Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

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Lobby und Lügen

15.06.2015 11:30 - Linda Gerner



Aufrüttelnd, irritierend und unkonventionell: Der Film von Regisseur Christian Hochhäusler „Die Lügen der Sieger“ blickt hinter die Mechanismen von Lobbyismus und thematisiert die Manipulation von Journalismus im Zeitalter von Internetrecherchen. Am Montag, den 8. Juni feierte der Politthriller in der Lichtburg in Essen Premiere. Anwesend waren neben dem Regisseur auch die Hauptdarsteller*innen Florian David Fitz und Lilith Stangenberg. Am 18. Juni kommt der Film in die deutschen Kinos.

Wir sind in der Beobachterperspektive. Aber nicht nur im Kino. Wir sitzen buchstäblich hinter der Kamera, wir laufen auf und ab und beobachten. Wir machen Fotos. Und wir warten. Lange. Es wird zunehmend bedrohlicher. Wir schauen durch unsere Linse auf die schwarz-weiße Welt. Was genau wir sehen wollen, das wissen wir noch nicht. Aber der Informant, den der Journalist trifft, könnte uns gefährlich werden. Vielleicht weiß er zu viel.

Manipulieren, lobbyieren, triumphieren

Der Thriller „Die Lügen der Sieger“ wird rasant erzählt, oft mit wackelnder Handkamera gefilmt und ist mit massig vielen aktuellen Themen gespickt. Lobbyismus, die Bundeswehr und die Afghanistanproblematik, pschyischen Krankheiten, der sterbende Enthüllungsjournalismus, Wettsucht, Sex, Handelsabkommen und Überwachungsstaat. Irgendwie ist so ziemlich alles drin und verursacht eine Karussellfahrt im Kopf der Zuschauer*innen. Fast könnte man das Gefühl bekommen, dass sich die Drehbuchautoren nicht ganz entscheiden konnten, worauf die Geschichte den Fokus legen soll. Der Qualität des Filmes schadet das jedoch in keiner Weise. Denn es wird nicht langweilig. Nach und nach werden die einzelnen Erzählstränge zusammengeführt und ergeben einen komplexen Film mit Interpretationsspielraum.

Der Titel des Films ist eine Anspielung auf das im Original englischsprachige Zitat von Lawrence Ferlinghetti: „Geschichte wird gemacht aus den Lügen der Sieger aber man würd's nicht erkennen an den Titeln der Bücher.“ Denn auch darum geht es in dem Film, meint Hauptdarsteller Florian David Fitz: Erkennen, dass Texte in einer Zeitung immer von jemanden unter ganz bestimmten Umständen geschrieben worden sind und keine kontextfreien Wahrheiten sind.

Lobbyist*innen ziehen die Fäden

Fitz spielt den wettsüchtigen Journalist Fabian Groys, der durch einen Informanten eine brisante Story zum Umgang der Bundeswehr mit Veteranen herausbringen möchte. Als Beschäftigung für die zunächst lästige Volontärin Nadja (Lilith Stangenberg) gibt er ihr den banal scheinenden Auftrag, sie solle zu einem Suizid im Gelsenkirchener Zoo recherchieren. Dort ist ein Mann wie ferngesteuert in das Löwengehege gestiegen. Die beiden Geschichten scheinen sich jedoch zu überkreuzen. Durch Recherchen finden die beiden heraus, dass der Mann zuvor für die Bundeswehr in Afghanistan stationiert war. Ein psychischer Knacks? Oder steckt doch seine Arbeit in einer Sondermülldeponie in Deutschland hinter dem Suizid? Doch es ist ohnehin irrelevant, wie viel die Journalist*innen herausfinden, die Lobby ist ihnen immer einen Schritt voraus. Durch geschickt platzierte Fotomontagen im Internet schaffen sie es eine andere Geschichte zu erzählen, die genug Zündstoff für eine gute Story bietet, aber weitaus unverfänglicher ist, als die Wahrheit. Die Journalist*innen wittern Erfolg und tappen in die Falle.

Nackte Tatsachen

Neben der aufdringlichen Schleichwerbung für den Computerriesen Apple, kommt auch der Sex in die „Lügen der Sieger“ nicht zu kurz. Neben der kurzweiligen Liaison der beiden Hauptcharaktere, die filmisch modern durch gedanklich Überblendungen dargestellt wird, bringt auch die erste Szene, in der ein nackter Florian David Fitz mit zahmer Hausmaus zu sehen ist, ersten Jubel und Applaus hervor. Der Schauspieler zeigt sich in der Lichtburg sichtlich gerührt vom freundlichen Penisapplaus: „Das wird mir jetzt für immer bleiben.“
Die in den Anfängen liegenden „Ich danke meiner Mama-Reden“ bei der Premiere in Essen werden durch einen durchs Kino flitzenden Fitz und einer Fragerunde mit dem Publikum aufgelockert. Zunächst stellt er die These in den Raum, dass der eigene Blick auf Journalismus nach dem Film ein anderer sei, ihn persönlich hätte die Arbeit an „Die Lügen der Sieger“ sehr beeinflusst. Damit liefert er eine Steilvorlage für alle Verschwörungstheoretiker*innen, die nun zum Besten geben dürfen, dass so was bestimmt schon mal vorgekommen sei und dieser Journalismus sei allgemein ja ziemlich undurchsichtig.

Ende offen, Ende gut

Im Film bleibt es zu mindestens für die Öffentlichkeit am Schluss bei den von den Lobbyisten diktierten Begebenheiten. Die Zeitung könne schließlich keine Titelstory widerrufen, das würde an ihrem glaubwürdigen Image kratzen. Zurück bleibt ein ehemals engagierter Journalist, der sich vor der Entscheidung seines Chefredakteurs beugen muss, obwohl er den Betrug beweisen könnte. Es scheint das Fazit gezogen zu werden, dass Karriere vor Wahrheit geht und so siegt die Lobby über den Enthüllungsjournalismus. Ende offen, Klappe trotzdem zu.
https://www.youtube.com/watch?v=NE3pjXfMybc

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