Seit vergangener Woche ist im Eingangsbereich der Essener Universitätsbibliothek eine Plakatausstellung zum Thema Sexarbeit zu sehen. Das autonome Frauenreferat des AStA hat die 2011 entstandene Ausstellung gemeinsam mit der Studentin für Gleichstellungsarbeit an die UDE geholt. Akduell hat mit der Historikerin Mareen Heying gesprochen, die die Ausstellung konzipiert und die zugrundeliegenden Interviews mit Sexarbeiterinnen geführt hat. Ihre Plakatausstellung „Einblicke in den Berufsalltag von Sexarbeiterinnen“ kann noch bis zum 19. Januar am Campus Essen angeschaut werden.
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Stimmen aus der Sexarbeit

15.01.2014 08:30 - Alex Grossert




Seit vergangener Woche ist im Eingangsbereich der Essener Universitätsbibliothek eine Plakatausstellung zum Thema Sexarbeit zu sehen. Das autonome Frauenreferat des AStA hat die 2011 entstandene Ausstellung gemeinsam mit der Studentin für Gleichstellungsarbeit an die UDE geholt. Akduell hat mit der Historikerin Mareen Heying gesprochen, die die Ausstellung konzipiert und die zugrundeliegenden Interviews mit Sexarbeiterinnen geführt hat. Ihre Plakatausstellung „Einblicke in den Berufsalltag von Sexarbeiterinnen“ kann noch bis zum 19. Januar am Campus Essen angeschaut werden.


Die von Alice Schwarzer initiierte und von zahlreichen prominenten Unterstützer*innen getragene Kampagne für eine Kriminalisierung sexueller Dienstleistungen wurde im letzten Jahr viel diskutiert, brachte das Thema auf die politische Agenda und beförderte es letztlich in den Koalitionsvertrag von CDU und SPD. Auch UDE-Rektor Ulrich Radtke und Mercatorprofessorin Margarethe von Trotta unterzeichneten Schwarzers „Appell gegen Prostitution“, der Sexarbeit als "moderne Sklaverei" und "Frauenkauf" anprangert. Demgegenüber stellt die Ausstellung die Perspektiven von Sexarbeiterinnen in den Mittelpunkt. Ins Auge fallen weniger die Schwarzweißfotografien, als die dick gedruckten Zitate, die einen Großteil der Fläche einnehmen.

„Theatralisch ausgedrückt steht dahinter die Intention, den Frauen eine Stimme zu geben“, sagt Ausstellungsmacherin Mareen Heying. „Ich wollte ihre Worte öffentlich machen und so Außenstehenden einen authentischen Einblick in ihre Lebenswelten vermitteln.“ Die Ausstellung entstand 2011 in Kooperation mit dem Düsseldorfer Verein für Frauenkommunikation „Kom!ma“. Während des Sommers hat die Historikerin lange Interviews mit sechs Sexarbeiterinnen und zwei Sozialarbeiterinnen geführt. Die Auswahl der Zitate wurde zuletzt mit Madonna e.V. abgesprochen, einem Bochumer Verein, der sich schon seit 1991 für die selbstorganisierte Interessenvertretung von Sexarbeiter*innen stark macht.

Für einen Skandal habe die Ausstellung bisher noch nicht gesorgt. „Negative Reaktionen zeigen sich eher darin, dass kaum jemand die Ausstellung zeigen will, aber es gibt natürlich oft auch kritische Rückfragen,“ sagt Heying. Häufig werde gesagt, Prostitution würde hier beschönigend zu einem hippen Lebensstil verklärt. Der Historikerin ist es dagegen wichtig, den Arbeitsalltag von Prostituierten sachlich und nicht moralisch beladen darzustellen, da ein Wissen um die tatsächlichen Arbeitsbedingungen oft fehle. „Ich frage mich immer, warum das Thema derartig spaltet, aber ich denke, das größte Problem ist, dass zu wenig mit den Frauen geredet wird und zu viel über sie.“







Anschließende Podiumsdiskussion

Am Montag hat begleitend zur Ausstellung eine Podiumsdiskussion im Bibliohekssaal stattgefunden Die Ausstellungsmacherin redete hier mit dem Bildungswissenschaftler Fabian Kessl, der Sozialwissenschaftlerin Lisa Mense und Astrid Gabb von Madonna e. V. . Astrid Gabb von Madonna e.V. setzte dabei den Schwerpunkt auf die Arbeit, die der Verein leistet, sowie auf eine Analyse des Appells in der EMMA. Grundsätzlich sei Prostitution "eine einvernehmliche sexuelle Dienstleistung, die zwischen zwei Menschen gegen Entgelt vereinbart wird ist", so Gabb. Gegen eine "Sklaverei", wie sie im Appell beschrieben wird oder Fällen von Gewalt und Nötigung gebe es in Deutschland bereits Gesetze. Ein Appell gegen Prostitution sei demnach unnötig, solange die Gesetze angewendet werden und es mehr Rechtsaufklärung unter den Frauen gebe. "Außerdem gibt es nicht die eine Prostitution, es gibt ganz unterschiedliche Arten und Verhältnisse in denen Sexarbeit stattfindet", so Lisa Mense. Ein Gesamtappell gegen Prostitution sei bei so diversen Strukturen wenig differenziert.

Phantomdebatten und der Geist Alice Schwarzers

Auch in der anschließenden öffentlichen Diskussion schwebte der Geist Alice Schwarzers scheinbar noch im Bibliothekssaal.  Die Feministin wurde aber von Teilen des Podiums auch gegen Kritik verteidigt: "Alice Schwarzer ist immer auch eine umstrittene Figur und sie wird immer auch als Frau und immer auch als Feministin angegriffen", sagt Sozialwissenschaftlerin Mense und Gabb von Madonna e.V. fügt hinzu: "Sie hat einfach ein unheimliches Gewicht in der Debatte über Frauen. Wenn eine Alice Schwarzer kommt, habe ich kaum eine Chance mich zu entziehen."

"Der Hype ist wirklich erklärungsbedürftig", sagt Bildungswissenschaftler Kessl, der Schwarzers Zahlen zum Menschenhandel für wenig fundiert hält. "Wir diskutieren auch oft über Kinderschutz, obwohl die Zahlen in denen Kinder umkommen extrem rückläufig sind."Alle Diskutant*innen waren der Auffassung, dass eine Illegalisierung der Prostitution völlig kontraproduktiv wäre, wenn es darum gehe, Menschenhandel zu bekämpfen: "Wie erkennt man denn Menschenhandel?", fragt Gabb. "Ist das jetzt die Frau, die im Bordell ganz traurig guckt? Macht es da nicht Sinn zu sagen, je legaler die Prostitution aufgestellt ist, je sicherer sie in einem Bordell ist und die Polizei alle Befugnisse zur Strafverfolgung hat, desto besser? Zumindest besser als in einem wabernden illegalen Rotlicht keinen Einfluss zu haben."

Rassismus nach dem Schwarzer Appell

Die Teilnehmer*innen des Podiums gingen auch auf die besonders im Ruhrgebiet betroffenen Roma-Frauen ein, die hier Sexarbeit anbieten. "Ich habe noch nie wie in letzter Zeit einen so unglaublichen offensiven Rassismus gegenüber den Frauen erlebt", sagt Gabb. "Das Thema Menschenhandel wurde ganz oft verbunden mit 'Euch holen wir da raus und schicken euch in die Heimat, dann seid ihr nicht mehr hier'." Für die ohnehin schon diskriminierten Roma hätte eine Illegalisierung der Prostitution nach AusstellungsmacherinHeyings Einschätzung harte Konsequenzen. "Eine Roma-Frau, die aufgrund ihrer Herkunft stigmatisiert wird und dazu noch ein Sprachproblem hat, der ist eher mit einer legalen Prostitution geholfen." Denn: "damit hat sie einfach mehr Rechte hat und muss nicht auch noch illegal arbeiten", so Heying.

Die Argumente der Diskutant*innen konnte einer allerdings nicht hören, nämlich Rektor Ulrich Radtke, der den umstrittenen Schwarzer-Appell unterschrieben hatte. "Die Veranstaltung und die Ausstellung sind zum Teil eine Reaktion auf die Unterschrift des Rektors. Er ist auch eingeladen worden", sagt die Studentin für Gleichstellungsarbeit Jana Hermann. Eine direkte Konfrontation blieb allerdings aus, da dieser aus terminlichen Gründen abgesagt hat.

Der Termin der Diskussion hätte in jedem Fall besser koordiniert werden können. Zur gleichen Zeit bot nämlich auch das SchwuBiLe, also das autonome Referat für Schwule, Bisexuelle, Lesben und deren Freunde, eine Veranstaltung zum Thema Prostitution an. Unter dem Titel „Tabuthema männliche Sexarbeit“ wurde der Film „Ich, Tomek“ gezeigt, der von einem jugendlichen Stricher im deutsch-polnischen Grenzgebiet handelt. Anschließend wurde dort mit eine*r Vertreter*in der AIDS-Hilfe diskutiert.




Ob es wirklich ein Tabu ist? In Ausstellung und Podiumsdiskussion spielten Männer in Sexarbeit jedenfalls keine Rolle. Ausstellungsmacherin Heying stellt aber klar: „Platt gesagt: als Feministin interessiere ich mich vor allem für Frauenthemen. Die Stigmatisierung der Sexarbeit trifft aber alle gleich, auch wenn Frauen stärker nachgefragt werden.“ [aGro/mac]



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