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Ultras in der heiligen Stadt

25.10.2015 07:00 - Simon Kaupen


Jerusalem ist eine Stadt voller Gegensätze – eine Banalität die jedem mäßigen Reiseführer zu entnehmen ist. Zwischen Gläubigen oder religiösen Fanatiker*innen will eine Gruppe aber auf den ersten Blick nicht so recht ins Bild der heiligen Stadt passen: Antifaschistische Ultras. Abseits der Medienöffentlichkeit, die sich sonst auf Israels Hauptstadt richtet, haben die Fans von Hapoel ihren eigenen Verein gegründet und machen Jerusalem um eine Besonderheit reicher.


Shaked, der seinen richtigen Namen auch in Deutschland nicht genannt haben möchte, ist Mitglied der 2006 gegründeten „Brigade Malcha“. Die Jerusalemer Ultras empfangen häufig Gäste aus Deutschland. „Deutsche Linke lieben es hier her zu kommen“, erzählt er lachend. Seine Gruppe unterhält feste Kontakte zu den Ultras von Werder Bremen, doch auch Sticker aus Babelsberg und St. Pauli kleben vor der Heimkurve. Die Brigade-Ultras haben sich nach dem Stadtteil Malcha im südwestlichen Teil der Stadt benannt. Auf den grünen Hügeln, einige Kilometer von der umkämpften Altstadt entfernt, wohnen hier vor allem Familien und die neue Mittelschicht. Viele aus der Gruppe kommen aus der direkten Umgebung, zu den Heimspielen ihres Vereins braucht es nur einen kurzen Fußmarsch.

Der FC Hapoel Katamon Jerusalem trägt seine Heimspiele im Teddy Kollek Stadion aus, knapp 33.000 Plätze bietet das weite Rund. Im Schnitt kommen ein paar tausend Zuschauer*innen zu den Spielen. Damit gehört der Verein zu den beliebtesten in der zweiten israelischen Liga, was zum großen Teil an der besonderen Geschichte des Klubs liegt.

1926 markiert das Gründungsjahr von Hapoel Jerusalem. In den 1960er und 70er-Jahren hatte der Verein seine goldene Ära, die 1973 im Gewinn des israelischen Pokals gipfelte. Danach folgte eine lange Phase des sportlichen und wirtschaftlichen Niedergangs. Anfang des neuen Jahrtausends versuchte die umtriebige Hapoel-Fanszene einen Investor zu finden, um den Klub von seinem verhassten Besitzer zu kaufen. Die Suche scheiterte und eine Neugründung in der fünften Liga blieb die einzige Alternative. Ein Großteil der Fans wechselte von Hapoel Jerusalem zu Hapoel Katamon Jerusalem. Der Verein wird nun als Genossenschaft von seinen Mitgliedern geführt.

Eine Schlüsselrolle spielen dabei die einflussreichen Ultras, die in der Kurve den Takt angeben und auch die ideologische Richtung der Fanszene prägen. „Ein Großteil der israelischen Fankurven positioniert sich politisch“, erklärt Malcha-Ultra Shaked. Für ihn geht es bei jedem Spiel auch darum ein Zeichen zu setzen, den Fußball als Bühne für antifaschistische und antirassistische Statements zu nutzen. Katamon ist damit der krasse Gegenentwurf zum verhassten Stadtrivalen Beitar Jerusalem.

Fußball ist Politik

Beitar ist einer der beliebtesten Vereine des Landes und bekannt für seine rechten Fans. Diese rühmen sich häufig damit, dass noch nie ein arabisch-stämmiger Spieler das Trikot des Klubs getragen hat. Erst vor wenigen Wochen attackierten gut fünzig Beitar-Hooligans die ebenfalls linksgerichteten Ultras von Hapoel Tel Aviv. Dabei wurde einem Tel Aviv-Anhänger mehrfach mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen. Er schwebte danach mehrere Tage in Lebensgefahr. „Beim Fußball prallen die Weltanschauungen aufeinander. Fan eines bestimmten Vereins zu sein heißt hier oft auch zu einem politischen Lager zu gehören“, sagt Shaked.



Wie viele der Malcha-Ultras kommt er aus der linken Mittelschicht der Stadt. Hapoel Jerusalem ist das verbindende Element in der noch eher jungen Antifa-Szene der Stadt. Sozusagen die letzte Zuflucht in Jerusalem, das ansonsten von Rechten und Religiösen dominiert wird. Antifa zu sein in Jerusalem – es gibt einfacheres. Schon häufig wurden Shaked und die anderen Hapoel-Fans von den rechten Beitar-Hools bedroht und attackiert.

Vor allem zahlenmäßig steht die Bewegung deutlich hinter der in Tel Aviv zurück. Bereits 1999 gründeten sich dort die Ultras von Hapoel Tel Aviv, die älteste und größte antifaschistische Gruppe des Landes. Die Metropole am Mittelmeer gilt als aufgeklärt und westlich orientiert, während Jerusalem häufig mit religiösen Auseinandersetzungen assoziiert wird. So richtig problemlos ist das Verhältnis der Antifa-Ultras aus Tel Aviv und Jerusalem ebenfalls nicht. „Die beiden Städte sind eben auch verschiedene Welten. Außerdem denken sie wohl, wir würden versuchen sie zu kopieren“, sagt Shaked. Innerlinke Befindlichkeiten machen auch vor dem heiligen Land nicht halt.

Ein raues Klima also für die eher junge Gruppe der Brigade Malcha, die trotz ihrer verhältnismäßig kurzen Geschichte zu den fortschrittlichsten im Land gehört. Als erste Fanszene im Land brachte sie eine LGBT-Fahne (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) in die Kurve und engagiert sich gegen Sexismus und Homophobie. Wer sich für die Thematik interessiert, sollte sich ein Katamon-Heimspiel nicht entgehen lassen, auch wenn einem das „Yalla Hapoel Yerushalayim“ noch Tage danach im Ohr bleibt.

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