akduell berichtete), haben innerhalb von nur 57 Stunden mehr als 10.000 Betroffene per Klick erklärt: "So nicht, VRR!" Die Vorbereitungen für eine Demonstration am 27. September laufen auf Hochtouren, und auch auf der Facebook-Seite des VRR hagelte es Kritik. Jetzt hat der Verkehrsverbund mit einer Stellungnahme reagiert, die allerdings nur scheinbar beruhigen kann.">
Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

ARCHIV

Semesterticket: Rudert der VRR zurück?

04.09.2013 00:53 - Rolf van Raden



Es ist ein Proteststurm, wie ihn der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) in seiner inzwischen 33-jährigen Geschichte noch nicht erlebt hat: Nachdem Studierendenvertreter*innen öffentlich bestätigt haben, dass der VRR den Preis des Semestertickets um 43 Prozent erhöhen will ( laufen auf Hochtouren, und auch auf der Facebook-Seite des VRR hagelte es Kritik. Jetzt hat der Verkehrsverbund mit einer Stellungnahme reagiert, die allerdings nur scheinbar beruhigen kann.

"Eine Änderung der Ticketgebühren für das Semesterticket zum 1. Januar 2014 oder zum Sommersemester 2014 ist noch nicht beschlossen", heißt es zunächst in dem Posting. "Falls am 27. September die VRR-Gremien so entscheiden, dann erfolgt diese Änderung im Rahmen einer regulären Preisanpassung, wie sie auch für alle anderen VRR-Tickets zum 1. Januar 2014 greift", so der VRR weiter. Ist also die Forderung nach der Mammut-Erhöhung vom Tisch, mit der der VRR die Studierendenvertreter*innen während der Verhandlungen schockte? Leider nicht.

VRR setzt auf Salami-Taktik

Es gehe überhaupt nicht um eine Erhöhung von 43 Prozent, sondern in Wirklichkeit nur um etwa sechs Prozent, versucht VRR-Pressesprecherin Sabine Tkatzik im die Gemüter zu beruhigen. Was sie dabei nicht sagt: Wenn es nach dem Verkehrsverbund geht, ist das erst der Anfang. Wie Studierendenvertreter*innen unterschiedlicher ASten unabhängig voneinander bestätigen, hat der VRR in den bisherigen Verhandlungsrunden keinen Zweifel daran gelassen, dass er die Preise innerhalb der kommenden vier Jahre trotzdem insgesamt um 43 Prozent erhöhen will. Dass das nicht auf einmal passiert, ist keinesfalls ein Zugeständnis. Denn tatsächlich müsste der Verkehrsverbund gegen den rechtskräftigen Semesterticket-Vertrag verstoßen, den er mit den Studierendenschaften aus freien Stücken geschlossen hat, wollte er die volle Erhöhung bereits in dieser Verhandlungsrunde durchsetzen. Die AStA-Vertreter*innen rechnen weiter damit, dass der VRR das Ticket weiterhin deutlich stärker verteuern will, als das der bisherige Vertrag als Möglichkeit vorsieht. Und genau das ist der Hintergrund der zunächst kaum verständlichen Formulierung, die der Verkehrsverbund in seiner Stellungnahme gewählt hat: "Mit den ASten der Vertrags-Hochschulen im VRR werden seit einigen Monaten Gespräche geführt, um das Semesterticket in den kommenden Jahren nachfragegerecht anbieten zu können."

43 Prozent nicht vom Tisch

Sollte der VRR am 27. September wie von VRR-Sprecherin Tkatzik in Aussicht gestellt eine Erhöhung um sechs Prozent durchsetzen, wäre das ein erster Schritt in diese Richtung. Denn auch diese auf den ersten Blick moderat erscheinende Preisanpassung ist vom gültigen Semesterticket-Vertrag möglicherweise nicht gedeckt - der sieht nämlich vor, dass das Ticket nur um den Prozentsatz teurer wird, um den auch die sonstigen Tarife steigen. Daher liegt der Verdacht nahe, dass es dem Verbund in dieser Runde erst einmal darum gehen wird, mit einer eher geringfügigen Überschreitung dieses Prinzips Fakten zu schaffen: Würden die Studierenden dem VRR dies wegen der verhältnismäßig kleinen Summe durchgehen lassen, wären Tür und Tor dafür geöffnet, in den kommenden Verhandlungsrunden so weiter zu machen, und dann vielleicht sogar mit deutlich stärkeren Erhöhungen. Deshalb gibt es für die Studierendenvertretungen keinen Anlass, von den Planungen zu der Demonstration am 27. September Abstand zu nehmen. Sie setzen weiterhin auf ein deutliches Zeichen, dem VRR auch die Salami-Taktik nicht durchgehen zu lassen.

Erfolgsmodell Semesterticket

Manchen Nicht-Studierenden erscheint der Preis von aktuell 106,62 Euro pro Semester für das VRR-Semesterticket (plus rund 44 Euro für das NRW-Ticket) überraschend günstig, da sie die Kosten mit den Preisen der im Verkauf stehenden Tickets vergleichen. Studierendenvertreter*innen betonen, dass es sich dabei allerdings um einen Vergleich von Äpfeln mit Birnen handelt. Denn das Semesterticket wird nicht frei verkauft, sondern über ein Solidarprinzip finanziert: Die gut 150 Euro Mobilitätsbeitrag werden von jeder und jedem Studierenden kassiert, unabhängig davon, ob oder wieviel sie Bus und Bahn fahren. Dieses Prinzip hat für beide Seiten große Vorteile: Nur dadurch, dass sich alle Studierenden solidarisch beteiligen, kann der günstige Preis erreicht werden. Und für den VRR stellen die Einnahmen aus dem Semesterticket die größte Einnahmequelle dar, mit denen er fest und unabhängig von dem aktuellen Nutzungsverhalten planen kann - nicht unerheblich für einen Riesenverbund, dem ja auch eine ganze Reihe von Fixkosten anfallen, unabhängig davon, wie viele Tickets in einem Monat aktuell gekauft werden. Das ist auch der Grund, weshalb der Verkehrsverbund nicht durch politische Reglementierung, sondern aus freien, marktwirtschaftlichen Beweggründen den Semesterticket-Vertrag mit den Studierendenschaften geschlossen hat: Trotz des vordergründig niedrigen Preises handelt es sich um ein gutes Geschäft für den VRR.

Von win-win zu lose-lose?

Äußerungen, die in die Richtung gehen, die Studierenden sollten sich wegen des ohnehin sehr günstigen Tickets nicht so anstellen, berücksichtigen das zumeist nicht. Deutlich plausibler dagegen wirkt eine Forderung von sozialen Initiativen und Teilen der Gewerkschaften: Sie wollen die im Rahmen des Semestertickets seit Jahrzehnten praktizierte Win-Win-Situation der solidarischen Nahverkehrsfinanzierung auf weitere Bevölkerungsgruppen ausdehnen. Am Ende einer solchen Entwicklung könnte eine sehr günstige und ökologisch sinnvolle Nahverkehrs-Flatrate für alle stehen, die den Verkehrsverbünden sichere Einnahmen garantiert, Verkehr von der Straße auf die Schiene verlagert, und das Grundrecht auf Mobilität auch für ärmere Bevölkerungsteile umsetzt. Statt allerdings diesem Ziel näher zu kommen, könnte der aktuelle Streit um das Semesterticket schlimmstenfalls dazu führen, dass das Ticket bei den Studierenden an Zustimmung verliert und vielleicht sogar an einigen Hochschulen wieder abgeschafft wird. Dann wären alle Verlierer*innen - die Studierenden, und der VRR.

Top of the Week 23. - 29. Mai 2022

Ihr wisst noch nicht, was ihr diese Woche unternehmen möchtet? Schaut in unsere Übersicht rein!
Von Nikita Marcus Verbitskiy in Kultur
 

Wie queer sind die Streamingdienste? - Netflix

In unserer Reihe zeigen wir euch, welche queeren Inhalte die Streamingdienste anbieten. Nun ist Netflix an der Reihe.
Von Selome Abdulaziz in Kultur
 

Volkskrankheit Karies

Die Entstehung von Karies und die richtigen Maßnahmen zur Vorbeugung.
Von Magdalena Kensy in Wissenschaft
 
Konversation wird geladen