scharfsinnige politische Analysen, die wir mit Freude jeweils auf dieser Seite abdrucken. Doch wer ist der Mann hinter der akduell-Kolumne? Das wollte ich herausfinden. Und so habe ich mich auf den Weg gemacht, um den zurückgezogen lebenden Adeligen auf seinem Anwesen zu besuchen.">
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RATGEBER & TERMINE

Homestory: Der Mann hinter den Kolumnen

Zu Besuch bei Friedrich von Einhalt. (Foto: Kathrin Rieger / flickr.com, CC BY 2.0)

24.04.2013 16:10 - Rolf van Raden






Er ist eigentlich kein Mann großer Worte. Umso mehr wissen wir, was wir an ihm haben: Woche für Woche liefert Baron Friedrich von Einhalt , die wir mit Freude jeweils auf dieser Seite abdrucken. Doch wer ist der Mann hinter der akduell-Kolumne? Das wollte ich herausfinden. Und so habe ich mich auf den Weg gemacht, um den zurückgezogen lebenden Adeligen auf seinem Anwesen zu besuchen.

Es ist Samstag, früher Nachmittag. Mit gut 20 Minuten Verspätung erreicht meine Regionalbahn den kleinen Bahnhof in der niedersächsischen Einöde. Mehr als drei Kilometer Fußmarsch liegen vor mir. Öffentliche Verkehrsmittel: keine. Der Baron scheint die Einsamkeit zu lieben, denke ich, als ich die letzten Hinweisschilder auf den örtlichen Schweinemastbetrieb hinter mir lasse und in den Wald abbiege.

Eine halbe Stunde später stehe ich vor einer großen Eichentür. Es ist kein Schloss, aber doch ein stattliches Herrenhaus, in das ich Einlass erbitte. Ich läute die Türglocke, doch erst einmal tut sich nichts. Ich versuche es mit dem massiven Bronzetürklopfer. Mehrmals. „Wir pflegen nicht zu warten“, höre ich endlich eine leicht schrille, und dennoch herrische Männerstimme auf der anderen Seite der Eichentür. Ich rufe zurück, wobei ich mir Mühe gebe, dass meine Wortwahl gleichzeitig so penetrant wie unterwürfig klingt. Ich zeige mich beeindruckt über die Weitläufigkeit des Gutes. Anschließend lasse ich meinem Zorn auf die versagende bürgerlich-privatisierte Infrastruktur dieses Staates freien Lauf, der es noch nicht einmal hin bekommt, seine Eisenbahnen pünktlich fahren zu lassen.

Die Tür öffnet sich. Ein kleiner, etwas dicklicher Mann mit schütterem Haar macht eine Geste, die mich eintreten lässt. Er wird wohl so Ende fünfzig sein, schätze ich, vielleicht auch älter. Er leitet mich durch einen spärlich beleuchteten Gang. An den Wänden hängen große Ölgemälde. „Unsere Ahnengalerie“, erklärt der Baron, der meinen Blick verfolgt hat. Der Adelstitel sei seinem Geschlecht vom russischen Zaren verliehen worden, berichtet er. Seit dem späten 12. Jahrhundert hätten seine Vorfahren die deutsche Ostsiedelung vorangetrieben, das Baltikum zivilisiert, und mutig im ersten Weltkriege unter reichsdeutschem Schutze die Idee eines baltischen Herzogtums vorangetrieben. Doch dann – die Miene des Barons verfinstert sich – sei es zu dieser unschönen Vertreibungsgeschichte gekommen, zurück ins Reich, wo nun seit 1918 die bürgerlichen Barbaren regierten. Während ich lausche, führt er mich in ein Kaminzimmer, hier ist es wohlig warm. In zwei Ohrensesseln lassen wir uns nieder. Ich frage, wie ein Herr von seinem Stande dazu komme, in der akduell seine Sicht der Dinge zum Besten zu geben. Der Baron zögert. „Wir haben uns noch nie mit dem Unvollkommenen zufrieden gegeben“, antwortet er. Einst habe sein Geschlecht die baltischen Böden fruchtbar gemacht. Nun beackere er seit Jahrzehnten das Feld des Politischen. Er habe für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses gespendet. Dem Freiherrn von und zu Guttenberg habe er treu zur Seite gestanden in seinen schweren Zeiten. Und schon 1979 habe er Jutta Gerta Armgard von Ditfurth vorgeladen, die wohl aufmüpfigste Vertreterin der hohen Blankenburger Linie. „Dass sie sich trotz unserer Intervention erdreistete, ihren Stand zu verlassen und das ‚von’ aus ihrem Namen zu streichen, um wenig später mit dem grün-anarchistischen Pöbel in den Frankfurter Römer einzuziehen, das war eine unserer wenigen Niederlagen“, sagt der Baron so dunkel wie bestimmt, während er mit dem Rücken zu mir steht und sich einen Cognac eingießt. Nach einigen Minuten unterbreche ich sein Lamentieren, und frage, was ihn mit Duisburg oder Essen verbinde. Früher, in nur geringfügig besseren Zeiten, sei Alfried Krupp von Bohlen und Halbach ein väterlicher Freund gewesen, antwortet von Einhalt. Die Besuche auf der Villa Hügel seien ihm in seiner Kindheit ein Fest gewesen. Außerdem, verkündet er nach erneutem Zögern, ein junger Kamerad im Geiste betreibe seit einigen Jahren die bürgerliche Wissenschaft in der Ruhrmetropole – ja, inkognito, jedoch nicht unter Leugnung seiner Wurzeln. „Auch seine Stimme wollen wir sein – denn wenn viel zu viele schweigen, dann müssen wir sprechen.“





So sprechen wir noch einige Zeit weiter, über Ehre, Pflicht und Privilegien. Viel zu spät, als es schon dämmert, mache ich mich auf den langen Rückweg zur Regionalbahnstation. Und während ich durch den dunklen Wald gehe, denke ich: Dieser Mann ist ein großer Mann.

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