Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

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Ist das Kunst oder eine Straftat?

16.02.2018 08:39 - Lea Sleiman



eine Glosse von Lea Sleiman

Eine Person mit Kapuze steht am hinteren Teil des Bahnsteigs, der wenig beleuchtet ist, und malt auf eine graue Wand. Etwas weiter daneben telefoniert eine ältere Dame. Sie legt auf und tritt neben den kaum erkennbaren Menschen: „Das ist verboten. Was soll das Geschmiere hier?“, fragt sie. „Das ist Kunst“, antwortet die Person. Sie packt die Farben ein und beeilt sich, in die einfahrende Bahn einzusteigen. Die Frau starrt kurz empört auf das Gemalte, versucht noch den „Täter“ zu fotografieren und ruft die Polizei.

Diese Szene hat sich vergangenen Mittwoch am Essener West-Bahnhof ereignet, der für den Streit zwischen Writer*innen und der Stadt bekannt ist. Kaum wird der Bahnhof gestrichen, werden die Wände wieder bemalt. Jedes Graffiti erscheint als Kampf um das Recht, unkontrolliert Raum zu betreten, als Drang, die Welt nach eigenen Vorstellungen zu verändern und als großes „Fickt euch“ an sterile Wände und prüde Nutzungsrechte. Bahnhöfe gehören offiziell den Verkehrsunternehmen, in ihnen bewegen sich jedoch viele Menschen. Das zeigt die Diskrepanz zwischen dem Gebrauch von Orten und Dingen und deren Eigentumsverhältnissen auf. Kunst ist dort oft unerwünscht, also verhalten sich die Malenden wie Kriminalisierte: Heimlich und schnell werden Bilder und Schriften gezeichnet – dabei geht Potenzial verloren, sodass es weniger Menschen als schön wahrnehmen können.

Die Lösung für die Dame lautet wohl, dass der Writer bestraft wird. Ob es ihr tatsächlich um unbemalte Wände geht oder ums Prinzip des Verboten-Seins, ist unklar. Vielleicht hat sie sich auch noch nie gefragt, wie sie sich diesen Ort eigentlich vorstellt. Deutlich ist aber, dass viele Menschen die Möglichkeit einer Verfolgung in Kauf nehmen, um sich im Schatten des Privatisierten zu verewigen. Zumindest bis das nächste Mal gestrichen wird oder jemand Anderes darüber malt. Das wirkt, betrachtet man den Einsatz von Ressourcen und deren Nutzen, absurd - wahrscheinlich ist die Straßenkunst auch die letzte irrationale Bastion in der hochorganisierten Welt der Gewinnmaximierung.

Solange es keinen öffentlichen Raum gibt, in dem freier Diskurs darüber geführt wird, was wir wollen und wie die Ideen nebeneinander Platz haben, geht das Debakel aus Verboten und Strafen weiter – und denen, die das nicht hinnehmen, aber keine Möglichkeit haben, ihre Vorhaben mit ihren Mitmenschen abzusprechen. Es könnte sie schließlich jemand anzeigen.

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