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LOKALES

Phänomen Open-Air – Was Kino unter freiem Himmel so besonders macht

 Ein Kinoabend im Stadtwerke-Sommerkino vor der Kulisse des stillgelegten Hochofens im Duisburger Landschaftspark-Nord.

[Foto: Thomas Berns]

 21.07.2022 16:36 - Caroline Beck

Es ist Sommer und die Welt hat sich nach draußen verlagert: Biergärten, Festivals, Konzerte und Stadtfeste laden dazu ein, in der Sonne zu verweilen – und sogar ein ganz bestimmter Stubenhocker hat sich an die frische Luft getraut: das Kino. 

Eigentlich ist das Kino ein Rückzugsort von der Außenwelt. Aber für die wenigen warmen Wochen im Jahr vereint das Phänomen Freiluftkino Natur und Kultur an einem Ort, der vielleicht gerade aufgrund seiner spürbaren Vergänglichkeit so magisch wirkt. Im Stadtwerke Sommerkino im Duisburger Landschaftspark-Nord wird das besonders deutlich, denn hier werden die Filme in einer Halle des ehemaligen Hochofens vorgeführt, in dem Industriekultur und Natur auf einzigartige Weise aufeinandertreffen. Vom Grünpark umgeben ragt die stillgelegte Industrieanlage monumental empor, überall auf dem Gelände sprießen Pflanzen aus den Wänden – ein Bild von Natur, die sich inmitten von altem Eisen und wuchtigen Bauten ihren Platz zurückerobert. Vor dieser Kulisse wirkt das Freiluftkino noch eindrucksvoller. Nur für kurze Zeit, solange die Temperaturen es zulassen, wird das Kino ausnahmsweise in die Außenwelt getragen. 

Da sitzt man statt in Kinosesseln auf Plastikstühlen, mit Sand aus dem Biergarten in den Schuhen und darum bemüht, Popcorn und Getränk so graziös wie möglich zu balancieren, während man die unermüdliche Wespe zu verscheuchen versucht, und fragt sich insgeheim, ob das hier nicht doch eine blöde Idee war. Zwischen Flip-Flop-Träger:innen, verschmusten Pärchen, angesäuselten Freundesgrüppchen und Kaltgetränkeschlürfer:innen findet sich auch die ein oder andere Motte im Lichtstrahl des Projektors ein, zwischendurch gesellt sich sogar eine neugierige Fledermaus dazu. Ab und an weht ein Lüftchen und man könnte fast meinen, noch ganz leise das Zischen des Hochofens zu vernehmen.

Popcorn darf beim Kinobesuch natürlich nicht fehlen.

Popcorn darf beim Kinobesuch natürlich nicht fehlen.
[Foto: Caroline Beck]

Dann ertönt der Gong zum finalen Aufruf, die letzten Nachzügler:innen nehmen ihre Plätze ein und die Lampen an den Seiten werden gelöscht – und trotzdem bleibt es noch eine Weile hell. Denn das eigentliche Dimmen der Lichter übernimmt hier die Natur selbst, ganz in ihrem Tempo. Statt stockdunkler Finsternis und schweren Kinovorhängen wird die Leinwand nämlich von der noch dämmernden Nacht umrahmt, sogar ein paar Sterne blitzen auf. Ruhe kehrt ein und neben dem Duft von süßem Popcorn liegt die spannungsvolle Gewissheit in der Luft, dass es gleich los geht.

Die Silhouetten in den vorderen Reihen, die bis gerade noch ihren Sitzpartner:innen zugewandt waren, sind nun gebannt nach vorne gerichtet. Die regungslosen Hinterköpfe lassen nur erahnen, was sich in ihren Gesichtern abspielt. Dann ein Schmunzeln, ein Kichern, schockiertes Luftanhalten, Ausrufe der Verwunderung oder des Ekels und immer wieder tosendes Gelächter – und es wird ganz klar spürbar: Man sitzt hier nicht alleine vor dem Fernseher, man schaut zusammen. Anstatt von tiefschwarzen Saalwänden aufgefangen zu werden, steigt das Lachen der Menge in den lauen Sommerhimmel auf. Das kollektive Erlebnis Kino wird so nicht radikal von der Außenwelt getrennt, es geht in sie über, bleibt noch ein bisschen in der warmen Luft stehen, und verliert sich dann in der Ferne.

Beim Verlassen der Kinofläche tritt man nicht wie sonst mit zusammengekniffenen Augen aus der Dunkelheit in den hell erleuchteten Gang, den man bis eben noch vergessen hatte. Statt gleich wieder in die Realität verfrachtet zu werden, nimmt man das Filmerlebnis leichtfüßig mit in die Nacht, begleitet von der Illumination, von der die Industrieanlage ab Einbruch der Dunkelheit in verschiedensten Farben angestrahlt wird. Vielleicht sind Flip-Flops und Freiluftkino gar nicht so verschieden – irgendwo zwischen barfuß und beschuht, offen und geschlossen, draußen und drinnen, Natur und Kultur.

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Im sommerlichen Biergarten mit Beachfeeling vor der angestrahlten Industrieanlage lässt es sich gut entspannen. [Foto: Caroline Beck]

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