Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

ARCHIV

Sanfter Krawall in der Zeche Carl

03.12.2014 13:00 - Linda Gerner



Gesellschaftskritik kann so zärtlich sein. Das zeigte das Gitarren-Duo Simon&Jan in der Essener Zeche Carl am 26. November. Ihre Texte sind schonungslos sarkastisch und thematisieren Konsum, Politik, Religion oder Prominente, die für Mc Donalds werben. Die Gitarrenklänge sind dagegen einfühlsam. Die zynischen Texte werden mit verträumter Stimme gesungen, die Moderation ist leichtfüßig. Beißender Spott und viel Gefühl stehen an diesem Abend nicht im Widerspruch.

Die Zeche Carl bietet eine geeignete Location für das intime Konzert. Rund 250 Menschen sind gekommen, nur wenige Plätze bleiben frei. Im Publikum sind jüngere und ältere Besucher*innen und eines haben alle gemeinsam: Vorfreude auf den Abend.

„Willst du mit mir Karnickel kotzen sehen? Die gucken erst ganz traurig und dann kommt es ihnen hoch. Ich find’s schön.“

Um 20 Uhr kommt das Liedermacher-Duo auf die Bühne. Simon Eickhoff (34) lächelt schüchtern ins Publikum, während sein Bühnenkollege Jan Traphan (33) breit grinst. Schnell ist klar, wer für die Kommunikation mit dem Publikum zuständig ist. Die beiden stimmen ihre Gitarren und es geht los mit dem Lied „Karnickelkotzen“. Inhaltlich eine Kritik an der computerversessenen Welt, die nur noch aus Facebook-Freundschaften, YouTube und Online-Käufen besteht: „Was ist das für ‚ne schöne neue Welt hier? Ich drück‘ den ganzen Tag nur noch gefällt mir.“ Die Musik jedoch ist zärtlich, die Blicke leicht verzweifelt. Inhaltsleer fast, so wie das Leben vor dem Computer. Und trotzdem, Karnickel kotzen zu sehen scheint irgendwie schön zu sein und man bekommt instinktiv Lust, YouTube nach einem solchen Video zu durchforsten.

https://www.youtube.com/watch?v=9uvBnJBRqCQ

Nachdem der Einstiegsapplaus abgeebbt ist, stellt Jan das Oldenburger Duo vor. „Wir haben uns im Studium kennengelernt. Lehramt. Wir haben uns angewöhnt, das einmal zu Beginn zu sagen, dann ist es raus“, sagt er. Sie hätten sich dann nach gefühlten 20 Semestern für Rockmusik und gegen den Lehrerberuf entschieden, erklärt er. Nachdem sie bereits im Studium in Kneipen aufgetreten sind, haben sie 2006 das Duo gegründet und wurden zunächst als Support von Götz Widmann bekannt. 2011 gingen sie erstmals mit ihrem Programm „Der letzte Schrei“ auf Tour. Das aktuelle Programm „Ach Mensch“, mit dem sie auch in der Zeche Carl auftreten, nimmt vorrangig menschliche Vorlieben satirisch unter die Lupe.
Viele der Besucher*innen der Zeche Carl in Essen sehen Simon&Jan an diesem Abend zum ersten Mal. „Seid ihr alle absichtlich hier?“ fragt Jan daher das Publikum. „Fühlt euch frei, einfach zu gehen, falls ihr euch vertan habt.“ Aber nach kotzenden Karnickeln als Einstieg sind wohl alle zu gespannt, was an dem Abend noch folgen wird.

Drogen und Zweizeiler

Manche Lieder sind nur eine kurze Freude: „Ich leide. Unter Stimmungsschwankungen“ – mehr Text braucht ein Lied eigentlich auch nicht. Mit solchen Liedern, die teilweise nicht mal 30 Sekunden lang sind, schaffen es Simon&Jan, das Publikum zum Schmunzeln zu bringen. Und irgendwann dämmert es diesem, dass je weiter der Abend voranschreitet, immer öfter Drogen vorkommen. Manchmal ganz offensiv wie bei dem Stück, wo es heißt: „Ich liebe von der Leyen und ich liebe Andrea Nahles. Ich werd‘ mich kaum entscheiden können, wenn endlich wieder Wahl ist. […] Ich find‘ die eigentlich alle ganz okay. Meine Mama kocht ganz gern mit LSD“ oder eher verhalten mit einem „Bist du bekifft“ als Beatbox-Grundlage bei einem anderen Lied. Ob es dafür einen Grund gibt? Simon würde zwar nicht so gut kochen wie seine Mutter, „Aber er hat einen grünen Daumen“ erklärt Jan dem Essener Publikum.

Auch zum Nachdenken regen die Texte an. Das Lied „Ach Mensch“ thematisiert humoristisch, aber ernsthaft, schonungslos und fast resignierend die Rolle von Religion in der Gesellschaft: „Ich führe Kriege in deinem Namen. Ich folge deinen Wegen, Gott ich werd‘ mich nicht verlaufen. Zeig mir eine Hexe und ich stell sie auf den Haufen.“ Und auch das Lied „Apokalypse“, das Umweltkatastrophen thematisiert, lässt das Publikum ruhiger werden: „Ich spür die Erde beben. Ich wollte so was nie erleben. Mein Nachbar ruft lauf los, die Erde brennt. Und rennt.“ - „Ist gar nicht so ungewöhnlich, dass die Stimmung an der Stelle erstmal so’n bisschen im Arsch ist“, meint Jan danach. „Aber wir haben gelernt damit umzugehen. Im Endeffekt gibt es zwei Varianten. Variante A ist, man versucht die Stimmung mit allen Mitteln wieder herzustellen. Aber wir haben immer wieder feststellen dürfen, dass es eine Kunst und auch ein großes Vergnügen ist, eine beschissene Stimmung einfach nur zu halten.“ Doch weil die beiden nächstes Mal in Essen gerne wieder vor Publikum spielen wollen, entschieden sie sich in letzter Konsequenz dann doch für die erste Variante.

„Genau so klingt Krawall“

Bei dem fulminanten Schluss des Konzerts kann keine Rede mehr von schlechter Stimmung sein. Das letzte Stück ist eine Coverversion von Deichkinds „Remmidemmi“ – der Saal soll noch einmal so richtig ausrasten: „Lasst uns alle gemeinsam jetzt diesen Laden zerlegen, oder? Wir wollen auf unserer Tour eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Und heute fangen wir hier an.“
Das hat dann auch fast geklappt. Als das Duo sanft „Habt ihr nichts zu Fressen hier? Ich will Pizza“ in die Mikros säuselt, muss das Publikum zwangsläufig gefühlvoll in ein „Yippie Yippie Yeah Yippie Yeah Krawall und Remmidemmi“ einstimmen. Damit haben Simon&Jan wohl gezeigt, dass selbst ein Partysong mit wenig romantischem Text tiefe Gefühle erzeugen kann, wie es sonst nur ein Ed Sheeran vermag.

https://www.youtube.com/watch?v=U0ep_FinRuE

Studierendenvertretungen fordern Reform der Überbrückungshilfen

Die Studierendenvertretungen erneuern ihre Kritik an den Überbrückungshilfen von Bildungsministerin Karliczek.
 

Akdventskonzerte im Stream

Die Philharmonie bietet kostenlose Live-Konzerte in digitaler Form an. So muss auch das Weihnachtsoratorium nicht ausfallen.
 

Der Traum von der Atomaren Abrüstung

Im Januar wird der UN-Verbotsvertrag für Nuklearwaffen gültig. Die Atommächte und Deutschland haben nicht unterschrieben.
 
Konversation wird geladen