Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

RATGEBER & TERMINE

Es gibt keine Objektivität

Foto: CC BY 2.0 Thierry Ehrmann​​​​​​​
22.06.2018 16:30 - Redaktion


 

Eine Kolumne*

 

Bei einer mündlichen Prüfung zu einem Foucault-Seminar über Wahrheit, Macht und Diskussion fragte mich mein Dozent: "Warum wollen Sie Journalistin werden? Ich meine, Sie werden doch inhaltlich dirigiert." Naiv wie ich war schüttelte ich den Kopf und sagte den vermutlich dümmsten Satz, den ich jemals ausgesprochen habe: "Meine Berichterstattung ist vollkommen objektiv."
Da riss er ein Blatt aus dem Block und drückte mir seinen Stift in die Hand: "Malen Sie mir den Entstehungsprozess ihres jüngsten Artikels auf. Welche Begriffe verwenden Sie? Woher erhalten Sie ihre Informationen und was hat Sie dabei beeinflusst?" Recht orientierungslos malte ich einen Mann, der bei einer Party versuchte eine fremde Frau zu küssen – gegen ihren Willen. Sie meldete den Vorfall der Polizei und äußerte, dass sie Angst davor hatte, es zu veröffentlichen, da es dabei oft zur Ethnisierung von Sexismus kommen könnte. “Malen Sie die Auffassung der Leser*innen über den Mann und die Situation auf”, sagte mein Prüfer. Ungeschickt versuchte ich rassistische Elemente zu zeichnen – denn dass er ein Mann war, hatte meinem Redaktionsleiter damals nicht ausgereicht. Schließlich “wäre das ja kein Problem, das einem im Alltag begegnen würde”.
In meinem Text wurde er also zu einem Geflüchteten aus Syrien. Ihn des weiteren als Muslim zu bezeichnen, hätte meinem Chef vermutlich gefallen, verweigerte ich aber. Insbesondere weil wir die vergangenen Wochen oft über das Zusammenleben mit Einwander*innen berichtet hatten, und dass geflüchtete Männer Frauen auf eine viel brutalere Weise unterdrücken würden als Andere. Da ich aber nicht wusste, ob der Mann oder Geflüchtete oder Täter wirklich religiös war, ließ ich diese Zuschreibung weg. “Und genau das ist der Punkt. Warum nennen sie ihn nicht einfach Täter?” fragte mein Dozent. Und plötzlich verstand ich den Sinn seiner Fragen. Jede dieser Zuschreibungen entfaltet eine bestimmte Wirkung, die die Auffassungen meiner Leser*innen prägte. “Sie haben Recht. Das Wichtigste an diesem Mensch ist, dass er ein Täter ist”, antwortete ich. Mein Dozent lächelte zufrieden und sagte: “Gratulation, sie sind entlassen und haben die Prüfung bestanden.”

*Autor*in der Redaktion bekannt
 

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