Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

ARCHIV

Durch die Augen eines Kindes

01.05.2015 11:34 - Maren Wenzel

70 Jahre ist es her, da wurden die Konzentrations-
und Vernichtungslager der Nationalsozialist*innen befreit. Etwa sechs Millionen Menschen wurden dort während des Holocaust ermordet. Nur noch wenige Überlebende können im Jahr 2015 ihre Geschichte erzählen. Eine von ihnen ist Lydia Maksimovich, die 
als kleines Kind wie durch ein Wunder 15 Monate im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebte. In Gedenken an die Opfer der Vernichtungsmaschinerie des Nationalsozialismus druckt die akduell im Folgenden einen Teil ihrer Geschichte ab, die sie im Rahmen der Gedenkstättenfahrt der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken erzählte.

„Auschwitz ist, obwohl es auch offiziell Museum heißt, ein ganz anderer Ort als das, was man sonst als Museum kennt. Statt Gemälden oder anderen Kulturgegenständen sieht man dort den größten Friedhof der Welt. Einen ganz furchtbar traurigen und schlimmen Ort. Weit über 1 Millionen Menschen sind in Auschwitz ermordet worden, darunter auch viele tausende Kinder. Ich war eines dieser Kinder, das dort gefangen gehalten worden ist. Ich bin eines der wenigen Kinder, es waren nur ganz Wenige, die diese Hölle überlebt haben. Deswegen habe ich die Möglichkeit noch heute von dem Ort zu erzählen und an die Kinder zu erinnern, die dort gestorben sind.



Mir ist klar, dass mittlerweile über 70 Jahre vergangen sind und vor allem für die jüngeren Generationen das ganze schon ewig lange her zu scheint und es schwierig ist, sich die Realität der Menschen, die dort gelitten haben, vorzustellen. Obwohl ihr dort ward, bin ich sicher, dass das was ich heute erzählen werde, für euch unglaublich und wie die Ausgeburt eines kranken Gehirns klingen wird.

Die Baracken sind mittlerweile aufgeräumt und renoviert worden, riesige Stapel von Schuhen, Brillen, Koffern und ein Haufen von Haaren bleiben zurück. Man muss sich aber immer bewusst sein, dass das nur ein ganz kleiner Teil ist der Gegenstände und Sachen, die dort zurückgeblieben sind. Das allerwichtigste - das menschliche Leben - wurde damals vernichtet, indem die Asche durch die Schornsteine der Krematorien geflogen ist.

Es ist sehr schwer sich vorzustellen, wie das Dahinvegetieren der Häftlinge damals ausgesehen hat. Vor 70 Jahren, als man komplett entmenschlicht wurde, und man auf eine auf den Arm tätowierte Nummer reduziert worden ist. Wir lebten in einer Atmosphäre voller Angst, voller Hunger, voller Terror. Kälte, Dreck überall. Besonders schlimm war die Hoffnungslosigkeit, die alle Menschen dort erfasst hatte. Man konnte sich nicht vorstellen dort jemals lebend wieder rauszukommen. Ganz schlimm waren auch die hygienischen Verhältnisse.

Für über 15 Monate war meine ganze Welt reduziert worden auf eine Baracke im Konzentrationslager. Auf furchtbare Angst vor Hunden, vor Ratten und ganz besonders auch vor erwachsenen Männern in SS-Uniform oder Doktorkittel. Man könnte vielleicht denken, dass das ganze schon so ewig her ist und deshalb nicht mehr wichtig sei. Ich kann euch aber sagen, dass es nicht so ist: Solche Erlebnisse in der frühen Kindheit kann man niemals vergessen. Mein ganzes Leben ist sehr stark beeinflusst worden.



Wie abertausende von anderen Häftlingen kam ich aus der Sowjetunion. Nach dem Einfall der deutschen Wehrmacht 1941 wurden massenhaft Zivilisten verhaftet, weil man uns beschuldigt hat, mit den Partisanen zusammenzuarbeiten, die gegen die Deutschen gekämpft haben. Wir wurden einfach festgenommen und verbrachten mehrere Wochen im Gefängnis. Dann wurde die komplette Bevölkerung der umliegenden Dörfer zusammengetrieben und wir wurden in Viehwaggons gestoßen. Der Zug war völlig überfüllt. Wir kannten weder das Ziel der Reise, noch den Grund. Als nach mehreren Tagen der Zug angehalten wurde, war das, was wir sahen, einfach nur furchtbar.

Als wir ankamen und gewalttätig aus unseren Waggons rausgetrieben wurden, war die Szene, die sich uns darstellte einfach nur ein Horror: Uns gegenüber stand eine Reihe von uniformierten SS-Männern mit Gewehren, die auf uns gerichtet waren. Einige von ihnen hatten bellende Hunde an der Leine. Die Menschen waren völlig eingeschüchtert. Um uns herum war Gebrüll, Geschrei, vereinzelte Schüsse. Wir haben die Befehle nicht verstanden und wussten nicht mal, welche Sprache das war. Das Ganze war im Dezember 1943. Es war eine eiskalte Nacht mit Temperaturen um die -20 Grad. Und weil es Nacht war, sah das Ganze für mich als Kind noch viel beeindruckender und schrecklicher aus.

Es fand sofort die erste Selektion auf der Rampe statt. Die Menschen wurden in zwei Gruppen eingeteilt – Leben oder Tod. Die SS-Männer haben innerhalb Sekunden entschieden, ob jemand noch arbeitsfähig war oder nicht. Die Mehrheit wurde als nutzlos und damit lebensunwert bezeichnet. Diese große Gruppe wurde schnell weggeführt und noch am selben Tag ermordet. Leider waren auch meine Großeltern in dieser Gruppe, ich habe sie danach nie mehr gesehen. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis.




„Die Frauen waren nicht nur deportiert sondern auch ihrer Menschenwürde beraubt worden.“





Zusammen mit einer Gruppe von Frauen und Kindern, wurden meine Mutter und ich auf die andere Seite beordert. Das alles lief sehr schnell ab. Wir wurden auf die linke Seite, ins Frauenlager, geführt. In der ersten Reihe gab es Baracken, die als Quarantäne genutzt worden sind. Dort hat man die neuen Frauen zu Häftlingen gemacht. Die erwachsenen Frauen wurden gezwungen sich auszuziehen und alles abzugeben, was sie noch bei sich hatten. Anschließend wurde der Kopf bis auf die nackte Haut abrasiert. Die Frauen waren nicht nur deportiert, sondern auch ihrer Menschenwürde beraubt worden. Wir Kinder waren völlig verängstigt und haben unsere eigenen Mütter nicht wieder erkannt.

In Auschwitz war selbst uns Kindern instinktiv bewusst, dass jeder Tag unser letzter hätte sein können. Selbst wir kleinen Kinder haben diese furchtbare Atmosphäre gespürt. Besonders schlimm war, sofort nach der Ankunft von der Mutter getrennt zu werden. Man hat ganz einfach furchtbare Sehnsucht nach der eigenen Mama gehabt. Meine Perspektive auf diese Hölle in Auschwitz war, wenn ich heute darüber nachdenke, eigentlich noch tragischer. Ich habe Auschwitz mit den Augen eines kleinen drei- bis vierjährigen Kindes gesehen, das nicht verstanden hat, wo es ist oder warum es dort ist.

Anschließend fand die Nummerierung statt: Es wurde jeder Frau und auch jedem Kind eine Nummer auf den Arm tätowiert. Von da an hatten wir keinen Namen mehr, keine Herkunft, keine Identität. Wir waren einfach nur noch Nummern, die man auf deutsch so schnell wie möglich auswendig lernen musste, um die Befehle befolgen zu können. Selbst ich habe als Kleinkind eine solche Nummer bekommen, die es mir heute noch unmöglich macht, die ganze Sache zu vergessen.



Anschließend folgte aber noch ein viel tragischer Moment, und das war, als man den Müttern ihre Kinder weggenommen hat. Die Frauen haben natürlich verzweifelt versucht, die Kinder bei sich zu halten. Unter furchtbarem Gebrüll, unter Schlägen, unter obszönen Bemerkungen, wurden den Frauen die Kinder förmlich aus der Hand gerissen und auf die Seite geworfen. Die Mütter wurden dann Richtung einer der Baracken im Frauenlager abgeführt. Wir wurden in eine spezielle Kinderbaracke in Birkenau gebracht. Als wir dort ankamen, sah ich unzählige von Kindern, die aus vielen Ländern in Europa vor mir dort angekommen sein müssen.

In den Pritschen gab es nur Stroh und eine Decke für mehrere Kinder, die steif war vor Dreck und voller Ungeziefer. Wir waren zu Tode erschreckt. Es gab im Block eine sogenannte Blockälteste, einen Funktionshäftling, die uns immer wieder Befehle zugebrüllt hat. Es war verboten miteinander zu sprechen, verboten herumzulaufen, zu lachen, zu weinen, miteinander zu spielen. Es war einfach alles verboten. Es gab keine Waschgelegenheit. Es ist nicht schwer vorzustellen, wie es da ausgesehen hat.

Das Schlimmste war, wenn eine Gruppe von Ärzten – SS-Männern in Arztkitteln – in die Baracke kamen. Das waren Mitarbeiter des Arztes im Hauptlager, Josef Mengele. Er war eine Zeit lang der leitende Lagerarzt in Auschwitz-Birkenau. Unter den erwachsenen Häftlingen wurde er als Todesengel bezeichnet. Er war ein großgewachsener, gutaussehender Mann. Was aber sein Verhalten anging, zeigte er keinerlei Mitgefühl und keinerlei Menschlichkeit. Er hat pseudomedizinische Experimente unterschiedlicher Art an den Häftlingen durchgeführt. Er selber war hauptsächlich an Frauen, Kindern und an Zwillingspaaren interessiert. Das war auch der Grund, warum man einen Teil der Kinder und mich ins Lager geschafft hatte. Wir waren einfach notwendig als Versuchskaninchen für diese Experimente.




„Man hat uns Augentropfen gegeben, weil man sehen wollte, ob man [...] die Augen blau umfärben konnte“





Wenn diese Gruppe von den SS- Männern in die Baracke kam, versuchten wir unsichtbar zu werden, aber das hat nicht immer geklappt. Jedes Mal wurden ein paar von uns wie Tiere von den Pritschen gezogen und in die Experimentierbaracke gebracht. Dort wurden an uns unter anderem Impfstoffe für deutsche Pharmazeutik-Konzerne ausprobiert. Und uns wurden Bakterien und Krankheitserreger gespritzt. Es wurde uns auch Blut in rauen Mengen entnommen. Man hat uns Augentropfen gegeben, weil man sehen wollte, ob man braunäugigen Kindern mit Hilfe von Tropfen die Augen blau umfärben konnte, entsprechend der arischen Ideologie.

Wenn wir von den Experimenten zurückgebracht wurden, waren wir tagelang schwer krank. Diejenigen, die die Augentropfen bekommen haben, waren tagelang wie blind. Aufgrund der Lebensbedingungen und Experimente war die Sterberate unter uns Kindern sehr hoch. Wir, die überlebt haben, haben gar nicht mehr darauf reagiert. Wir haben es gar nicht mehr gemerkt. Wir waren schon so an die Umstände gewöhnt, dass Tod, Terror und Leichen alltäglich wurden. Wir haben keine Reaktion mehr gezeigt. [...]“

Das Zeitzeugengespräch wurde aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt.

Kurzbiografie Lydia Maksimovich



Lydia Maksimovich ist eine der Wenigen, die auch heute noch ihre Perspektive auf das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau schildert. Sie wurde im Alter von drei Jahren im Dezember 1943 aus Weißrussland nach Auschwitz deportiert und überlebt ganze 15 Monate im Lager. Erst am 27. Januar 1945 wurde sie gemeinsam mit den anderen überlebenden Kindern und kranken Häftlingen durch die Truppen der Roten Armee aus Birkenau befreit. Nach der Befreiung lebte sie bei einer Pflegefamilie in Polen und wusste, durch das Grauen, das sie erfahren hatte, nicht mal mehr ihren Namen. Erst als sie 18 Jahre wurde stellte sie Nachforschungen über sich und ihre Herkunft an. Gemeinsam mit dem deutschen Roten Kreuz fand sie heraus, dass ihre Nummer zu einem Transport aus Weißrussland gehörte.

Beim roten Halbmond in Moskau lagen zu der Zeit schon Anfragen von Maksimovichs leiblicher Mutter vor, die gemeinsam mit ihrer Tochter deportiert worden war und nun nach ihr suchte. Maksimovichs Mutter hatte den Todesmarsch aus Auschwitz-Birkenau sowie die Deportationen in die Konzentrationslager Ravensbrück und Bergen-Belsen überlebt und wurde erst im April 1945 durch die US-Armee befreit. Zum ersten Mal wurden so lange nach Kriegsende eine Mutter und ihr Kind gefunden und konnten in Moskau zusammengeführt werden.

Heute lebt Lydia Maksimovich nach wie vor in Polen und erzählt als Zeitzeugin ihre Geschichte. Die heute 75-Jährige will solange sie noch kann und das Interesse besteht, sich mit Gruppen treffen und denen gedenken, die das Grauen nicht überlebt haben. Sie mahnt die heutigen Generationen: „Solltet ihr jemals in einer verantwortungsvollen Position sein, dann sorgt dafür, dass so etwas nie nie wieder passieren kann.“ [mac]

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