenzte Freude. Glücklicherweise kann man die elterliche Fehlentscheidung rückgängig machen und aus der Kirche austreten. Voller Tatendrang betrete ich das hiesige Amtsgericht, denn dort wird der Kirchenaustritt vollzogen. Eine Sachbearbeiterin kümmert sich den ganzen Tag um nichts anderes als um Kirchenaustritte – die haben derzeit Konjunktur. In ihrem Büro angekommen, verlangt sie meinen Personalausweis, will noch eine Unterschrift und schickt mich mit einer Quittung zur Zahlstelle. Bis ans Lebensende habe ich dieses Schriftstück nun aufzubewahren. Denn umsonst ist der Kirchenaustritt nicht. 30 Euro kostet der Spaß in NRW. Die noch auf der Internetseite angekündigten sozialen Gründe, die zu einem Beitragserlass führen können und doch auch für klamme Studierende gelten sollten, gibt es anscheinend doch nicht. Langfristig spare man ja durch einen Kirchenaustritt, so die zweifelhafte Argumentation der Sachbearbeiterin.

Das Abwerfen der religiösen Fesseln fühlt sich befreiend an. Mit der Kirche habe ich nun nichts mehr am Hut. Katholik*innen haben da nicht so ein Glück: Denn dort gibt es kein Austrittsrecht. Mit der Taufe ist man auf Lebenszeit mit dem Katholizismus verbunden und kommt dort einfach nicht raus – auch wenn man keine Kirchensteuer mehr zahlen muss.

Dennoch sollte man nicht vergessen, dass ein Kirchenaustritt auch Konsequenzen hat. Nicht nur kirchliche Trauungen sind nicht mehr möglich. Es ergeben sich auch berufliche Folgen. In vielen kirchlichen Trägerschaften ist das Dienstverhältnis direkt an die Mitgliedschaft einer (christlichen) Glaubensgemeinschaft gebunden. Im schlimmsten Fall schließen sich also die Türen von Kindertageseinrichtungen, Krankenhäusern und Schulen. Es bleibt pessimistisch zu hoffen, dass dieser Umstand bald der Geschichte angehört und die berufliche Teilhabe nicht mehr an religiöse Befindlichkeiten geknüpft ist. Kurz: Dass Staat und Religion in Deutschland tatsächlich getrennt sind. Denn die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit gestattet es auch, nicht zu glauben – und dafür sollte man nicht benachteiligt werden dürfen.

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