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LOKALES

Rechter Shitstorm gegen das Antirassismus-Telefon Essen

Don‘t ignore something because it makes you uncomfortable. Protest von #BlackLivesMatter in Düsseldorf im Juni. [Symbolfoto: Dennis Pesch]

23.07.2020 16:20 - Dennis Pesch

Nachdem ein Brief des Essener Antirassismus-Telefon in sozialen Medien veröffentlicht wird, überschütten rassistische und rechte Kommentare das ehrenamtliche Team. Im Brief kritisierte das Antirassismus-Telefon bei der Eisdiele „Mörchens Eis“ die Reproduktion rassistischer Narrative. Zwei Eisbecher, die jeweils Schokolade beinhalten, tragen den Namen „Mohren-Kuller“ und „Mohren-Birne“. Über eine Rassismus relativierende Debatte.

„Es hat sich ein wenig beruhigt, aber das Telefon ist weiterhin nicht benutzbar“, sagt Anabel Jujol vom Antirassismus-Telefon Essen. Kurz nach der Veröffentlichung des privat an die Eisdiele adressierten Briefes kamen die Anrufe im Zwei-Minuten-Takt. „Da wird rassistisch geschimpft“, berichtet Jujol. In Kommentaren auf der Facebook-Seite des Antirassismus-Telefon wird besonders gehetzt. Unter einem Video, in dem eine schwarze Frau vor einer Polizeiwache in Altenessen eine Rede gegen Polizeigewalt hält, heißt es: „Wenn die Nazis noch da wären, würde die da nicht stehen und so einen Schwachsinn erzählen“.

Ein Mann schimpfte auf den Anrufbeantworter, dass er sich das N-Wort nicht verbieten lasse. Er benutze es seit über 50 Jahren. Nie habe sich jemand darüber beschwert, flucht er und legt auf. Tatsache ist: Schwarze kämpfen seit Jahrzehnten gegen rassistische Sprache. Auch die Lokalpresse berichtet, dass die Debatte um den rassistischen Begriff „Mohr“ nun Essen erreicht habe. Seit 25 Jahren gibt es das Antirassismus-Telefon. „Das machen wir seit 25 Jahren so, dass wir Gastronomien anschreiben. Danach telefonieren wir miteinander und einigen uns“, berichtet Jujol. Seit Monaten wird zudem Rassismus bei der Essener Polizei kritisiert, besonders nach den weltweiten #BlackLivesMatter-Protesten wegen des rassistischen Mordes an George Floyd.

Debatte von der extremen Rechten losgetreten

Doch wie konnte die Debatte um die rassistischen Namen bei „Mörchens Eis“ in bundesweite Schlagzeilen kommen? In sozialen Medien lässt sich schwer nachvollziehen, wo der Brief zuerst veröffentlicht wurde. Eisdielen-Besitzer Dirk Hermanski kann sich nicht erklären, wie der Brief an die Öffentlichkeit geraten ist: „Ich bin der einzige, der die Post öffnet und verwaltet. Es wäre extrem kontraproduktiv, wenn meine Mitarbeiter das gemacht hätten“, sagt der Eisdielen-Betreiber. Klar ist: Der Shitstorm gegen das Antirassismus-Telefon wurde in der extremen Rechten angefacht. Akteur*innen der „Steeler Jungs“ und Frank Schwung, Vizepräsident der „Freeway Riders MC“ in Essen, veröffentlichten das Foto des Briefes mit dem Klarnamen eines Engagierten des Antirassismus-Telefon.

In Kommentaren auf der Facebook-Seite des Antirassismus-Telefon wird besonders gehetzt.

Eine Rolle spielte auch die Essener Redaktion der WAZ, namentlich Redakteur Frank Stenglein. Wie die Essener AfD und die Steeler Jungs suggerierte Stenglein, die Namensgebung sei nicht rassistisch, weil die vormalige Besitzerin den Nachnamen „Mohr“ trug, Spitzname „Mörchen“. Stenglein teilt auf seinem Facebook-Profil Beiträge des rechtsradikalen WELT-Kolumnisten Rainer Meyer, besser bekannt als Don Alphonso. Das alle der kritisierten Eisbecher-Namen ausgerechnet Schokolade enthalten, spielte in der Berichterstattung der WAZ, die dazu acht Artikel veröffentlichte, kaum eine Rolle.

Rassistische Stereotype

Jujol vom Antirassismus-Telefon hat für die Relativierungen kein Verständnis: „Wenn ich Schokoladeneis mit diesen Begriffen belege, die an die rassistische Kolonialzeit erinnern, dann ist die Assoziation für Betroffene doch klar“, sagt sie. Auslöser der Geschichte war, dass sich eine Person bei der Eisdiele persönlich beschwerte, weil die rassistischen Bezeichnungen sie diskriminieren. Als die Eisdiele nicht reagierte, wandte sich sie sich an das Antirassismus-Telefon. „Betroffene werden zu einem Speiseeis gemacht, zu einem Objekt degradiert“, kritisiert Jujol.

Die Reproduktion rassistischer Stereotypen wird anhand der rassistischen Kommentare offensichtlich. Hunderte User*innen kommentierten Beiträge des Antirassismus-Telefon und den veröffentlichten Brief als Reaktion mit dem N-Wort. Zudem dient das Wort „Mohr“ im deutschsprachigen Raum seit Jahrhunderten als rassistische Bezeichnung für Schwarze, die in der Kolonialzeit durch Weiße verschleppt und versklavt wurden. Das Wort ist unmittelbar mit der Rassentheorie verbunden, die seit Jahrzehnten wissenschaftlich widerlegt ist.

Drohungen auch gegen den Eisdielen-Inhaber

Hermanski relativiert die Kritik zwar, zeigt sich aber auch einsichtig. „Ich lebe von Gastfreundschaft und möchte keinen beleidigen und um jeden Zweifel abzuwenden, werden wir die Namen ändern“, kündigt er an. Damit hat er sich Feinde in der extremen Rechten gemacht. Viele Leute hätten ihm geraten, den Namen so zu lassen. „Die Drohungen, die ich derzeit bekomme, gehen eher in die Richtung, dass ich eingeknickt sei“, resümiert Hermanski. Wirtschaftliche Schäden hat er bislang nicht davon getragen: „Die Stammkunden kommen weiterhin“.

Das Antirassismus-Telefon und die Eisdiele sind darum bemüht, im Dialog zu bleiben. „Es ist wichtig, dass wir das gemacht haben. Die Debatte haben wir so aber gar nicht beabsichtigt und wir hätten das gerne einfach nur mit der Eisdiele geklärt“, sagt Jujol. Nachdem das Antirassismus-Telefon anfangs ziemlich alleine gelassen wurde, haben sich mittlerweile Grüne, Linke und die Initiative „Aufstehen gegen Rassismus“ hinter die Ehrenamtler*innen gestellt. Konservative und Liberale hingegen kritisierten das Antirassismus-Telefon und forderten eine Entschuldigung für den Brief. „Die wird es nicht geben“, sagt Jujol.

 

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