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Schuss ins Herz: Musste Mikael Haile wirklich sterben?

Girmay Habtu kämpft für Aufklärung bei den Todesumständen seines Freundes Mikael Haile. [Foto: Dennis Pesch]

02.06.2019 13:43 - Dennis Pesch

Vor zwei Jahren starb Mikael Haile in einem Wohnhaus in Essen-Altenessen, nachdem ein Nachbar die Polizei wegen einer Ruhestörung gerufen hatte. Mit einem Messer soll Haile auf einen Polizisten losgestürmt sein, ein Schuss in die Brust ließ dem 22-Jährigen keine Überlebenschance. Der Tod des aus Eritrea geflüchteten Mannes lässt Angehörige fassungslos zurück. Sie fühlen sich von der deutschen Gesellschaft im Stich gelassen und sehen Widersprüche in der polizeilichen Darstellung.

Girmay Habtu lebt seit 1996 in Essen und unterstützt dort ehrenamtlich viele Geflüchtete. Mit Behörden hat Habtu viele Erfahrungen gesammelt, seit er im Jahr 2000 begann, mit jugendlichen Geflüchteten zu arbeiten: „Ich kümmere mich darum, dass die Leute einen Zugang zu Bildung und Sprache bekommen“, sagt der 42-Jährige. Bei Behördengängen erfuhr er Rassismus, genauso wie die Jugendlichen.

Wenn Geflüchtete Probleme haben, wird er oftmals von ihnen angerufen und versucht zu helfen. Auch bei Mikael Haile war es so: „Er war ein besonderer Fall, er war motiviert und wollte was erreichen.“ Schnell resignierte Haile aber, denn die Hoffnungen, schnell eine Ausbildung zu finden, die deutsche Sprache zu lernen und voran zu kommen, erstickten im Behördenwust: „Statt sich mit der Sprache zu beschäftigen, musste er sich erstmal um tausend Briefe kümmern“, sagt Habtu.

Wer war Mikael?

Der 22-Jährige kam zunächst nach Essen-Steele in eine Gemeinschaftsunterkunft. Haile wird von seinen Freund*innen und Habtu als ruhiger Mensch beschrieben: Haile war Christ, spielte gerne Fußball, trank kaum Alkohol, ging Sonntags in die Kirche. So sah ein Teil seines Alltags aus. In der Gemeinschaftsunterkunft lebte Haile in Angst: „Viele Leute haben sich da gestritten. Mikael hat auch nicht verstanden, was sie überhaupt gesagt haben“, erinnert sich Habtu an die Gespräche, die er mit ihm geführt hat.

Der geflüchtete Eritreer konnte schließlich nach Altenessen umziehen, anscheinend in eine Sozialwohnung, doch auch da wurde Haile nicht glücklich. „Die Wohnung war eine Katastrophe, die Fenster gingen nicht zu, sie war sehr hellhörig. Viele Leute, die mit ihm in dem Haus gelebt haben, hatten Alkoholprobleme. Das Jobcenter wollte ihm aber keine andere Wohnung geben“, sagt der 42-Jährige. Mehrmals war Habtu in seiner Wohnung, besuchte Haile dort. Einen Fernseher, Radio oder andere Geräte soll er bis zu seinem Tod in der Nacht zum 27. April 2017 nicht gehabt haben.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft handelte der Polizist in Notwehr

Ein Nachbar soll in der Nacht die Polizei wegen einer Ruhestörung gerufen haben. In Der Westen wird Haile von dem Nachbarn als ruhig und freundlich beschrieben. Abends soll er einige Male „Krach“ gemacht haben, was auch der Grund gewesen sein soll, warum er die Polizei verständigte. Am Abend habe Haile rote Augen gehabt, als einer der Nachbarn nachts bei ihm klingelte, heißt es, was offenbar eine Anspielung auf angeblichen Drogenkonsum sein soll. Haile war klein, etwa 1,60 Meter groß. Laut Habtu hatte er mit Drogen, auch wegen seines Glaubens, nichts zu tun, selten soll der Eritreer getrunken haben. Zudem ist der Vorwurf des Drogenkonsums gegenüber Nicht-Weißen ein beliebtes Mittel von rassistischen Erzählungen, wie etwa bei den polizeilichen Ermittlungen nach den Morden und Anschlägen des rechtsterroristischen NSU, die sich bis zur Selbstenttarnung gegen die Opfer richteten.

„Warum haben sie ihm nicht ins Bein geschossen?“

Auf Anfrage der akduell erklärte die Staatsanwaltschaft Essen den Vorfall aus Sicht der Polizei: „Die Polizeibeamten klopften an die Wohnungstür des vermeintlichen Ruhestörers und gaben sich auch verbal als Polizisten zu erkennen.“ Haile soll die Tür aufgerissen haben, ein großes Küchenmesser in der Hand gehalten und die Polizei beschimpft haben. Ob Haile verstanden hat, dass die Polizei vor der Tür steht, als sie geklopft hat, kann nicht mehr überprüft werden. Zudem sprach der 22-Jährige nur gebrochen Deutsch, zu dem Nachbarn soll er gesagt haben: „Meine Wohnung, meine Wohnung.“

Die Polizei soll die Dienstwaffen gezogen und den Eritreer aufgefordert haben, das Messer wegzulegen: „Dieser Aufforderung kam der Verstorbene nicht nach. Der Verstorbene stürmte auf einen der Polizeibeamten zu, das Messer in Kopfhöhe ausholend. Der Polizeibeamte gab dann einen Schuss ab, aufgrund dessen der Verstorbene zu Boden fiel“, schreibt die Staatsanwaltschaft. Weiter heißt es: „Die Polizeibeamten leiteten umgehend Erste-Hilfe-Maßnahmen ein und forderten medizinische Unterstützung an. Weitere zur Unterstützung gerufene Polizeibeamte halfen bei Reanimationsversuchen. Auch der Notarzt konnte jedoch Reanimationsversuche nicht erfolgreich beenden.“ Aus Sicht der Staatsanwaltschaft handelte der Polizist in Notwehr, die Ermittlungen wurden eingestellt.

Der Vorfall lässt viele Fragen offen, vor allem für die Angehörigen. Tage danach stellte die eritreische Community in Essen ihre Fragen, die auch heute nicht wirklich beantwortet sind: „Warum haben sie ihm nicht ins Bein geschossen? Warum schießen sie ihm direkt ins Herz? Wir können uns auch nicht vorstellen, dass er die Tür aufgemacht hat und mit dem Messer los gelaufen ist. Das sind ausgebildete Polizisten, warum schalten die ihn dann nicht aus, ohne ihn zu töten?“, fragt Habtu.

Vertrauen erschüttert

Zunächst wusste er gar nicht, dass der von der Polizei getötete Mann Mikael Haile war: „Erst als ich die Wohnung gesehen habe, war es mir klar. Wir wollten bei der Polizei nachfragen, wie das gelaufen ist. Die haben uns aber wie Dreck behandelt, wollten uns keine Informationen geben, weil wir keine Familienmitglieder sind. Mit mir haben sie auch nur gesprochen, um mich einzuschüchtern.“ Erst als Hailes Schwester extra aus England anreiste, war die Polizei bereit, einige Informationen zu liefern. Den Kontakt zur Schwester suchte aber nicht die Polizei selbst, die Nummer besorgte die Community: „Die haben dann mit ihr telefoniert und sie hat, als sie hier war, sehr schlechte Erfahrungen gemacht.“

Nach Angaben von Habtu durfte sie die Leiche nicht sehen, zudem habe es die Polizei sehr eilig mit der Überführung der Leiche nach Eritrea gehabt. „Sie war extra in Düsseldorf, um die Leiche zu sehen und ist wirklich sehr enttäuscht. Ihr Herz ist gebrochen. Das geht vielen Leuten hier so. Hier ist ein Mensch gestorben und es interessiert niemanden“, kritisiert der 42-Jährige. Wenige Tage nach dem Vorfall, am 6. Mai, demonstrierten mehrere hundert Menschen aus der Community in Essen für die Aufklärung des Falles. „Meine Frau war die einzige Deutsche, die da war“, sagt Habtu.

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