Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

LOKALES

Rechtsextreme und Biker*innen in Essen: Versuch einer Vernetzung

Die Freiheit mit Nazis zu demonstrieren. [Fotos: Dennis Pesch]
07.07.2020 15:23 - Dennis Pesch

Nordrhein-Westfalens extreme Rechte versucht sich an einer Vernetzung mit der Biker- und Rockerszene in Essen. Zur Demo am 5. Juli 2020 kamen am Essener Messegelände in Rüttenscheid nur 300 Menschen. Der extrem rechte Mönchengladbacher Ratsherr Dominik Roeseler und Frank Schwung, Musiker und Vize-Präsident der „Freeway Riders MC“ in Essen wollten auf Proteste gegen einen Bundesratsentschluss wegen Motorradlärms aufspringen.

Neonazis mit „Good Night Left Side“-Shirts, völkische Tattoos aus der nordischen Mythologie, Landser-Fans, Rocker mit Reichskriegsflaggen, Verschwörungsideolog*innen und Pegida-Anhänger*innen – Wäre der Titel der Initiative „Freiheit 21“ nicht „für die Freiheit, gegen Fahrverbote“, man könnte meinen, dass es sich um einen typisch rechten Aufmarsch gehandelt hat. Tatsächlich bestand die Hälfte der Demo aber aus Biker*innen verschiedener Ruhrgebiets-Gruppen, die gegen drohende Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen demonstrieren wollten. 

Die Initiative „Freiheit 21“ führt auf Frank Schwung zurück. Auf Anfrage der akduell erklärte Schwung Administrator der Facebook-Seite zu sein, die im März noch „Solidarität mit Xavier, Meinungsfreiheit für Naidoo“ hieß und so 3.000 Abonnent*innen sammelte. Anfang März kursierte ein Video von Naidoo im Messenger-Dienst Telegram. „Ich hab' fast alle Menschen lieb, aber was, wenn fast jeden Tag ein Mord geschieht, bei dem der Gast dem Gastgeber ein Leben stielt“, sang Naidoo dort. Er suggerierte, dass Migrant*innen gezielt Deutsche ermorden würden und bediente sich rassistischen und extrem rechten Narrativen, in dem er Straftat-Motivationen auf ihre Herkunft reduzierte und Asylsuchende als „Gäste“ bezeichnete, als handle es sich bei der Flucht um freiwillige Entscheidungen.

Rechte Promis

Schwung war nach aktuellen Recherchen bisher nicht als extrem rechts in Erscheinung getreten, hielt sich in der Rocker-Szene auf. Berührungsängste mit der extremen Rechten hat Schwung jedoch keine. Bei der Veranstaltung nahm er auch die sich als Bürgerwehr inszenierenden „Steeler Jungs“ in Schutz. „Die Rechten dürfen nicht verteufelt werden“, erklärte Schwung. So wurde er zum passenden Partner für Roeseler, den er nach eigenen Angaben im Fußballstadion bei Rot-Weiß Essen kennen gelernt hat. Seit Juni 2020 sind beide in der Initiative „Freiheit 21“ organisiert. Demnächst will Schwung weitere Themen mit dem früheren HoGeSa-Chef Roeseler bearbeiten, etwa das besonders unter Neonazis beliebte Thema: „Kindesmissbrauch“. So fordern sie seit Jahren eine Wiedereinführung der Todesstrafe. 

Damit dürfte die Mobilisierung für zukünftige Demonstrationen von „Freiheit 21“ weiter in die extreme Rechte hinein rücken. Bereits mit dem Schulterschluss von Schwung und Roeseler mobilisierten sie am Sonntag in NRW bekannte Rechtsextreme. Neben dem früheren Pegida-NRW-Anmelder Kevin Strenzke nahm „NRW steht auf“-Rednerin Steff van Laak an der Demo teil. Auch der niederländische Pegida-Aktivist Edwin Wagensfeld, Duisburger HoGeSa-Anhänger, die dem Rechtsterrorismus nahe stehende „Bruderschaft Deutschland“ aus Düsseldorf, Reichsbürger und „Corona Rebellen“-Organisator Sascha Vossen (Künstlername Master Spitter), die saarländische NPD-Funktionärin Jacqueline Süßdorf sowie mehrere rechte Streamer*innen waren vor Ort.

Nicht vor den Karren spannen lassen

Die Polizei hatte bei der Anmeldung der Versammlung einen Demonstrationszug untersagt, unterlag dann aber Schwung vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. Zunächst versuchte die Essener Polizei das Verbot trotzdem aufrecht zu erhalten. Durch einen Rechtsanwalt konnten Schwung und Roeseler sich trotzdem durchsetzen und durch Rüttenscheid laufen. Durch einen kurz einsetzenden Regenschauer verließen viele Demonstrant*innen ohne Bezüge in die extreme Rechte die Veranstaltung vorzeitig. 

An der Wegstrecke äußerten diverse Antifaschist*innen außerdem ihren Protest.

Das antifaschistische Bündnis „Essen stellt sich quer“ hatte zu einer Gegenkundgebung am Grugaplatz aufgerufen. Das Bündnis machte über eine Woche vor der Veranstaltung bereits einige Verstrickungen der Veranstaltung in die extreme Rechte öffentlich, die sich am Sonntag dann bestätigten. An der Wegstrecke äußerten diverse Antifaschist*innen außerdem ihren Protest gegen die Vernetzung von Biker*innen und Rechten. „Liebe Biker, liebe Autofahrer, liebe um ihre Bewegungsfreiheit besorgte Mitbürger: lasst euch nicht von diesen Blendern, die als Xavier Naidoo-Supporter gestartet haben, und hier und heute einschlägiges Personal mobilisiert haben vor ihren Karren spannen“, erklärte ein ESSQ-Sprecher auf der Gegenkundgebung. Der große Erfolg für Roeselers Versuch neue Milieus für die extreme Rechte zu gewinnen, blieb zumindest am Sonntag aus.
 

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