"Conflict, Time, Photography" zu sehen, die von der Tate Modern konzipiert und zuerst in London gezeigt wurde. Unsere Redakteurin hat sich dort umgeschaut und mit Hans-Jürgen Lechtreck, stellvertretender Direktor des Museums und Kurator der Ausstellung, gesprochen.">
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Monets Seerosengarten ist woanders

03.05.2015 13:23 - Lorenza Kaib



Das Politische hat Einzug gehalten in das Museum Folkwang. Bis zum 5. Juli ist dort die Ausstellung zu sehen, die von der Tate Modern konzipiert und zuerst in London gezeigt wurde. Unsere Redakteurin hat sich dort umgeschaut und mit Hans-Jürgen Lechtreck, stellvertretender Direktor des Museums und Kurator der Ausstellung, gesprochen.

Schockstarre, glasiger Blick, Klammergriff um das Gewehr: Die Besucher*innen sind am Anfang der Ausstellung mit der bekannten Fotografie eines Marines im Vietnamkrieg von Don McCullin konfrontiert. In einer Plexiglasbox an der Wand wird Slaughterhouse Five präsentiert, das Buch, welches der englische Kurator Simon Baker als Grundidee für das achronologische Ausstellungskonzept benennt. Kurt Vonnegut, Autor des Buches, überlebte die Bombardierung Dresdens als Kriegsgefangener in einem Schlachthaus und thematisiert im Roman die Schwierigkeit, für solche Erlebnisse eine Sprache zu finden. Dieser Problematik stellt sich auch die Ausstellung. Ebenfalls zu Beginn zu sehen ist eine Fotografie, die so abstrakt ist, dass sie eher an Malerei erinnert, und das idyllisch anmutende Bild einer trockenen Landschaft, bei der nur die dezent aufsteigende Rauchwolke erahnen lässt, dass etwas Grauenhaftes passiert sein muss. Insgesamt ein sehr komplexer erster Raum, der in die Ausstellung einleitet.

Vom deutsch-preußischen Krieg bis Afghanistan

Die Ausstellung folgt einem starken Konzept, das die Besucher*innen durch über 100 Jahre Geschichte lenkt. Dabei immer im Fokus: die globalen Konflikte. Man durchläuft die Ausstellung jedoch nicht chronologisch, sondern anhand der Zeit, zu der sich Künstler*innen dazu entschlossen haben, sich mit einer kriegerischen Auseinandersetzung zu beschäftigen. Und das passiert auch im Nachhinein, wie etwa in der gezeigten Arbeit von Dieter Hinrichs, der sich 40 Jahre nach der Befreiung Dachaus mit dem Ort auseinandersetzt. Diese Arbeit gehört zu denen, die aus der Fotografischen Sammlung des Museums hinzugekommen sind und „den Blick deutscher Fotografen auf Erinnerungsorte in Deutschland“, zeigen sollen, so Hans-Jürgen Lechtreck, Kurator des Museums.



Ein und demselben Konflikt begegnet man also mehrmals in der Ausstellung, es wird klar: Mit dem abgeschlossenen Friedensvertrag ist der Krieg noch längst nicht vorbei. Außerdem unterstreicht die Konzeption der Ausstellung die Erinnerungsleistung und die Aufarbeitung, welche Menschen danach vollbringen. Hans-Jürgen Lechtreck, Kurator des Museums, sieht die Besonderheit der Ausstellung genau darin, dass sie das „ ‚danach‘ und nicht die Kriegsfotografie, wie wir sie kennen, zeigt“. Die Ausstellung habe keinen didaktischen, jedoch einen aufklärerischen Anspruch, da sie „nicht mit einer Ästhetik der Gewalt den Besucher überwältigt, sondern zum Nachdenken über das Abgebildete anregt“.

Fließende Grenzen: Wo bin ich gerade?

So spannend die Vermischung von Fotografien, die von verschiedenen Kriegen zeugen, ist – sie kann auch verwirren. Ab und zu würde sich manche*r eine Karte wünschen, auf der man nachschauen könnte, wo man sich gerade geografisch befindet. Das ‚Sich-verloren-Fühlen‘ in all den Krisenherden macht jedoch eins deutlich: kämpferische Auseinandersetzungen sind ein globales und in jeder Zeit zu findendes Phänomen. Da ist es nur logisch, dass man den Überblick verliert.

Wer nach einem festen Halt, sozusagen einem Fixpunkt, sucht, findet einen Raum, der sich nur mit dem Ruhrgebiet und Rheinland nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Dieser Raum ist für die Ausstellung im Museum Folkwang neu dazu gekommen. „Wir haben uns dabei für die Zeitstufe ‚Tage, Wochen, Monate später‘ entschieden, da wir so die verschiedenen Perspektiven – etwa die von den Bürgern und ausländischen Journalisten - zeigen konnten“, so Lechtreck.

Nicht unproblematisch: der Umgang mit der Waffenschmiede Krupp. Es werden Bilder aus dem Firmenarchiv gezeigt, die Kriegsschäden dokumentieren, was auf Textebene nur zaghaft kritisch beleuchtet wird. Ist das Streifen dieses großen Themenkomplexes wirklich sinnvoll? Der Kurator begründet die Entscheidung mit der Übernahme des Ausstellungskonzepts der Londoner Galerie, das nicht vorsehe, dass man eine historische Erzählung mit den gezeigten Bildern verknüpft und stellt fest: „Die Bildgeschichte, der Bildgebrauch im allgemeinen Sinne ist in dieser Ausstellung nicht das Thema“.

Für manche Besucher*innen ist es interessant, in diesem Raum Orte wiederzuerkennen, die sie aus dem Alltag kennen. Der Eindruck, dass ich mich auf einmal in einem geschichtshistorischen Museum der Stadt Essen befinde, hat sich hingegen bei mir eingestellt. Dieser ist jedoch subjektiv, jede*r setzt beim Besuch der Ausstellung automatisch Schwerpunkte aufgrund der eigenen Biographie. Eine japanische Gruppe habe sich beispielsweise sehr lange und intensiv mit dem Raum, der Hiroshima und Nagasaki thematisiert, beschäftigt, schildert der Kurator.



Nach Durchschreiten von 168 Jahren Geschichte, gebündelt in 13 Räumen, bleiben viele Fragen: War das die angemessenste Form, Kriegsbilder zu zeigen? Gibt es das überhaupt? Krieg und Museum – wie passt das zusammen? Ganz allgemein: Wie sieht das Verhältnis Politik - Museum aus? Gehört Politisches dort überhaupt hinein? Für Lechtreck ist Letztere mit Ja zu beantworten: „Ich glaube, dass das Museum auch ein Raum ist, wo politische Diskussionen ein Echo finden können, sogar müssen“.

Die Ausstellung macht ein sehr großes Fass auf. Allein ihr Umfang von 125 Arbeiten kann das Aufnahmevermögen überstrapazieren, dazu kommt der drastische Inhalt. Leichte Kost ist Conflict, Time, Photography sicherlich nicht – aber gerade deswegen ist sie eine Auseinandersetzung wert.

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