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“There’s a Million Ways to go”

12.06.2015 12:40 - Lorenza Kaib



Der rote Teppich wurde bereits ausgerollt, der Sekt ist kalt und das altbekannte Transportmittel der Wahl – ein Leichenwagen – fehlt ebenfalls nicht. Bühne frei für Harold and Maude. Seit 40 Jahren wird der Film mit Kultstatus ohne Unterbrechung in der Galerie Cinema in Essen gezeigt. Das wurde vergangenen Samstag mit einer Sondervorstellung im Filmstudio Glückauf, zu der Haferstrohtee und Ingwerplätzchen gereicht wurden, gefeiert. 

Es wurde laut gelacht und geweint: Als die Beleuchtung wieder anging, glitzerte es noch in den Augen meiner Sitznachbarin, der Applaus brandete im ganzen Saal. Ein sehr lebendiges Kinoerlebnis abseits vom üblichen Popcorngeknusper. Nur ein paar Sitze blieben bei der Sondervorführung im Filmstudio Glückauf unbesetzt. Neben der Thematik der Selbstbestimmtheit geht es bei Harold and Maude um das Erwachsenwerden, Erwachsene, die Jugendliche in ein Schema pressen wollen, Mutter-Sohn-Beziehungen, Lebensfreude versus Sich-vor-dem-Leben-Verstecken. Und eben auch um eine nicht unproblematische und doch so leichtfüßig erzählte Liebe. Der 18-jährige Harold (Hobbys: zu Beerdigungen gehen und seinen eigenen Tod vortäuschen) trifft auf die fast 80-jährige Maude, eine Lebenskünstlerin und Frohnatur. Der ersten Begegnung auf – wie könnte es anders sein? – einem Friedhof folgen absurde Aktionen, skurrile Gespräche und eine Beziehung, die ein unerwartetes Ende nimmt.

Old but gold?

Was macht Harold and Maude so besonders, dass er immer noch gezeigt wird? Liegt es an der Geschichte, am skurrilen, teilweise tiefschwarzen Humor? Christoph Fleischer, Kinobesucher aus Essen, faszinieren viele Aspekte des Films: „Die beiden Themen, die darin vorkommen – selbstbestimmtes Leben und selbstbestimmtes Sterben – finde ich klasse. Und das, wofür letztendlich lange gekämpft wurde, dass Jung und Alt zusammen leben können, zusammen lieben können, ist etwas Außergewöhnliches.“ Er stellt fest: „Auch jetzt, über 40 Jahre nach Filmstart, ist es nichts Selbstverständliches, dass junge Männer ältere Frauen lieben.“ Er selbst hat den Film am Samstag zum vierten Mal gesehen – „aber gut, ich bin schon 60, hatte also schon viel Zeit“ – und kann sich für die Filmmusik von Cat Stevens und vor allem den Hauptdarsteller Bud Cort begeistern: „Dieser schwermütige Junge, der hat auch überraschende Momente.“ Mit diesen Momenten meint Fleischer zum Beispiel den Anfang des Films, bei dem Harold am Galgen hängt und seine Mutter hereinkommt und etwas sagt wie „Mach doch keinen Scheiß“. Der Kinobesucher resümiert: „Das hat Humor – und da lacht auch heute noch jeder Jugendliche darüber“.

Ana-Lis ist so eine Jugendliche, die ebenfalls darüber lachen kann. Die 16-jährige Schülerin hat den Film zum ersten Mal gesehen und ist angetan: „Er zeigt ein Thema, mit dem sich nicht viele Filme beschäftigen und ich glaube, er spricht viele Altersklassen an“. Harold and Maude ist nicht durchweg lustig, der Humor lässt auch auf seelische und zwischenmenschliche Abgründe blicken. Damit hat Ana-Lis jedoch kein Problem, selbst das Ende, welches einem Tränen in die Augen treiben kann, empfand sie nicht als traurig. Ist der Film noch zeitgemäß oder in die Jahre gekommen? „Man merkt ihm das Alter vom Äußerlichen an, die Story an sich finde ich sehr modern, die könnte auch von heute sein.“ „Wir gehen davon aus, dass wir ihn die nächsten 40 Jahre noch zeigen.“

Zu extrem für die Siebziger?


Ein Ende von Harold and Maude in Essen ist laut Christiane Hüls, Mitarbeiterin beim Essener Filmkunsttheater, nicht abzusehen. Das Jubiläum sei entspannt und sehr schön, „die Ingwerkekse sind erstaunlich gut weggegangen und auch der Haferstrohtee ist gut angekommen.“ Der Tee ist so speziell wie Maude exzentrisch: „sehr krautig, muss man mögen.“ Hüls, die den Film drei Jahre lang als Vorführerin jeden Sonntag gezeigt hat, schätzt ihn sehr: „Ich finde ihn ganz toll. Vor allem ist er sehr zeitlos, obwohl er Themen drin hat, die 1971 revolutionär oder neu waren und heute nicht mehr so wahrgenommen werden, wie etwa die Friedensbewegung.“ Vielleicht kam der Film aufgrund dieser revolutionären Tendenzen zunächst nicht so gut an, so hagelte es negative Kritiken, die Zeitschrift Variety beschrieb ihn als „geschmacklos“ und so humorvoll „wie ein in Flammen stehendes Waisenhaus“.

Geld spülte Harold and Maude auch erst 1983 in die Kassen. Hüls‘ Fazit: „Er ist nicht in seiner Zeit stecken geblieben, was bei manchen Filmen passiert.“ Das sehe man auch am gemischten Publikum: „Wir haben auch viel jüngeres Publikum. Das liegt auch daran, dass zum Beispiel Eltern mit ihren Kindern vorbeikommen: letztes Wochenende war ein Lehrer mit drei Schüler*innen da und eine Mutter mit ihrer Tochter und Freund*innen.“ Im Schnitt würden jeden Sonntag zehn Kinobesucher*innen in der Galerie sitzen, Hüls bemerkt jedoch eine wellenartige Entwicklung: „Es gab Phasen, wo er gar nicht gut gelaufen ist und wir gedacht haben ‚Naja, ob da noch jemand kommt?‘ und dann ging es wieder bergauf.“ Durch das mediale Interesse, welches der Film durch sein Jubiläum auf sich zog, könne es sein, dass die Besucher*innenzahlen erneut eine Hochphase erleben.

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