Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

LOKALES

Tanzend durch Duisburg

Foto: Dennis Pesch

17.09.2018 13:38 - Julia Segantini

 

Wie erreicht man gesellschaftliche Teilhabe? Wie kann man Freiräume sinnvoll nutzen und warum ist eine solidarische Stadt für Alle überhaupt eine gute Sache? Darum drehte sich am Samstag, 15. September, die sogenannte Träume Unter Asphalt-Tanzdemo in Duisburg. akduell hat sich für euch umgehört, welche Ideen die Initiativen haben und was das besondere an einem bunten und tanzenden Protest ist. 

Eines ist sofort klar: Diese Demo ist farbenfroh. Bunte Haare und Kleidung, Glitzer, Konfetti und farbige Plakate. Am Duisburger Hauptbahnhof stehen verschiedene Wägen mit Stoffbannern, laute Bässe erklingen aus den Boxen, Menschentrauben versammeln sich auf dem Platz. Die Polizei läuft wegen des Glasflaschen- und Alkoholverbot filmend durch die Wartenden. Worum es bei der Tanzdemo eigentlich geht, erklärt Alessa Junghänel, Referentin für Sozialpolitik im AStA der Universität Duisburg-Essen. Der AStA hat sich dem offenen Bündnis „Träumte unter Asphalt“ angeschlossen, um die Themen kulturelle Freiräume, Ökologie in der Stadt, Perspektivlosigkeit, Teilhabe, bezahlbares Wohnen und Erhalt von nachbarschaftlichen Strukturen in den öffentlichen Fokus zu rücken. „Wir nehmen uns für diesen Tag die Stadt. Normalerweise wird man oft weggeschickt wenn man irgendwo herumsitzt, Musik hören oder ein Bier trinken will“, meint Junghänel.

Die Straßen in der Stadt seien oft leer, die Menschen würden ihre Zeit in Einkaufszentren verbringen, kritisiert sie. „Heute wird mit einem bunten Protest gezeigt, was sonst noch so passieren könnte“, erklärt sie. Die Demo solle klar machen, wo man abseits des Konsums Kultur erleben und sich mit eigenen Ideen einbringen könnte, so die AStA-Referentin. Denn bestehende Stadtprojekte im Ruhrgebiet seien zu sehr auf das Image ausgerichtet und würden sich zu wenig nach den Bedürfnissen der Einwohner*innen richten, findet sie.

Ein paar Meter weiter stehen Katja und Freddi von der Initiative „Be Neighbours“, die laut Selbstbeschreibung das Recht auf Stadt verwirklichen will. Beschrieben wurde der Anspruch für ein neues Zusammenleben im urbanen Raum erstmals vom französischen Soziologen Henri Lefebvre 1968. „Wir haben in Duisburg eine sehr diverse Einwohnerschaft“, findet Katja. „Es gibt eine relativ hohe Arbeitslosigkeit, viele Menschen, die unter dem Existenzminimum leben und gerade da ist es wichtig, mit diesen Leuten zusammen zu gestalten und diese Menschen zu stärken“, meint sie. Stadtteile wie Marxloh seien zudem stärker von Zuwanderung geprägt, erklärt Freddi. „Dort versagen Stadt und Staat eine Integration abseits vom Arbeitsmarkt zu schaffen, eine Integration in der Nachbarschaft und an einem Ort, wo interkultureller Austausch stattfinden kann“, meint Freddi.

Für die Umsetzung eines solchen Raums gibt es bereits einen konkreten Wunschort: die seit zwei Jahren leer stehende alte Feuerwache in Duisburg Hochfeld. Vor zehn Jahren wurde diese zu einer soziokulturellen Stätte umgebaut – nur um dann kommerziell vermietet statt von einem Verein betrieben zu werden. Wenn es nach Meinung der Initiative geht, soll sie endlich wieder als solche genutzt werden. „Man könnte Workshops anbieten, ein regelmäßiges Nachbarschaftscafé, Mietberatung“, schlägt Katja vor. Im Verlauf der Demo zeigte die Polizei an der Feuerwache Präsenz, schützte das Gebäude mit einer Polizeikette – sie hatten den Raver*innen wohl mehr zivilen Ungehorsam zugetraut als sie sich selbst. 

Als sich die Demo mit Wagen von Aktiven aus Duisburg, Essen und Dortmund am Anfang in Bewegung setzt, tanzen nur wenige Menschen verhalten zur Musik. Am  König-Heinrich-Platz angekommen, findet in der Duisburger Innenstadt die erste Zwischenkundgebung statt. Die Teilnehmenden werden lockerer und kommen langsam in Feierstimmung. Als sich der Zug seinen Weg durch die Straßen bahnt, schauen Menschen aus dem Fenster, treten auf den Balkon, filmen mit dem Handy. Einige schauen verblüfft auf die Straße herunter, ein Mann schüttelt ungläubig den Kopf. Die Demo verstopft die Straßen, Autofahrer*innen sehen genervt und neugierig dabei zu, wie immer mehr Menschen anfangen, zu tanzen. Über dreieinhalb Stunden und 11 Kilometer. Spontan entschließen sich kleinere Gruppen mitzumachen. 

Auf der nächsten Zwischenkundgebung auf dem Dellplatz setze ich mich zu Simon auf den Boden. Er erklärt mir, warum eine Tanzdemo eine andere Außenwirkung als eine herkömmliche hat. „Gewaltfrei“ erscheine diese, „es werden keine Parolen gerufen, die Musik spricht mehr Leute an als Parolen“, meint er. Im Hintergrund halten gerade Aktive vom Treffpunkt Asyl in Bochum eine Rede für Solidarität mit geflüchteten Menschen und für die Seebrücke. Simon gefalle die Mischung aus Party und Protest. Je dunkler es wird, desto mehr trauen sich die Menschen zu tanzen, werden ausgelassener. 

Auf der weiteren Route Richtung Hauptbahnhof spreche ich Michael an. Dass das Feiern den eigentlichen Inhalt verschleiert, findet er nicht. „Politisches darf trotzdem Spaß machen“, betont er, Inhalte könnten so mit Spaß vermittelt werden. „Die Hemmschwelle sich zu beteiligen ist sehr niedrig, jeder geht ja mal in den Club feiern, das ist was gemeinsames“, findet er. Andere waren da kritischer, wollten mehr Inhalt. Aber vielleicht kann man nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen.

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