Zentrum für Erinnerungskultur (ZfE) besucht. Trotz großer Baustelle wurden im vergangenen Jahr bereits viele Projekte realisiert.">
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ARCHIV

"Geschichte vor der eigenen Haustür"

10.07.2015 10:09 - Maren Wenzel



Duisburg ist spät dran: Erst im Jahr 2014 entstand das NS-Dokumentationszentrum der Ruhrgebietsstadt. Statt einer angedachten Kooperation mit VHS und Stadtbibliothek befinden sich erste Räumlichkeiten jetzt im Stadtarchiv sowie im Kultur- und Stadthistorische Museum. Etwa ein Jahr nach dem Start der Institution haben wir das (ZfE) besucht. Trotz großer Baustelle wurden im vergangenen Jahr bereits viele Projekte realisiert.

Lange hat Duisburg mit der Umsetzung einer Institution, die sich mit der nationalsozialistischen Geschichte der Stadt befasst, gerungen. Es wurden Konzepte für Räumlichkeiten im Stadtfenster, baldiges Gebäude der VHS und der Stadtbibliothek, ent- und verworfen. () Die Planung läuft bereits seit über einem Jahrzehnt: „Das Ganze lief lange Zeit unter dem Label ‚NS-Dokumentationszentrum’. Aber der Name war belastet durch die Vorgeschichte, die nicht zu einer Einrichtung führte. Da wollte man den Namen ad acta legen“, erklärt Projektleiter Dr. Andreas Pilger.

Jetzt heißt der Dokumentationsort „Zentrum für Erinnerungskultur“, Menschenrechte und Demokratie. Große Begriffe für die Einrichtung: „Erinnerungskultur hat im Moment Konjunktur in den historischen Wissenschaften. In unserem Namen ist mit den Menschenrechten und dem Demokratieaspekt zudem deutlich erklärt, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit kein Selbstzweck ist, sondern Bezug nimmt auf eine aktuelle gesellschaftliche Situation“, sagt Pilger. Beim Demokratiebewusstsein gehe es darum, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nutzbar zu machen für das Handeln in der aktuellen Situation.

Gelingen soll diese Auseinandersetzung durch eine Kooperation des Stadtarchivs mit dem Kultur- und Stadthistorischen Museum, das gerade durch einen Durchbruch angeschlossen wird. „Wir sind eine Doppel Institution: Archiv und Museum“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter Robin Heun. „Ein Museum hat Exponate, die es benutzen kann. Wir haben auch Experten und Expertinnen, die bei der Inszenierung von Geschichte fit sind und dazu noch einen Mitarbeiterstab im Archiv, der auf das Thema fokussiert ist“, so Heun weiter. Er wirft einen Blick auf das Landesarchiv, das nur einen Katzensprung entfernt liegt und von dem auch das Zentrum profitiert.
Noch viele Jahre lang habe ich nachts von Duisburg geträumt. (Walter Kaufmann)

Die Projekte, die bislang realisiert wurden, ähneln denen anderer Gedenkstätten aber schon: „Wir wollen und können das Rad nicht neu erfinden: Wir sind in der Größe der Einrichtung nicht so ausgelegt, dass wir alles neu machen können und müssen. Wir lassen uns auch von anderen Einrichtungen inspirieren“, sagt Projektleiter Pilger. Ein zentraler Vermittlungsansatz ist dabei die Erzählung von Biographien. Das ZfE lädt im Rahmen seiner Dokumentation Zeitzeug*innen ein, um der Geschichte ein Gesicht zu geben.

Walter Kaufmann, Schriftsteller und Überlebender der nationalsozialistischen Verfolgungen der Jüd*innen, ist so ein Duisburger Gesicht. Ende Juni sprach und las er im Rahmenprogramm der bis Januar 2016 geöffneten Ausstellung „Noch viele Jahre lang habe ich nachts von Duisburg geträumt“ im Stadthistorischen Museum. Der 91-Jährige, der sich als Jugendlicher mit einem Kindertransport nach Großbritannien retten konnte, besteht darauf während seines gesamten Vortrages zu stehen. „Sie sehen hier jemand, der sich nicht als Opfer fühlt. Die Opfer waren meine armen Eltern“, sagt Kaufmann zur Einführung des Zeitzeugengesprächs. Mit charismatisch brummender Stimme erzählt er von seinen Eltern, Sally und Johanna Kaufmann, die 1943 im Konzentrationslager in Auschwitz ermordet wurden. Er erzählt aber auch über seine Zeit in Australien, wohin er von den Brit*innen verschleppt wurde und über seine Rückkehr nach Duisburg, bei der ihm die damalige Bewohnerin seines Elternhauses den Zutritt verweigerte.
Wir reisen heute nach Theresienstadt und hoffen auf ein Wiedersehen.
(Sally und Johanna Kaufmann)

Als Vorsteher der liberalen jüdischen Gemeinde war Kaufmanns Adoptivvater Sally, ein Duisburger Anwalt, eine wichtige Figur für das jüdische Leben in Duisburg vor und während der Verfolgung durch die Nazis. In der Ausstellung des ZfE im Kultur- und Stadthistorischen Museum ist die Biographie der Kaufmanns deshalb omnipräsent: „Wir haben einen erheblichen Anteil an Dokumenten, mit denen wir die Verfolgungsgeschichte von Kaufmanns Eltern skizzieren können. 1943 schickten seine Eltern ihm beispielsweise eine letzte Karte aus Duisburg: ‚Wir reisen heute nach Theresienstadt und hoffen auf ein Wiedersehen.’ Eine Kopie des Dokuments haben wir hier vor Ort“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter Robin Heun.



Eines der wenigen Dokumente, die geblieben sind: Das jüdische Leben wurde in Duisburg so gründlich ausgelöscht, dass es nur noch wenige Ego-Dokumente, also private Zeugnisse gibt. Von der alten Synagoge gibt es bislang beispielsweise lediglich zwei Bilder. Das, was geblieben ist, zeigt das Stadthistorische Museum in seiner aktuellen
Sonderausstellung, die sich mit jüdischem Leben in Duisburg von 1918 bis 1945 befasst. Von der gut integrierten Gemeinde, deren Mitglieder zahlreiche Läden an der Beekstraße unterhielten, werden frühe antisemitische Ausschreitungen gezeigt, bei denen SS-Männer den Vorsteher der ostjüdischen Gemeinden vor über 1.000 Schaulustigen am Stadttheater demütigten und vor sich her trieben. Und auch die Zwangsenteignung der Laden- und Wohnungsbesitzer*innen und schließlich die Deportationen werden dargestellt. Thematisiert wird aber auch wie Menschen sich erfolgreich vor der tödlichen Verfolgung retten konnten, der Beginn einer Erinnerungskultur in Duisburg und die neue Synagoge am Innenhafen.

Heute ist es staubig im Stadtarchiv – das liegt aber nicht an den Akten, Dokumenten und Urkunden, die über unseren Köpfen lagern. „Gerade wird ein Durchbruch vom Museum ins Archiv gemacht um die Räume besser zugänglich zu machen“, erklärt Projektleiter Andreas Pilger. Wie auf Kommando fällt eine Fliese mit einem kleinen Knall auf den Boden. Vorbei am neu entstehenden Foyer und einem bald hochmodernen Seminarraum für Schüler*innen im Rohbauzustand, geht es durch ein staubiges Büro nach dem anderem zum zur Zeit evakuierten Arbeitsplatz von Projektleiter Pilger.

Wenn das Dokumentationszentrum fertig ist, soll es so modern wie möglich gestaltet sein. Ein Smartboard, Tablets und eine bunte Einrichtung sollen die Schüler*innen und Besucher*innen dazu einladen sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ein Gegensatz zu vielen Gedenkstätten, die mit schwarz-weißer Akzentsetzung vor allem die Trauer um die Opfer der NS-Zeit in den Vordergrund rücken. „Ein authentischer Ort ist immer auch verkoppelt mit dem Gedenken an die Opfer. Hier gab es aber keine NS-Institution und es gibt auch nur noch wenige authentische Orte in Duisburg, die noch stehen“, erklärt Pilger. Dem Zentrum fehle deswegen zwar die Aura des authentischen Ortes, sie sei aber auch freier in der Gestaltung: „Das Thema ist keine leichte Kost; wir wollen es auch so nicht verkaufen. Wir wollen aber schon eine Aufenthaltsqualität erzeugen, bei der man sich in der Einrichtung erst einmal wohlfühlt“, erklärt er.



Trotzdem kann man im Stadtarchiv auf Spurensuche gehen: Projektleiter Pilger und der wissenschaftliche Mitarbeiter Heun führen mich durch das Stadtarchiv, vorbei an neun Kilometer Akten, Dokumenten und Urkunden. „Wenn man Biographien kombiniert mit lokaler Verortung – sozusagen als Geschichte vor der eigenen Haustür – dann ist es spanned zu sehen, wie in der eigenen Stadt, im Stadtteil oder der eigenen Straße der Nationalsozialismus ein konkretes Gesicht hatte“, erklärt Heun. Detektivisch sucht er Adressbücher vor und nach der NS-Zeit heraus, zeigt mir die Namen der Menschen, die ehemals in meiner Wohnung gelebt haben. Dazu kommt die Straßenakte meiner Straße. Genug Anknüpfungspunkte um selbst weiter zu recherchieren.

Das ZfF soll neben Schüler*innen schließlich auch Bürger*innen dazu animieren, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Deshalb greift es auch Themen wie den Luftkrieg auf: „Der Luftkrieg ist Teil der Erinnerungskultur. Es ist eine Verpflichtung des Zentrums, dieses Bedürfnis der Erinnerung in der Bevölkerung auch aufzugreifen“, sagt
Pilger. Und so veranstaltete das ZfE am Volkstrauertag eine Lesung zum Thema.

Der Volkstrauertag wird seit jeher auch von Neonazis begangen, die in Duisburg beispielsweise Kränze am Waldfriedhof niederlegen. Das Zentrum will den Gedenktag in ein historisch korrektes Licht, als Endpunkt des Zweiten Weltkriegs, setzen: „Dass wir eine Veranstaltung machen heißt nicht, dass wir uns versammeln zu Großveranstaltungen wie ‚Wie schlimm war doch der Luftkrieg und wie sind wir alle Opfer des Luftkriegs geworden’. Das wäre naiv und da würden wir unseren eigenen Zielen entgegenarbeiten“, so Pilger. Stattdessen könnten die Historiker*innen den nötigen Kontext liefern.
Alle diejenigen, die kein Sand im Getriebe waren, waren eher Öl und haben das System erhalten. (Wissenschaftlicher Mitarbeiter Robin Heun)

Und auch an anderer Stelle will und soll das ZfE ein Korrektiv sein: Trotz vieler guter Beiträge in den Medien sieht das Zentrum andere Dokumentationen kritisch. „Wir kennen alle die Guido Knopp-Features, wo der Nationalsozialismus oftmals auch mit den immer gleichen Bildern dargestellt wird. Vieles von dem, was da genutzt wird, ist ursprünglich NS-Propagandamaterial. Die Bilder werden immer wieder ohne die notwendige quellenkritische Reflexion eingebaut“, erklärt Pilger. So komme es, dass der Führerkult fortgesetzt würde. Im Museum kämen dann Schüler*innen auf Pilger zu und fragten, ob sie ein Dokument sehen könnten, das eigens vom Führer unterschrieben worden sei.

„Wir wollen aber zeigen, dass zum Funktionieren des NS-Staates mehr als eine Reichsregierung nötig war. Da können wir konkret zeigen, dass es viele kleine Helfer und Helferinnen in Duisburg gab, die das System erhalten haben“, erklärt Robin Heun. In der Ausstellung und pädagogischen Vermittlung geht es deshalb auch um Anhänger*innen, Profiteur*innen und diejenigen, die trotz der Gräueltaten geschwiegen haben. „Alle diejenigen, die kein Sand im Getriebe waren, waren eher Öl und haben das System erhalten“, sagt Heun.

„Wir haben einen bildungspolitischen Auftrag: Unsere erste Zielgruppe sind Schülerinnen und Schüler. Aber uns ist klar, dass der Aspekt der Erforschung der NS-Vergangenheit wichtig ist für die Zukunft“, sagt Pilger. Dem Zentrum für Erinnerungskultur sind Studierende, die sich mit dem Thema auseinandersetzen wollen deshalb genauso willkommen. „Die Infrastruktur auf unserer Seite ist ganz günstig für jemanden, der Interesse hat, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Von der Betreuung zur Bereitstellung der Quellen bis hin zur Publikation können wir viel vermitteln“, erklärt Pilger. Auch eine Kooperation mit der Uni Duisburg-Essen, die Workshops im Zentrum für Erinnerungskultur ermöglichen könnte, können sich die beiden Mitglieder des Zentrums vorstellen. Nun liegt es an der Universität und an den Studierenden diese neu entstandene Möglichkeit auch zu nutzen.




INFO

Ausstellung „Noch viele Jahre lang habe ich nachts von Duisburg geträumt.“ – Jüdisches Leben in Duisburg von 1918 bis 1945.

Dienstags bis samstags 10 bis 17, sonntags 10 bis 18 Uhr.
Nächste öffentliche Führung: 26. Juli.

Eintritt ermäßigt 2 Euro.

Wer zusammen mit dem Zentrum für Erinnerungskultur wissenschaftlich arbeiten möchte, kann sich an folgenden Kontakt wenden:
Telefon: 0203 283 2640
E-Mail:

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