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Hilfe für Wohnungslose: „Wir machen weiter – aber stark verändert“

Das FairSorger-Team ist mit Schutzkleidung ausgerüstet.

[Foto:FairSorger Essen e.V.]

06.04.2020 11:40 - Laura Lindemann

Judith Schüning ist beim gemeinnützigen Verein FairSorger Essen e.V. tätig. Gemeinsam mit ihrem Team kümmert sie sich dreimal in der Woche um Bedürftige an der St. Gertrudkirche in Essen. In Zeiten der Corona-Krise stellt sich die Versorgung jedoch als echte Herausforderung dar. Strenge Auflagen, Menschen, die jetzt noch mehr um ihre Existenz bangen müssen und fehlende Nähe machen den Helfer*innen zu schaffen. Doch es gibt auch Momente, die ermutigen. 

„Bei jeder Tour habe ich einen Kloß im Hals“, sagt Schüning. „Ich hoffe dann, dass sich alle Gäste an die Regeln halten und die Koordination gut funktioniert, damit wir weiterhin versorgen dürfen.“ Denn die Auflagen wurden aufgrund der Corona-Pandemie verschärft. Das Team ist derzeit mit Mundschutz, Handschuhen und Warnwesten ausgestattet. Statt der regulären Essensausgabe, werden Carepakete mit Nahrung und Hygieneartikeln verteilt. Die Anzahl der Helfer*innen ist auf acht Personen beschränkt. Jedes Mitglied hat eine feste Aufgabe, damit bloß kein Chaos entsteht. Schüning koordiniert die Bedürftigen und sorgt für den nötigen Mindestabstand. „Früher kamen unsere Gäste in Gruppen, aßen und tranken zusammen. Jetzt stehe ich wirklich mit ausgetrecktem Zeigefinger da, und weise die Leute an, den Abstand einzuhalten.“ Das funktioniere bis jetzt sehr gut, so die Ehrenamtlerin. „Das zeigt die Not von Vielen hier. Es bricht für sie quasi alles weg, denn oft sind die Menschen untereinander die einzige Familie, die sie haben.“

Die Helfer*innen bilden ein festes Stammteam, das den Gästen bekannt ist. Ehrenamtliche, die zur Risikogruppe gehören, koordinieren von zuhause aus. „Wir machen also weiter, aber stark verändert“, erklärt Schüning. Die Genehmigung dafür beruht auf einer Verordnung des Oberbürgermeisters der Stadt Essen. Bei der Essensausgabe handelt es sich um eine Veranstaltung zur Aufrechterhaltung der Daseinsvorsorge gemäß Ziffer 8 der Allgemeinverfügung „zum Zwecke der Verhütung und Bekämpfung der Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 der Stadt Essen”. Die Essensvergabe ist darüber hinaus vergleichbar mit dem Lebensmittelhandel, Abhol- und Lieferdiensten gemäß Ziffer 5 der Allgemeinverfügung. Sollte sich das Team und die Bedürftigen allerdings nicht an die vorgeschriebenen Auflagen halten, ist das Schreiben jederzeit widerrufbar. 

Gespräche fehlen

„Wir arbeiten rund um die Uhr, um unseren Gästen die Versorgung weiterhin zu ermöglichen“, so Schüning. „Das geht an die Substanz.“ Hilfe bekommt das Team von verschiedenen Firmen oder Kantinen, die Nahrung spenden. Auch die Oberhausener Tafel hat sich angeschlossen. Da diese aufgrund der Corona-Krise schließen musste, spendet sie die übrig gebliebenen Lebensmittel an den FairSorger Essen e.V.. Schüning ist von Aktionen wie diesen gerührt: „Wir bekommen derzeit großartige Unterstützung. Auch Privatpersonen bieten ihre Hilfe an.“ 

„Oft sind die Menschen untereinander die einzige Familie, die sie haben.“

Da die Tour auf gerade einmal 15 Minuten beschränkt ist, bleibt den Helfer*innen keine Zeit für Zuneigung den Bedürftigen gegenüber. „Früher haben wir mit unseren Gästen gesprochen, sie getröstet oder auch mal in den Arm genommen“, sagt Schüning. „Das hat unsere Touren ausgemacht.“

Um nicht ganz auf Interaktion zu verzichten, hat das Team ein Kummertelefon für seine Gäste eingerichtet. Die Nummer ist in den Care-Paketen enthalten. Da dieses Projekt erst frisch ins Leben gerufen wurde, kann Schüning noch nichts darüber sagen, wie das Telefon bei den Wohnungslosen ankommt. 

Für Menschen, die gerne helfen möchten: Spenden hält Schüning für sinnvoller als Gabenzäune, weil die Ausgabe kontrolliert ablaufe und man sicherstellen könne, dass das Essen zu den Bedürftigen kommt. So stärke man auch ehrenamtliche Vereine, die sich seit Jahren für Wohnungslose engagieren. Außerdem rät sie: „Geht mutiger auf Menschen zu, von denen ihr auf der Straße denkt, sie könnten Hilfe gebrauchen.“
 

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