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Offensichtlich verstecktes Morden

11.04.2016 23:05 - Linda Gerner



Die NSU-Mordserie ist eine beispiellose Gräueltat aus der organisierten rechten Szene. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe konnten von 2000 bis 2011 acht Menschen ermorden und im Untergrund leben – obwohl auf alle drei ein Haftbefehl ausgesprochen war. Der Prozess gegen Zschäpe, die einzige von dem Trio noch Lebende, läuft bereits seit über drei Jahren. Inmitten dieser realen Ermittlungen hat die ARD einen Dreiteiler über den NSU gesendet – Spielfilme, keine Dokumentarfilme heißt es im Vorspann. Doch was bisher über den NSU bekannt ist, bilden die drei Teile schonungslos ab.

Der erste Teil „Die Täter“ beginnt zur Wendezeit 1989. Man sieht die jugendliche Beate (gespielt von Anna Maria Mühe), die perspektivlos in Jena beginnt, in der rechten Szene Anschluss zu finden. Sie rebelliert gegen ihre Mutter, verliebt sich in den Neonazi Uwe Mundlos und begleitet ihn erstmals auf eine rechte Demonstration. Es dauert nicht lange und man sieht die vorher noch orientierungslos und fast schüchtern wirkende Zschäpe zusammen mit den anderen beiden NSU-Tätern menschenverachtende Sprüche rufen, Nazilieder grölen oder Gruppenfotos in braunen Uniformen in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald machen. In einer anderen Szene präsentiert sie ihren rechten Freund*innen stolz ein von ihr erfundenes Nazi-Monopoly, über das sich die Jugendlichen dümmlich und gehässig amüsieren. Es sind Szenen wie diese, die den ersten Teil des NSU-Dreiteilers fast unerträglich machen. Neben dem Unverständnis und der Wut, die der Film hervorruft, kommt auch Unbehagen auf, dass die Naziparolen unkommentiert bleiben – doch genau dies ist die erste Perspektive des Dreiteilers „NSU- Mitten in Deutschland“. Die der Täter.

Drei Teile, drei Fokusse

Auch wenn die Idee zu den Spielfilmen aus einer gemeinsamen Arbeit heraus entstanden und vor allem eine von der Produzentin Gabriela Sperl vorangetriebene Vision ist, hat jeder der drei Teile einen anderen Regisseur. Die bewusste Dreiteilung hat den Vorteil, dass gar nicht erst versucht werden musste, die Vorgeschichte der Täter*innen und wie sie sich kennen lernten, irgendwie in einen Film, der auch die schreckliche Situation der Opferfamilien zeigt, zu quetschen. Der erste Teil, der den Titel „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“ trägt, ist von Regisseur Christian Schwochows. Der Titel ist provokativ gewählt, es handelt sich um ein Zitat aus der Zeichentrick-Serie „Rosaroter Panther“. Diese Zeichentrickserie verwendete der NSU in einem Video, in dem sie mit Bildern der toten Opfer ihre Taten festhielten. Der Titel lässt schon vorausdeuten, dass nicht nur die gehässige Perspektive der Neonazis in dem ersten Film thematisiert wird, sondern auch, dass keine Gegenperspektive, wie etwa die der Polizei entgegengesetzt wird. Ebenso, wie es das NSU-Trio empfunden haben muss. Denn die anderen beiden Teile zeigen, dass zwar die Neonaziszene allgemein beobachtet wurde, V-Leute aus der Szene angeworben und bezahlt wurden, jedoch Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe lange nicht wegen der Morde ins Visier genommen wurden.

Schwochows sieht in den Parolen, die die Neonazis in seinem Film skandieren, klare Parallelen zu Aussagen, die man bei Diskussionen, beispielsweise über das Asylgesetz, auch in Sozialen Medien liest: „Was Uwe Mundlos in meinem Film in seinen Agitationen und Schriften von sich gibt, ist mittlerweile Mainstream geworden. Es laufen Menschen herum, die diese Dinge heute eins zu eins sagen. In unserem Medium können wir das den Leuten vor den Kopf knallen und ihnen vermitteln: Es geht hier nicht um drei einzelne Wahnsinnige, es geht um uns alle, um eure Kinder, eure Nachbarn“, so Schwochows im Interview mit Die Zeit.

Opfer werden zu Täter*innen gemacht

Der zweite Teil „Die Opfer – Vergesst mich nicht“ zeigt die Geschichte der Familie des ersten Mordopfers des NSU, Enver Şimşek. Der Blumenhändler wurde am 9. September 2000 ermordet. Nach dem Verlust ihres Vaters waren dessen damals 14-jährige Tochter Semiya Şimşek und ihre Familie vorurteilsbehafteten Anschuldigungen von Seiten der Ermittler*innen ausgesetzt. Neben Falschbehauptungen, wie etwa der Konfrontation der Ehefrau des Opfers mit einer angeblichen Geliebten des Toten, um ein Geständnis zu provozieren, sieht man wie die Ermittler*innen Jahre lang ‚auf dem rechten Auge blind‘ arbeiten. Nur die Opferfamilien sehen einen Zusammenhang der rassistischen Morde: „Meine Familie und ich, wir hatten schon frühzeitig darauf hingewiesen, dass hinter den Morden durchaus auch ein ausländerfeindlicher Hintergrund stecken könnte. Dies wurde von den Ermittlern immer wieder ignoriert“, so Semiya Şimşek. Der Film von Regisseur Züli Aladag basiert auf ihrem Buch „Schmerzliche Heimat: Deutschland und der Mord an meinem Vater“, in dem sie schildert, wie aus der Opferfamilie jahrelang eine Täterfamilie gemacht wurde. Den Film findet sie „hervorragend gelungen“ und sie hofft, dass er noch viel mehr Menschen erreicht, als ihr Buch das konnte.

Der Film zeigt die Geschichte der Familie berührend, die Morde des NSU werden durch Zeitungsartikel und durch Einblenden des Datums in der Zeitspanne von elf Jahren gezeigt, stets wird den Zuschauer*innen das ohnmächtige Gefühl vermittelt, dass trotz der steigenden Anzahl rassistischer Morde mit der gleichen Tatwaffe kein Zusammenhang bei den Ermittlungen gesehen werden will. „Es war uns wichtig, einen wahrhaftigen und universellen Film zu machen, der uns einen Blick in die Köpfe und die Herzen der Protagonisten ermöglicht, den Opfern und Angehörigen eine Stimme gibt und an sie erinnert“, so Regisseur Aladag.

V – wie Vertrauen?

Der dritte und letzte Film teilt mit den anderen beiden ein vorherrschendes Gefühl: Fassungslosigkeit. „Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch“ beschäftigt sich nicht mit der Mordserie des NSU, sondern vorrangig mit der rechten Szene, dem Thüringer Heimatschutz, aus der Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe kommen. Er zeigt Bilder von brennenden Geflüchtetenunterkünften wie 1992 in Rostock-Lichtenhagen und personalisiert das Ermittlerteam, das auf der Suche nach dem NSU-Trio ist. Immer wieder geraten sie bei ihren Ermittlungen in Konflikt mit dem Verfassungsschutz. Wunderbar ekelhaft-glatt gespielt von Florian Stetter und Ulrich Noethen, fragt man sich bei dem Vorgehen des Verfassungsschutzes instinktiv, ob diese wirklich „Dienstleister der Demokratie“ sind, wie es im Film mehrmals betont wird. Statt die Suche nach dem Trio zu forcieren, werden Akten vernichtet und beschwichtigende Sprüche wie: „Wenn sie der Hydra einen Kopf abschlagen, wachsen zwei neue nach“ zum Besten gegeben. Auf der Suche nach dem NSU-Trio sind die Ermittler immer einen Schritt zu spät, beim Stürmen einer leeren Wohnung kommt die Frage auf, welche Vertrauenspersonen, wirklich für den Staat arbeiten oder welche das Geld nutzen, um dem NSU bei der Flucht zu unterstützen.

Drei Mal 90 Minuten, die es sich anzuschauen lohnt. Das ARD-Fernsehprojekt rüttelt auf, klärt auf und zeigt, was bei den Ermittlungen um die Mordserie des NSU alles falsch gelaufen ist. In der sind die drei Filme bis zum 30. Juni 2016 täglich ab 20 Uhr zu sehen.

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