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SGS-Essen-Chef: „Frauenfußball muss mehr in der Medienlandschaft stattfinden.“

Jana Feldkamp im Laufduell gegen Bayer Leverkusens Isabel Kerschowski.
[Foto: Michael Gehrmann]

14.12.2020 11:48 - Canberk Köktürk

Die Sportgemeinschaft Essen-Schönebeck 19/68 ist seit 2004 in der Frauenfußball-Bundesliga und zweimaliger Finalist des DFB Pokals. Wir haben mit dem Geschäftsführer Florian Zeutschler über die Herausforderungen der Corona-Pandemie für das Team, über die sportlichen Ziele des Klubs und die Entwicklung des Frauenfußballs in den letzten Jahren gesprochen.

ak[due]ll: Viele Fußballvereine haben unter der Corona-Pandemie gelitten. Welchen Herausforderungen musste sich die SGS-Essen stellen und wie wurden diese bewältigt?

Florian Zeutschler: Wir hatten unser letztes Spiel Ende Februar und sind dann, wie alle anderen auch, in den Lockdown gegangen. Wir wussten alle nicht, wie die nächsten Wochen und Monate ablaufen werden. Wird die Saison weitergespielt?

Wie sieht die finanzielle Situation aus? Das heißt, was wird aus den Einnahmen aus den Heimspielen, von der Sponsorenseite, aber auch die Vermarktungsgelder aus der Liga. Wir waren alle sehr erfreut, dass wir im April wieder in Kleingruppen trainieren durften. Irgendwann kam die Nachricht, dass die Saison, unter Einhaltung des Hygienekonzepts, zu Ende gespielt wird. Das war eine sehr intensive Zeit, die eine Menge Vorbereitung und Arbeit, von der Verwaltung bis hin zur Mannschaft, bedeutete. Schlussendlich muss man sagen, dass durch diese Zeit die Mannschaft und der Verein noch enger zusammengewachsen sind.

ak[due]ll: Jürgen Klopp und Hansi Flick beschweren sich über die geringen Pausen für ihre Spieler. Leiden die Spielerinnen körperlich unter den Pandemiebedingungen?

Zeutschler: Wir hatten das sportliche Highlight, dass wir uns für das DFB-Pokalfinale qualifiziert hatten, das durch den engen Zeitplan nicht mehr im Juni stattfinden konnte. Zum 30. Juni ist auch die Periode gestartet, in der man über Transfers oder auslaufende Verträge spricht. Das heißt, wir mussten am 4. Juli das Pokal Finale spielen, wussten aber, dass am 30. Juni einige Spielerinnen schon den Verein verlassen werden. Wir haben dann mit ihren neuen Vereinen Lösungen erarbeitet, damit diese Spielerinnen noch einige Tage zu unserem Verein gehören können, um das Finale zu spielen. Nach dem Finale hatten wir ganze zwei Wochen Pause, bis wir in die Vorbereitung eingestiegen sind. Das hat bei vielen Spielerinnen dazu geführt, dass sie mehr Zeit gebraucht haben, um wieder auf ihr Fitnesslevel zu kommen. Bis jetzt haben wir keine Verletzungen erlitten, die durch die kurze Pause verursacht wurden. Ich weiß, dass das bei anderen Vereinen weitaus schlimmer verlaufen ist. Ich glaube, wir sind alle froh, wenn wir über die Feiertage die Akkus aufladen und auch ein bisschen abschalten können. Das wird leider nicht so lange sein, da die Saison in der ersten Februarwoche wieder losgeht.

ak[due]ll: Der Verein ist seit 2004 in der Bundesliga. 2014 und dieses Jahr wurde, wie Sie erwähnt haben, das DFB-Pokalfinale erreicht. Was sind die nächsten sportlichen Ziele des Klubs?

Zeutschler: Wir haben immer damit zu kämpfen, Spielerinnen zu entwickeln, die zu einem gewissen Zeitpunkt das Interesse von anderen Vereinen schüren, die sowohl in Deutschland, also auch International, die Top-Adressen sind.

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Verteidigerin Jacqueline Klasen spielt seit 2011 für die SGS.
[Foto: Michael Gehrmann]

Das ist ein positives Zeichen dafür, dass unsere Arbeit stetig Talenten die Möglichkeit bietet, sich zu entwickeln. Die SGS hat immer dafür gesorgt, dass Nationalspielerinnen ihren Weg gehen und deswegen müssen wir bei den sportlichen Zielen das gesunde Mittelmaß suchen. Natürlich versuchen wir immer das Maximum rauszuholen. Wir haben im Sommer zehn Abgänge und über zehn Neuzugänge gehabt. So ein Team muss sich erst einmal finden, weswegen wir mit der aktuellen Platzierung 6 sehr zufrieden sind. Punktgleichheit mit Eintracht Frankfurt, die mit ganz anderen Möglichkeiten ausgestattet sind. Jetzt wollen wir in der Rückrunde schauen, dass wir uns weiter etablieren und somit die sportliche Perspektive für junge Spielerinnen festigen.

ak[due]ll: Die SGS-Essen hatte laut der Sportzeitschrift Kicker in der Spielzeit 19/20 im Schnitt 1100 Zuschauer:innen. Die Männer des Rot-Weiß Essen haben in der gleichen Spielzeit zehn Mal so viele in der Regionalliga. Was sind Argumente für Zuschauer:innen ein Spiel der SGS-Essen zu besuchen?

Zeutschler: Ich glaub da gibt es viele Gründe. Aber was wir nicht tun sollten ist, den Männer- und Frauenfußball zu vergleichen. Da würde man an der falschen Stelle anfangen. Man sollte eher die Entwicklung aufzeigen, die der Frauenfußball in den letzten Jahren gegangen ist. Wenn man sich die aktuellen Spiele und die von vor zehn Jahren anschaut, dann sieht man, dass viele Menschen, die das erste Mal ein Frauenfußballspiel im Stadion besucht haben, sagen: „Das guck ich mir gerne an, das ist authentisch, das ist nahbar und das macht auch Spaß“. Gerade bei uns im Stadion Essen, eines der schönsten Stadien der Frauen-Bundesliga.

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Beim Frauenfußball ist alles ein bisschen familiärer. Vor der Pandemie hatte man nach den Spielen immer die Möglichkeit mit den Spielerinnen in Kontakt zu treten. Hinzu kommen noch die preislichen Strukturen, sprich günstigere Ticketpreisen und auch Eitelkeiten wie beim Männerfußball, die noch nicht so bespielt werden.

ak[due]ll: ​​​​​​​Es gibt trotzdem diese großen Unterschiede zwischen den Geschlechtern innerhalb einer Sportart. 1989 bekam die Deutsche Frauen-Nationalmannschaft für den Europameisterschafts-Titel vom DFB einen Kaffee-Service als Prämie. Mittlerweile sind die Prämien auch im Frauenfußball gestiegen. Welche Schritte muss der DFB noch gehen, um die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen im Fußball weiterhin voranzutreiben?

Zeutschler: Ich glaube, es geht gar nicht darum, an die Gehälter, die im Männerfußball bezahlt werden, ranzukommen, weil wir von einer anderen wirtschaftlichen Situation sprechen. Aber ein Grundthema, das sicherlich nicht nur langfristig, sondern kurzfristig behandelt werden muss, ist die mediale Präsenz. Momentan haben wir Glück, dass zwei bis drei Spiele pro Spieltag zu sehen sind, ob über Streamingdienste oder bei Eurosport. Frauenfußball muss mehr in der Medienlandschaft stattfinden. Das steigert auch das Interesse von Sponsoren und Unternehmen. Nicht nur im Sinne der Gleichberechtigung, sondern auch im Sinne der Marketingstrategie eines Unternehmens. Je mehr wir im Frauenfußball einnehmen können, desto mehr können wir auch unseren Spielerinnen bezahlen.

ak[due]ll: ​​​​​​​Die FIFA hat letzten Monat einen Gesetzesentwurf zur Mindestarbeitsbedingungen für Spielerinnen vorgestellt, der Spielerinnen während und nach der Schwangerschaft finanziell schützen soll. Wie geht der Verein im Moment mit der Schwangerschaft von Spielerinnen um?

Zeutschler: Altersstruktur bedingt ist das bei uns eigentlich kein Thema. Wir haben einen Altersdurchschnitt von ca. 20. Wir kümmern uns eher darum, dass die Spielerinnen eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren können, um für eine Zeit nach dem Fußball vorbereitet zu sein. Da hilft unser Netzwerk enorm. Es gibt viele Spielerinnen, die an der Universität Duisburg-Essen oder an der Ruhr Universität Bochum eingeschrieben sind. Unsere Spielerinnen haben perspektivisch für sich einen klaren Plan. Wir sorgen dafür, dass sie sich auf ihre Schritte eins, zwei, drei oder vielleicht auch vier, ihrer Karriere als Bundesligaspielerin bei der SGS fokussieren können und zusätzlich ein zweites Standbein durch ein abgeschlossenes Studium oder eine Ausbildung aufbauen.

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