Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

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Starke Schlampen und verlorene Jungs

16.06.2015 08:00 - Lorenza Kaib


„Unsagbare Dinge“ wurden am vergangenen Donnerstag in Köln ausgesprochen -- das versprach zumindest der Titel von Laurie Pennys aktuellem Buch. In einer Mischung aus Lesung und Gespräch äußerte sich die vielfach als Frontfrau des internationalen Feminismus gehandelte Autorin zu aktuellen Debatten und gab Einblick in ihre eigenen Erfahrungen.


Es ist heiß im King Georg, einem alten Klub- und Apartmenthaus, in dem seit 2008 Konzerte und Parties stattfinden – und heute eine feministische Lesung. Das Publikum, mehrheitlich zwischen 18 und 35 Jahre alt, schwitzt und ringt nach Sauerstoff. Nicht alle haben es in das traditionsreiche Etablissement geschafft, für diejenigen, die wegen des hohen Andrangs draußen bleiben mussten, wurde ein Lautsprecher vor der Tür installiert. Nun sitzen sie an diesem lauen Sommerabend auf dem Gehsteig und verfolgen von dort aus das Gespräch.


“Language is powerful!“


„In folgenden Situationen hat man mich schon eine Schlampe geschimpft: Wenn ich gesprochen oder mich für etwas eingesetzt habe. Wenn ich die Kühnheit besaß, Geld oder Ruhm einzufordern, statt Knie und Mund zu schließen, wie es sich für ein nettes Mädchen gehört. Wenn ich mich öffentlich politisch geäußert habe. (…) Wenn ich zu viele Liebhaber hatte und mich mehr mit meiner Arbeit befasste als mit ihnen und ihrem Ego. Und schließlich, sehr unpassend, beim vögeln.“ So beginnt die auf deutsch geführte Lesung von Rehzi Malzahn von und mit Laurie Penny. Es lässt sich bereits erahnen: der Abend wird persönlich und politisch. Das Buchzitat endet mit der Aufforderung „wir müssen unsere Schamlosigkeit zur Waffe machen.“ Penny fordert, dass sich Frauen das Wort Schlampe zurückerobern und sich nicht mehr von zumeist Männern* durch den Begriff abwerten und abstempeln lassen. Die Aufhebung der Unterteilung zwischen guten und bösen Mädchen sei längst überfällig, das betont auch Malzahn.


Leserin und Moderatorin Malzahn schließt sich Penny an und erklärt, dass sie sich selbst auch als Schlampe bezeichne. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass viele Frauen* dies nicht verstehen können und sich selbst niemals so bezeichnen würden. Malzahn weist auf den offenen Brief der Women Of Colour in den USA hin, in welchem sich die Initiative ebenfalls von der Selbstbezeichnung distanziert und hinterfragt, inwiefern es etwas an der Lebensrealität schwarzer Frauen ändern oder nicht eher deren von Sexismen und Rassismus geprägte Außenwahrnehmung noch weiter zementieren würde. Penny stuft dieses Thema als sehr heikel ein und stellt fest, der Brief sei angesichts der Probleme schwarzer Frauen in den USA viel freundlicher gehalten, als er sein könnte. Die britische Schlampenbewegung nimmt sie hingegen inklusiver als die amerikanische wahr, stellt jedoch fest, dass Sprache mächtig sei und man mit ihr deshalb respektvoll umgehen müsse.


Weitere aktuelle Debatten werden abgearbeitet, Malzahn lässt gefühlt keine Einzige außer Acht. Bei der Gleichstellung der Ehe zwischen homosexuellen und heterosexuellen Paaren sind sich beide einig: sie muss erfolgen, trotzdem sei es verwunderlich, wie konservativ diese Forderung sei. Penny kommt hierbei zu dem Schluss, dass nicht alle queeren Menschen zudem auch radikal sein müssen. Bei der Frage nach den Rechten von Sexarbeiter*innen, welche ihr in Deutschland ständig gestellt werde, wird die Autorin hingegen wütend: “I am not german and I’m not a sexworker - so why aren’t you asking one of them?“. Debatten, die über den Kopf der Betreffenden geführt werden, sind offenbar nicht ihr Ding. Was ihr hingegen wichtig ist: sich nicht wortlos aus der Affäre zu ziehen. So stellt sie fest, dass sie
nicht alles wissen oder für andere Menschen sprechen könne - was sie aber kann, ist mit ihnen zu sprechen und sich auseinandersetzen.


Der Tonfall des Buchs ist meist kämpferisch und scheut nicht vor großen Worten wie Wahrheit und der Bezeichnung Londons als „die Stadt, die ich liebe“. Das mag einem kitschig oder überheblich erscheinen, aber „Unsagbare Dinge“ gibt auch nicht vor, eine wissenschaftliche Schrift zu sein, Penny steht dazu, dass es eine persönliche Arbeit ist. Moderatorin Malzahn merkt an, dass auch die Art, wie sie im Buch über Männer* schreibt, zum Teil pathetisch sei und wundert sich über ihre Empathie und wie wenig sie urteile. Wieder eine typisch deutsche Bemerkung, findet Penny und antwortet mit einer Gegenfrage: “Why are you so angry?“.


“Men are not the problem, patriarchy is.“


Wie stark und auf welche Weise Männer* in feministische Bewegungen und Debatten integriert werden können, ist ein hart umkämpftes Feld. Manche Feministinnen lehnen es ab, von Männern* Fürsprache zu erhoffen oder einzufordern und plädieren dafür, dass Frauen* für sich selbst einstehen müssen, andere hingegen freuen sich über die Unterstützung. Penny lenkt den Fokus um auf die Frage, was mit jungen Männern*, die sie als lost boys bezeichnet und denen sie im Buch ein ganzes Kapitel widmet, in der heutigen Zeit geschehe und welche Perspektiven sie - auch vor dem Hintergrund von Wirtschaftskrise und sich verändernden Männlichkeitsbildern - haben.„I’m always being sensitive in a way“, reflektiert sie über sich selbst. Die bisher beste Reaktion auf ihr aktuelles Buch komme von einem jungen Mann: “This is like being kicked in the balls and then hugged.“

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