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FinanzTrans*Aktion

27.04.2013 15:52 - Alex Grossert


TransFormation“ lautete der Titel der Queerparty am vergangenen Freitag im AZ Mülheim. Hinter dem Wortspiel verbirgt sich eine unterstützenswerte Aktion: Nachdem eine Trans*person auf den Kosten ihrer Brust-Entfernung sitzen geblieben war, haben Freund*innen des Betroffenen die Soli-Party auf die Beine gestellt um dessen Schulden zu begrenzen. Obwohl mehrere hundert Euro durch das bunte Spektakel eingenommen werden konnten, macht der Fall deutlich, dass Trans*personen in Deutschland noch immer unnötige Schwierigkeiten bereitet werden.


Djane Coa hat auf der Soliparty nicht nur aufgelegt, sondern kennt den Betroffenen und wollte mit gemeinsamen Freund*innen helfen, das fehlende Geld aufzutreiben. „Unser Freund war schon lange unglücklich mit seinem Körper, da seine Brüste für die Leute ein Indiz waren, dass er als Frau wahrgenommen und angesprochen wurde“, erzählt sie. „An ein körperliches Wohlfühlen war da nicht zu denken, auch weil er starke Rückenschmerzen durch das Abbinden der Brüste hatte.“


Absurde Forderungen der Krankenkasse


Die Krankenkasse habe von ihm verlangt, zuerst eine längere Zeit in Psychotherapie zu gehen und dann das männliche Hormon Testosteron zu sich zu nehmen. Es hätten danach noch mindestens zwei Gutachten von unterschiedlichen Ärzt*innen erstellt werden müssen. Gesundheitlich ist ein solches Prozedere kaum zu rechtfertigen, da aber Transsexualität in Deutschland als psychische Störung angesehen wird, dienen solche Verfahren vor allem dazu, der Sicht des entmündigten Patienten eine „objektive“ Diagnose entgegenzustellen. „Diese angebliche Störung wird ihnen von außen aufgestülpt, egal ob die Menschen sich gestört fühlen oder nicht.“ sagt Coa. „Trans*Personen haben ihre ganz eigene Identität wie jeder andere Mensch auch, aber von außen werden ihnen Grenzen und Zwänge auferlegt, die sie belasten, verstören und sogar tatsächlich krank machen können.“


Coas Freund hat sich entschieden, die Operation unter solchen Bedingungen selbst zu finanzieren. Um die ungewollte Hormontherapie kam er so herum, eine „Störung der Geschlechtsidentität“, also eine psychische Krankheit musste er sich dennoch bescheinigen lassen, um das Recht zu bekommen, sich operieren zu lassen. Während im vergangenen Jahr das argentinische Parlament einstimmig ein Gesetz verabschiedete, dass den Wechsel des bürokratisch registrierten Geschlechts ohne psychiatrische Gutachten ermöglicht, pathologisiert und entmündigt das deutsche Transsexuellengesetz also die Betroffenen. Die Djane findet, hier werde mit zweierlei Maß gemessen: „Ich frage mich, warum eine Brust-Amputation mit solchen Schwierigkeiten für die betroffene Person verbunden ist, während dies bei einer Brustvergrößerung als "Schönheits-Op" alles nicht notwendig erscheint.“

Was heißt Cis*gender?

Ähnlich, wie der Begriff „Heterosexualität“ erst nachträglich erfunden wurde, um die Normalität zu beschreiben, von der andere sexuelle Identitäten abweichen, gibt es seit einiger Zeit den Begriff „Cis-Gender“, mit dem alle Menschen gemeint sind, die sich ihr ganzes Leben lang mit dem Geschlecht identifizieren können, das ihnen bei der Geburt zugeteilt wurde. Demgegenüber gibt es nicht bloß klassische Transsexuelle, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Selbstbeschreibungen. Der Stern, der oft am Ende von Trans* geschrieben wird, gilt in diesem Falle als ein Platzhalter für alle möglichen Varianten.


Begriffe, wie Cisgender können hilfreich sein, um scheinbar Selbstverständliches zu hinterfragen. Dennoch sind Menschen oft irritiert, wenn sie das Geschlecht ihres Gegenübers nicht auf den ersten Blick erkennen können. „Die erste Kategorie, in die Menschen gesteckt werden, ist: Mann oder Frau? Sind sie nicht eindeutig zuzuordnen oder fallen einfach nur aus den klassischen Geschlechterrollen raus, wird ein Aufstand gemacht. Die Leute werden unsicher, sogar wütend, es werden übergriffige Fragen gestellt, es wird einfach nachgefühlt, welche Geschlechtsteile vorhanden sind, kurzum: Es wird diskriminiert und Gewalt ausgeübt“, sagt Djane Coa.


Als privilegierte Cis*Person ist es oft schwierig, solche Problematiken nachzuvollziehen. Coa findet es am wichtigsten, den Menschen in dem, was er sagt und wie er sich definiert, ernst zu nehmen, und ihn bei aller Neugier nicht mit unangemessenen Fragen zu bombadieren. „Wenn sie von sich aus von ihrer Situation erzählen wollen, ist es cool, offen dafür zu sein. Aber sie mit intimen Fragen über ihre Geschlechtsorgane, ihren Hormonhaushalt, ihre Kindheit oder ihre Sexualität zu bombardieren, kann, denke ich, ziemlich grenzüberschreitend und verletzend sein.“

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