Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

LOKALES

Hochwasser: Grundlage für besondere Lebensräume

Hochwasser: ärgerlich für den Menschen – lebensnotwendig für Auenlandschaften. [Fotos: Lena Janßen]
15.02.2021 13:01 - David Peters

Nach dem Hochwasser der vergangenen Wochen entspannt sich die Lage am Rhein wieder. Überspülte Straßen, Wassereinbrüche in Kellern – für viele Menschen ist Hochwasser eine Katastrophe, in der Natur schaffen die Überflutungen jedoch besondere und seltene Lebensräume.

Immer wieder führen Flüsse wie der Rhein Hochwasser. Zuletzt mussten Anfang Februar der Schiffsverkehr eingestellt und viele Straßen und Wege gesperrt werden. „Hochwasser sind ganz natürliche Ereignisse. Ursprünglich ziehen sich die Flüsse mäandrierend [Anm. d. Redaktion: sich schlängelnd] durch das Land. Inzwischen wurden aber viele Flüsse begradigt, dadurch tritt das Wasser viel stärker über die Ufer“, erklärt Thomas Hörren. Er studiert aquatische Ökologie an der Universität Duisburg-Essen (UDE) und erforscht seit Jahren als Entomologe Insekten. 

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Hochwasserschutz sei wichtig, dennoch erschwere er das Leben und die natürlichen Dynamiken an den Flüssen. Gebiete, wie die Flussauen, seien aufgrund der Begradigung und Schutzmaßnahmen kaum noch vorhanden, so Hörren. Diese Lebensräume seien auf regelmäßige Hochwasser angewiesen, um ihren Fortbestand zu sichern. Rund um Duisburg gebe es zwar „Auenreste“, dies seien aber keine natürlichen Auen. Natürliche Auengebiete, beziehungsweise deren Reste, findet man heute noch im Bereich der Altrheinarme bei Wesel. „Diese stammen noch aus der historischen Zeit, bevor man versucht hat, den Rhein zu ‚lenken‘“, berichtet der 31-Jährige. In den natürlichen Auen sind viele Stillgewässer entstanden – gespeist durch das Hochwasser. „Die gibt es heutzutage gar nicht mehr. Die vorhandenen Gewässer werden hauptsächlich durch Grundwasser gespeist.“

Auen – ein verschwindender Lebensraum

Viele Lebewesen tötet das Hochwasser. „Das ist eine natürliche Dynamik“, so Hörren. „Das Leben in den Flussauen ist schwierig. Für viele Arten herrschen dort feindliche Lebensbedingungen, einige Arten haben sich aber an die stark wechselnden Bedingungen angepasst.“  Die Auen bieten für viele bedrohte Tierarten, wie Uferschwalben, Eisvögel oder Fischotter ideale Lebensbedingungen, so der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).
„In Auen gibt es eigentlich ausgeprägte Uferstrukturen mit spärlichem Bewuchs. Durch Hochwasser werden sie quasi immer wieder ‚leergespült‘“, erläutert der Master-Student. Damit werde dazu beigetragen, sogenannte „Offenland-Lebensräume“ zu schaffen und zu erhalten. Ohne menschliche Einflüsse wäre ganz Deutschland von Wald bedeckt und die einzigen offenen Lebensräume wären die Flussauen oder Küstenbereiche, erklärt der UDE-Student. „Heutzutage gibt es bei uns fast gar keine offenen Lebensräume, abseits der Küste.“ Deshalb unterstützen Naturschutzverbände und das unterstützt das Bundesamt für Naturschutz (BfN) den Erhalt der Flussauen. 

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 Hörren konnte während des Hochwassers den Erdbeer-Prachtkäfer erstmalig im Gebiet des Nordrheins nachweisen. [Foto: Thomas Hörren]
 

Neben dem Erhalt der Auen bietet das Hochwasser speziell für Entomolog:innen einen besonderen Vorteil: „Viele Insekten werden durch das Hochwasser aus den Böden gespült“, erzählt Hörren. So können Insekten erforscht werden, die ihr Leben hauptsächlich unter der Erde verbringen. Zudem können teilweise Insekten gefunden werden, die in Nordrhein-Westfalen eigentlich nicht vorkommen. Sie werden mit dem Hochwasser den Rhein oder die Ruhr heruntergetrieben. „Teilweise werden alpine Arten durch Rhein verdriftet und bilden hier kleine Populationen.“ Bei seinen Forschungen in den überfluteten Gebieten, konnte Hörren Anfang Februar einen Erdbeer-Prachtkäfer finden. Die Art ist lediglich 2 Millimeter groß und vor allem in Süddeutschland verbreitet. Der UDE-Student konnte den Käfer als Erster im Gebiet des Nordrheins nachweisen.
 

  • Weitere Bilder vom Hochwasser am Rhein:

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