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Nazi-Terrorgruppe: Polizist aus Hamm in Erklärungsnot

In Thorsten W.s Gruppe wurden rassistische Anschläge geplant, so die Generalbundesanwaltschaft. [Foto: Dennis Pesch]
03.05.2021 12:03 - Sophie Schädel

Die neonazistische „Gruppe S“ soll Anschläge auf Moscheen geplant haben. Der wegen Unterstützung der terroristischen Vereinigung angeklagte Thorsten W. ist ein Verwaltungsbeamter des Polizeipräsidium Hamm. Er will von den Plänen nichts mitbekommen haben und behauptet, nicht rechtsextrem zu sein. Warum die Polizei Massen an NS-Devotionalien in seiner Wohnung fand, konnte er im Prozess nicht glaubhaft erklären.

Im Prozess gegen die „Gruppe S“ am Oberlandesgericht Stuttgart-Stammheim sind zwölf Männer angeklagt, darunter der 51-jährige Thorsten W. aus Hamm. Die Gruppe soll Anschläge auf Moscheen geplant haben, um einen Bürgerkrieg zu provozieren und eine nationalsozialistische Gesellschaftsordnung einzurichten. Bevor sie ihre Pläne umsetzen konnte, wurden sie im Februar 2020 verhaftet. Seit Mitte April dieses Jahres läuft das Verfahren gegen sie.

Thorsten W. will 2017 über seine Leidenschaft für das Mittelalter in Kontakt zu Thomas N. gekommen sein, der nun ebenfalls angeklagt ist. Die beiden besuchten gemeinsam Mittelalter-Märkte und hatten sporadisch Kontakt, bis er W. im Oktober 2019 in die Chatgruppe einlud, über die sich die„Gruppe S.“ vernetzte. „Er hat gesagt, dass er im Mittelalter aktiv werden wollte“, behauptet W. vergangenen Dienstag vor Gericht. Auf N.s Einladung fuhr W. nach Minden zum Treffen der „Gruppe S“. „Ich habe gedacht, das ist was mit Mittelalter“, betont er.

Treffen sich zwölf Nazi-Terroristen und ein Mittelalterfan…

Beim Treffen, erzählt W., hätten alle durcheinandergeredet. „Habe da nicht großartig hingehört.“ Ein wenig hat er dann doch mitbekommen: „Es wurde über Politik geredet und so ein bisschen in die rechte Richtung.“ Die Anwesenden hätten gesagt, man müsse Plakate entwerfen und auf Demos gehen. Und Werner S., Anführer und Namensgeber der Gruppe, habe Frank H. gefragt, ob er eine Waffe besorgen könne. W. erzählt, er sei verwirrt gewesen, da die anderen so viel über Politik und so wenig über das Mittelalter sprachen.

Wenig später schlug der heutige Kronzeuge Paul-Ludwig U. der Gruppe vor, „dass man gegen Moscheen vorgehen” sollte, erzählt W. Der interpretierte das als eine Aktion wie die in Christchurch, leugnet jedoch gleichzeitig, beim Treffen an Anschlagsplanungen gedacht zu haben. 2019 tötete in Christchurch ein Rechtsterrorist 50 Menschen bei einem Anschlag auf zwei Moscheen – für ihn kein Widerspruch zu seiner Behauptung, beim Treffen hätte er nichts von Anschlagsplänen mitbekommen. Und obwohl er leugnet, rechtsextrem zu sein, sagt er vor Gericht, er glaube an eine „islamische Bedrohung“ in Deutschland.

Polizei Hamm ignorierte Hinweise auf rechtsextreme Einstellung W.s

Auch als der Richter nachhakt, wie W. am Tisch mit den anderen Angeklagten sitzen konnte, ohne mitzubekommen, dass Anschläge auf Moscheen geplant wurden, beharrt W. darauf, nichts gehört zu haben. Doch laut Anklage wurde bei dem Treffen überlegt, wer welche Waffen für wieviel Geld kaufen will und wer sie für die Gruppe beschaffen könnte. Und wer im Falle eines Angriffs offensiv in die Konfrontation gehen würde. Die Aussage eines Mitangeklagten, Thorsten W. hätte eine Schusswaffe haben und die Waffenkäufe der Gruppe finanziell unterstützen wollen, bestreitet dieser.

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Zwölf Angeklagte, 27 Anwält:innen und 250 Aktenordner: Es ist ein Mammut-Verfahren. [Symbolfoto: pixabay]
 

Am darauffolgenden Prozesstag, der 28. April, soll Thorsten W. Stellung zu dem nehmen, was die Polizei in seiner Wohnung fand: massenweise Hakenkreuze, rechte Flaggen und viele weitere Devotionalien. Auf einem Foto zeigt er den Hitlergruß – zum Spaß, wie er behauptet. Auf W.s Rechner fand die Polizei ein Hitler-Meme mit der Aufschrift „Was ist der Unterschied zwischen Nikolaus und einem Juden? Die Richtung im Schornstein“, eine Verhöhnung der Shoah. W. kommt ins Schwimmen, kann auf die Fragen des Richters keine schlüssigen Erklärungen liefern. Schließlich bricht sein Anwalt die Vernehmung ab. Ob er noch einmal vor Gericht aussagen will, steht noch nicht fest.

Brisant: Nicht erst bei den Ermittlungen gegen die „Gruppe S“ wurde W.s politische Haltung bekannt. Im Polizeipräsidium Hamm gab es ein Disziplinarverfahren gegen den Beamten W. wegen eines Stickers gegen Merkels Flüchtlingspolitik. Er trug bei der Arbeit die bei Nazis beliebte Marke „Thor Steinar“. An seinem Balkon hisste er die Reichskriegsflagge, an seinem Briefkasten klebte ein Sticker mit der Aufschrift „Keine Lügenpresse einwerfen“. Auf Social Media postete er Bilder von Hakenkreuzen und SS-Symbolen.

Trotzdem blieb er Polizeibeamter. Die einzelnen Hinweise habe das Polizeipräsidium Hamm „nicht zu einem Bild zusammengefügt“, erklärte der dortige Polizeipräsident Erich Sievert nach W.s Verhaftung und gelobte Besserung. Dass W. selbst Waffenscheine ausgestellt hat, vielleicht sogar an andere Rechtsextreme, kann Sievert laut eigener Aussage ausschließen, sagt aber auch, dass man zu dieser Frage noch tausende Seiten Akten prüfe.

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