(akduell berichtete) an sein Publikum. „Wirtschaft heißt miteinander füreinander leisten“, so der Titel seines Vortrages. Doch was steckt hinter der wohlklingenden Formel und ist Götz Werners Stil der Unternehmensführung tatsächlich so bahnbrechend anders?">
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Liebe Kundinnen und Kunden

05.05.2015 11:06 - Thies Kiesewetter



Vergangenen Montag kam der dm-Gründer Götz Werner nach Duisburg, um die Mercator-Professur der Universität Duisburg-Essen entgegenzunehmen. Nachdem Rektor Ulrich Radtke ihm die Urkunde überreicht hatte, wandte sich der „etwas andere Unternehmer“ an sein Publikum. „Wirtschaft heißt miteinander füreinander leisten“, so der Titel seines Vortrages. Doch was steckt hinter der wohlklingenden Formel und ist Götz Werners Stil der Unternehmensführung tatsächlich so bahnbrechend anders?

„Sehr verehrte Kundinnen und Kunden“ – so begrüßt Götz Werner das Auditorium im ausgebuchten Hörsaal LX. Ein Raunen geht durch die Menge, vereinzeltes Gelächter. Er begegne überall nur Kunden, sagt Werner, und scheint wie Onkel Dagobert in seinen Zuhörer*innen nur Dollarzeichen zu sehen. So einfach ist es jedoch nicht. Im folgenden Vortrag wird der dm-Gründer noch einige ungewohnte Worte in den Mund nehmen und so versuchen, sein Publikum zum Querdenken anzuregen. Deutlich wird dies zunächst bei seinen Ausführungen über „Produktivität“ und „Empfänglichkeit“. Wer produktiv sei, benötige jemanden, der empfänglich für das Produkt ist – wie bei Bienchen und Blümchen. Diese Empfänglichkeit zu erkennen und zu bedienen, sei der Schlüssel zum Unternehmenserfolg. Was Götz Werner hier esoterisch bis erotisch umschreibt heißt in der BWL-Vorlesung Angebot und Nachfrage – ein alter Hut.

Wachstum als Geißel der Gesellschaft

Dass er etwas anders denkt als die gemeine Wirtschaftswissenschaft, wird erst später in seinem Vortrag deutlich. So verurteilt er eine Wirtschaft, die zum Selbstzweck mutiert. „Der Wachstumsbegriff ist die Geißel unserer Gesellschaft“, ruft Werner und erntet dafür tosenden Applaus. Stattdessen gehe es in der Wirtschaft immer um die Menschen. Seit Adam Smith wüssten wir, dass wir in Zeiten weltweiter Arbeitsteilung lebten. Wir arbeiteten für andere Menschen und diese arbeiteten für uns. Anders als bei Smith dürfe man dabei aber nicht nur das eigene Wohl im Blick haben, denn allgemeiner Eigennutz führe nicht durch unsichtbare Hand zu einer florierenden Wirtschaft.

An anderer Stelle führt Werner aus, dass die Menschen Sinnsucher*innen seien. Der Wunsch, im eigenen Handeln einen Sinn zu erkennen, sei so groß, dass er nicht unterdrückt werden könne. Um etwas Sinnvolles tun zu können, müsse der Mensch jedoch frei von existenziellen Sorgen sein. Götz Werner verpackt diesen Gedanken erneut in ungewohnte Worte. So sei es falsch, anzunehmen, die Menschen müssten arbeiten, um ein Einkommen zu erzielen. Vielmehr benötigten die Menschen ein Einkommen, um arbeiten zu können. Bei dieser Umkehrung der Relationen setzt er vermutlich voraus, dass die Menschen einen Sinn in ihrer Arbeit sehen und sich somit selbst verwirklichen können.

Das Grundeinkommen können wir noch nicht denken



Die Idee der Selbstverwirklichung liegt letztlich auch dem bedingungslosen Grundeinkommen zugrunde, für das sich der dm-Gründer offen einsetzt. So ist der Grundgedanke des Konzeptes, Menschen zu ermöglichen, die Arbeit auszuüben, der sie einen Sinn beimessen. Das Thema Grundeinkommen streift Werner an diesem Abend jedoch nur kurz. Dieses könnten wir momentan noch nicht denken, meint er, da wir immer noch den Eigennutz an die Spitze unseres Handelns stellten. Ob die Utopie Grundeinkommen einmal Realität wird, bleibt abzuwarten. Seinen Mitarbeiter*innen möchte Götz Werner aber schon heute die Existenzängste nehmen und ihnen ein Gehalt bieten, dass es ihnen ermöglicht, bei ihm zu arbeiten. So glaubt er Angestellte zu finden, die einen Sinn darin sehen, bei dm zu arbeiten. Dieser Sinn liege wiederum darin, sich für das Wohl der Kund*innen einzusetzen und jede Filiale jeden Tag neu zu erfinden. Auf diese Weise, lässt sich schließen, sind Götz Werner, dm, die Mitarbeiter*innen und die Kund*innen alle ein Teil des „miteinander füreinander Leistens“.

Insgesamt weiß die Auftaktrede des neuen Mercator-Professors aber zu gefallen. Götz Werner ist kein schlechter Redner. Er hat sein Publikum im Griff und sorgt an den richtigen Stellen für Lacher. Bisweilen fällt es wegen der Anekdoten aber auch schwer, dem roten Faden seines Vortrags zu folgen. Inhaltlich geht der dm-Gründer nicht wirklich in die Tiefe, sondern holt das Publikum mit seinen sozial-romantischen Philosophien gekonnt ab. Dabei fällt es schwer, Kritikwürdiges an seinem Auftritt zu finden, auch wenn das ungute Gefühl bleibt, dass man es letztlich doch mit einem normalen Unternehmer zu tun hat und nicht mit einem Sozialpolitiker.

Shampoo overload

Vielleicht auch deshalb bleibt die anschließende Fragerunde hinter den Erwartungen zurück. Die einzig gute Frage ist, ob dm nicht gezielt Bedürfnisse bei den Kund*innen wecke, denn eigentlich könne man doch neun von zehn Shampoo-Sorten im Geschäft entbehren. Solange die Kund*innen zehn Shampoos wollten, müsse er dieses Bedürfnis befriedigen, antwortet Werner. Doch sein Modell von „Produktivität“ und „Empfänglichkeit“ gerät durch diese Frage etwas ins Wanken. Ob es auch einstürzt, kann entscheiden, wer sich den noch einmal in Ruhe ansieht.

 

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