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Mormonen in Essen, seit 1965

Das Gemeindehaus in der Alfredstraße 296 in Essen Rüttenscheid. [Foto: Canberk Köktürk]
28.06.2021 14:56 - Canberk Köktürk

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (HLT) ist eine Religionsgemeinschaft. Ihre Mitglieder sind besser bekannt unter dem Namen Mormonen. Die HLT wurde durch Joseph Smith Jr. 1830 in Fayette im US-Bundesstaat New York gegründet. Heute liegt der Hauptsitz der HLT in Salt Lake City, Utah. Auch in Essen Rüttenscheid gibt es eine kleine Gemeinde. Woran glauben die Mitglieder der HLT und was unterscheidet sie von anderen Religionsgemeinschaften?

Mormon lebte, nach dem Glauben der HLT, im vierten Jahrhundert nach Christus in Nordamerika und ist der zentrale Prophet der Religion. Er war es, der die goldenen Platten verfasste und aus denen Joseph Smith Jr. das Buch Mormon übersetzte. Durch Moroni, ein Engel und Sohn des Propheten Mormon, gelangte Smith über 1000 Jahre später an die heiligen Platten und gründete 1830 die HLT. Seitdem gilt auch er als Prophet aller Mormonischen Glaubensgemeinschaften. 

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48 Jahre später, im September 1898, kamen die ersten Missionare der HLT nach Essen. „Eine kleine Gemeinde bestand 1901 und wurde zunächst von Herne aus betreut. Das Gemeindehaus in der Alfredstraße 296 in Essen Rüttenscheid wurde am 29. August 1965 eingeweiht“, erzählt Dr. Ralf Grünke, der Pressesprecher der HLT in Deutschland. Die Religionsgemeinschaft hat weltweit, nach eigenen Angaben, mehr als 16 Millionen Mitglieder. In Essen sind laut Grünke 450 Menschen teil der Kirchengemeinde.

„Mit Gläubigen anderer christlicher Kirchen verbindet uns, dass wir Heil und Errettung von Jesus Christus erwarten und die Bibel als Wort Gottes betrachten. Zumal teilen wir christliche Werte und Grundhaltungen“, antwortet Grünke auf die Frage, worin sich die HLT von anderen christlichen Glaubensrichtungen unterscheidet. Dabei sei die HLT weder katholisch noch evangelisch, sondern verstehe sich selbst als Wiederherstellung der Kirche Jesu Christi, wie sie zur Zeit des Neuen Testaments bestand. Die HLT glaube an einen offenen Kanon heiliger Schriften und berufe sich neben der Bibel auf das Buch Mormon und weitere Bücher wie beispielsweise der Text „Lehre und Bündnisse“.

Keine Anerkennung der katholischen und evangelischen Kirche

Die Religionssoziologin Dr. Maren Freudenberg, die unter anderem über Religionen in den USA forscht, erklärt die Inhalte der HLT etwas genauer: „Das Buch Mormon erweitert die biblische Geschichte des Christentums um Ereignisse auf dem nordamerikanischen Kontinent, die angeblich vor der ‘Entdeckung’ des Kontinents durch die Europäer geschehen sind.“ Auch die Gottesvorstellung sei eine andere: „Mormonen glauben neben dem Gottesvater an eine Gottesmutter, und darüber hinaus gehen sie davon aus, im Himmel möglicherweise, bei richtiger Lebensführung im Diesseits, gottesähnlichen Status erreichen zu können.“ Die HLT würde von der Katholischen sowie den protestantischen Kirchen in der Regel nicht als christliche Tradition akzeptiert, so Freudenberg weiter.

Claudia Jetter, Wissenschaftliche Referentin von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), bestätigt Freudenbergs Aussage: „Die HLT ist aus evangelischer Sicht eine nachchristliche Neureligion. Auf Grund von Neuoffenbarungen, wie zum Beispiel dem Buch Mormon, und der darin enthaltenen Gotteslehre, unterscheiden sich Mormonen in ihrer Lehre deutlich von den ökumenischen Kirchen.“ Die evangelische Kirche erkenne ihre Taufe nicht an, so Jetter weiter. „Deswegen orientiert sich das Verhältnis der Evangelischen Kirche zu den Mormonen am Verhältnis zu anderen Religionen nicht an dem zu anderen christlichen Kirchen, die dem ökumenischen Rat der Kirchen angehören.

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Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Salt Lake City, Utah. [Foto: pixabay]
 

Auf die Frage, wie der Standpunkt der HLT sei, dass die katholische und evangelische Kirche sie nicht als christliche Glaubensgemeinschaft akzeptiere, antwortet Grünke wie folgt: „Wir selbst betrachten Katholiken, Protestanten und Orthodoxe als Mitchristen. Alles, was wir glauben und tun, geht von Jesus Christus als Sohn Gottes und Erretter der Welt aus. Wer uns nicht oder nicht in vollem Umfang als christlich einstuft, legt gewöhnlich als Maßstab nachbiblische Glaubensbekenntnisse an, die im dritten und vierten Jahrhundert entwickelt wurden.“ Die HLT nehme stattdessen unmittelbar Bezug zu den Ursprüngen des Christentums. Konfessionelle Unterschiede würde die HLT wertschätzend zur Kenntnis nehmen und engagiere sich in dem Dialog zwischen Kirchen und Religionsgemeinschaften. „An runden Tischen und Räten der Religionen arbeiten wir vertrauensvoll mit anderen christlichen Kirchen und Gläubigen aus anderen Religionen zusammen.“

Missionierung auf der ganzen Welt

Das war nicht immer so, erklärt Claudia Jetter: „Im 19. Jahrhundert, in den USA, gab es in der Tat teils gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Mormonen und Mitgliedern aus vornehmlich protestantischen Kirchen, welche die damals von Mormonen praktizierte Polygamie ablehnten.“ Solch drastische Auseinandersetzungen gäbe es heute nicht mehr. „Mormonen haben mittlerweile vermehrt den Wunsch nach gesellschaftlicher Akzeptanz und politischer wie auch sozialer Kooperation.“ Gelegentlich würden Mitglieder der HLT in Deutschland ihren Unmut darüber äußern, dass ihnen die Teilnahme an ökumenischen Veranstaltungen verwehrt würde. „Aus evangelischer Sicht ist das damit begründet, dass Mormonen an interkonfessionellen Lehrgesprächen, die auf Annäherung aus sind, nicht interessiert sind“, erklärt Jetter.

Mittlerweile gibt es laut eigenen Aussagen der HLT mehr Mitglieder im Ausland als in den USA. „Das Mormonentum breitet sich auf der ganzen Welt langsam aber stetig  und vor allem über Missionierung aus“, erklärt Freudenberg. Junge Männer, und seit ein paar Jahren auch junge Frauen, würden nach der schulischen Ausbildung ein bis zwei Jahre Missionstätigkeit einlegen und sich oft zu zweit ins Ausland begeben, um neue Anhänger:innen für ihren Glauben zu finden, so Freudenberg weiter. Hier  sei das bereits Ende des 19. Jahrhunderts geschehen. „In Deutschland bekennen sich knapp 40.000 Christinnen und Christen zur Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, berichtet Grünke.
 

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