Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

LOKALES

„Tiere sind keine Beschäftigungstherapie“

Immer mehr Welpen werden adoptiert, ohne an die Konsequenzen zu denken.
[Foto: pixabay] 

17.04.2021 10:19 - Saskia Ziemacki

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach Haustieren enorm gestiegen. Tierheime und auch lokale Züchter:innen können dem kaum standhalten. Das Online-Angebot zum Kauf von Tieren auf Plattformen wie ebay ist jedoch sehr groß. Was sich dahinter verbirgt: Illegaler Welpenhandel, mit dem auch der Tierschutzverein Gross-Essen konfrontiert wird.

Das Albert-Schweitzer-Tierheim Essen ist aufgrund des Lockdowns geschlossen. Die Vermittlung der Tiere läuft nun übers Telefon und per Termin. Trotzdem kommt es zu einer erhöhten Anfrage nach Tieren. Gerade in Corona Zeiten fühlen sich viele Menschen einsam oder wissen nicht, was sie mit ihrer Freizeit anfangen sollen. Deshalb soll es meist möglichst schnell gehen und das Tier umso kleiner und niedlicher sein. Jeanette Gudd, Leiterin des Tierheims Essen, verrät ihre neuen Strategien, um die wahre Intention der Interessent:innen zu ermitteln. „Man muss nur die richtigen Fragen stellen. Man bohrt ein bisschen tiefer. Die Leute sagen, ‚ich habe halt Zeit, ich möchte jetzt ein Tier‘.“ Meist würden sie anhand der Antworten direkt erkennen, ob nur eine Beschäftigungstherapie gesucht wird oder wahres Interesse besteht. Dadurch habe das Tierheim nicht mehr Tiere vermittelt als vor der Pandemie.

Bei Hunden sei es ganz einfach: „Die Leute möchten etwas Kleines Puscheliges und das haben wir nicht“, beteuert Gudd. Bei Katzen müsse man schon genauer nachhören. Gudd und ihre Kolleg:innen fragen dann, ob Erfahrung vorhanden ist, wie die Haltungsbedingungen sind, wie man sich das Zusammenleben mit dem Tier vorstellt und was es alles benötigt. „Und wenn dann schon gesagt wird, ‚ich möchte eine kleine Babykatze für die Wohnungshaltung, ganz alleine‘, dann sagen wir von vornherein, das hat keinen Sinn.“ Wichtig ist Gudd dabei, dass man sich mit dem Thema beschäftigt und ein Tier nicht spontan anschafft. Normalerweise sichert das Tierheim das durch Nachkontrollen ab. Da diese von Ehrenamtlichen durchgeführt werden, ist es zu Zeiten der Pandemie schwierig. Haben sie jedoch im Nachhinein ein schlechtes Gefühl oder von anderen Leuten etwas gehört, dann fahren sie selbst nachschauen.

Illegaler Welpenhandel

Das Tierheim Essen hat hauptsächlich große „Problemhunde“, wie Gudd sie nennt. Die Nachfrage nach süßen Welpen können sie und die Züchter:innen in Deutschland nicht befriedigen. Züchter:innen haben ungefähr einen Wurf im Jahr, also um die sechs Welpen – nicht genug. Daher werden Unmengen aus Ländern wie Bulgarien und Rumänien eingeführt. „Der Markt ist da und deshalb werden sie auch auf Teufel komm raus hier rüber gekarrt“, kritisiert Gudd. Auch Katzen werden importiert, doch meistens betreffe das Hunde. Die Elterntiere leben unter elendigen Bedingungen und werden nur zur Vermehrung benutzt. Ihre Welpen werden viel zu früh von der Mutter und den Geschwistern getrennt und bekommen dadurch massive Verhaltensprobleme. Dann werden sie ohne gültige Papiere und lebenswichtige Impfungen im Internet angeboten. Der Tierschutzverein Gross-Essen ist Träger des Tierheims. Daher ist der illegale Handel der Welpenmafia zurzeit ein großes Thema bei ihrer Jugend- und Aufklärungsarbeit. 
​​​​​​​
Tierheim 2.jpg

Die Hunde der Welpenmafia leben in elendigen Bedingungen.
[Foto: pixabay]

Aktuell hat das Tierheim fünf Welpen, die illegal eingeführt wurden, ohne gültigen Impfschutz und ohne Papiere. Kein Vergleich zu grenznahen Tierheimen im Osten Deutschlands. So wurde Mitte März in Nürnberg ein Transporter aus Ungarn mit 101 Welpen von der Polizei gestoppt. Die Tiere litten unter starkem Durchfall und waren dehydriert. Auch können sie erstmal nicht vermittelt werden, da sie unter behördlich angeordneter Tollwutquarantäne stehen. Eine große Belastung für ein Tierheim.

Meist soll es mit den Welpen nach Belgien in Petshops gehen. Sie sind also quer durch Deutschland unterwegs. Transporter werden daher nicht nur an Grenzen aufgehalten, sondern auch durch aufmerksame Passant:innen. Ende März kam es in Düsseldorf zu einem solchen Fall, bei dem 34 geschwächte Welpen von illegalen Händler:innen befreit wurden. Obwohl die Grenzen coronabedingt zeitweise geschlossen waren, hat sich an der Situation nichts verändert. Gudd ist sich sicher: „Die kommen ja trotzdem irgendwie rein, das kontrolliert keiner richtig. Da gibt es genug Wege.“ Man sei deshalb auf die Hilfe der Mitmenschen angewiesen.

Was passiert nach Corona?

Obwohl der Lockdown das Arbeiten erschwert, fürchten sich Tierheime noch mehr vor der wieder einkehrenden Normalität. Davor, dass sie überfüllt sein werden, „weil die Leute dann merken, ‚ach eigentlich habe ich ja gar keine Zeit für ein Tier‘“, sagt Gudd besorgt. Ob sie dann alle Tiere aufnehmen können, ist noch nicht sicher. Denn das Albert-Schweitzer-Tierheim ist für Fundtiere der Stadt Essen zuständig. Die Aufnahme von Abgabetieren ist nur ein freiwilliger Service von ihnen. „Wir helfen, wenn wir können“, versichert die Leiterin. Doch grundsätzlich muss immer genügend Platz für Fundtiere bestehen.

Die Abgabe von Hunden der Welpenmafia ist dabei oft das größte Problem, denn viele von ihnen werden schwer krank und benötigen intensivmedizinische Behandlung. Neue Hundebesitzer:innen haben meist nicht die Zeit und die Mittel, um für die immensen Kosten aufzukommen. Wer solche Tiere kauft, unterstützt trotz eigentlicher Tierliebe damit das Tierleid.

Die Union: Korruption als Tradition

Korruption innerhalb der CDU und CSU gehört zu der Historie beider Parteien. Warum sind beide Parteien so anfällig dafür?
 

Abschiebung von über 30 Tamil:innen aus NRW nach Sri Lanka

Am 30. März wurden über 30 Tamil:innen aus NRW nach Sri Lanka abgeschoben, obwohl ihnen dort Menschenrechtsverletzungen drohen.
 

„Wir sind wie Schafe, wir warten aufs Schlachten.“

Was passiert in den Umerziehungslagern von Xinjiang? Eine Gastautorin hat mit einer uigurischen Studentin gesprochen.
 
Konversation wird geladen