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LOKALES

Der Königsblaue Blues

Schalke steigt zum vierten Mal in der Vereinsgeschichte ab, viele Rivalen gönnen es den Königsblauen. [Foto: Canberk Köktürk]

24.05.2021 15:17 - Canberk Köktürk

Auch wenn der Abstieg des FC Schalke 04 bereits länger feststand, ist es mit dem Ende der Saison am vergangenen Wochenende offiziell. Obwohl es in den letzten dreißig Jahren für Schalker*innen viele Höhen und Tiefen zu überstehen gab, schmerzt der Abstieg anders: wie beim Abreißen eines überdimensionalen Pflasters auf dem Herzen.

Eine Kolumne von Canberk Köktürk

Es ist der vierte Februar 2020, zehn Minuten nach elf, als ich an meiner letzten Zigarette zog (Stand 23.05.2021). Ich stehe in der Nordkurve der Veltins Arena. 114. Minute der Verlängerung. Ich ziehe den Rauch tief ein, als Benito Raman 70 Meter mit seinen letzten Kräften hinter sich lässt und den Ball durch die Beine des Herthaner Keepers Rune Jarstein schießt. 3:2 Endstand. 53.000 Zuschauer:innen jubeln und liegen sich in den Armen, Schalke steht im Viertelfinale des DFB-Pokals. Wer hätte zu diesem Zeitpunkt gedacht, dass wenig später die Pandemie die Welt still hält, Schalke nach diesem Abend für fast ein Jahr kein Spiel mehr gewinnt und ich meine letzte Zigarette rauche.

(Massentier-)Haltung in der Allianz-Arena

Beim Eröffnungsspiel saßen die hohen Tiere des FC Bayern München und FC Schalke 04 trotz Corona eng zusammen.
 

Die Liste der Erfolge des S04 in meiner Lebenszeit ist lang. Der UEFA Pokal 1997, mehrere Pokalsiege, erfolgreiche Spielzeiten in der Bundesliga und in internationalen Wettbewerben. Umso seltsamer sind die Vergleiche mit dem Hamburger SV, die immer wieder aus bestimmten schwarz-gelben Kreisen auftauchen. Die Liste der Misserfolge sollte man trotzdem nicht unterschlagen. Die ständigen finanziellen Sorgen, die Meisterschaft der Herzen 2001, weitere knapp verpasste Meisterschaften und Abgänge von jungen Schalkern wie Neuer, Draxler und Sané sitzen tief. Im Laufe der letzten dreißig Jahre waren diese Misserfolge, ständige Trainerwechsel und die dementsprechende Inkonstanz sehr laut und präsent, wodurch man die schönen Zeiten kaum genießen konnte.

Obwohl Schalke zwischen 2006 und 2018 bei internationalen Wettbewerben und somit in den Spitzenpositionen der Bundesliga Dauergast war, wurden viele Schalke Fans, inklusive mir, von großen Kopfschmerzen geplagt. Wir hatten das Gefühl, dass der Verein nicht gut geführt wurde. Das Verlangen nach einem Neustart mit jungen Spielern aus dem eigenen Jugendbereich war groß. Immerhin wäre es mehrmals möglich gewesen, auf teure Transfers zu verzichten,von denen viele kaum Leistungen brachten. Die Schalker Knappenschmiede produzierte in den letzten Jahren Spieler wie Özil, Matip, Kolasinac, Meyer oder Nübel. Statt mit ihnen rechtzeitig zu verlängern und sie wertzuschätzen, verließen sie allesamt den Verein. Auch wegen falschen Personalentscheidungen geriet Schalke immer tiefer in eine finanziell toxische Beziehung.

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In der nächsten Saison fährt die 302 die Fans zu Zweitliga-Spielen. [Foto: pixabay]
 

Hoffnung auf Neuanfang

Clemens Tönnies war bis Mitte 2020 19 Jahre lang Vorsitzender des Aufsichtsrats des FC Schalke 04 und somit der mächtigste Mann im Verein. Seine finanziellen Unterstützungen sowie Kontakte zu Gazprom, durch die Schalke als Malocher-Klub seit Jahren einen mehr als kritischen Hauptsponsor auf der Brust trägt, trugen einiges zu seiner Stellung im Verein bei. Tönnies traf immer die letzten und wichtigsten Entscheidungen. Viel zu oft hat er sich in die sportlichen Geschehnisse eingemischt und die Strukturen verändert, sodass der Verein sein eigener Spielplatz wurde. Nach autokratischem Vorbild besetzte und tauschte er alle wichtigen Positionen so wie er es wollte und erstickte interne Kritik im Keim.

Seine rassistischen Aussagen und die unmenschlichen Verhältnisse in seinen Fleischereien haben dazu geführt, dass Tönnies 2020 zurücktreten musste. Viel zu spät und ohne jegliche Reflexion. Natürlich ist es einfach, einen Schuldigen für die gesamte Situation auszumachen. Schalke muss sich fragen, warum sie diese Strukturen sowie Einflüsse zulassen und die Seele des Vereins für mittelfristigen Erfolg verkaufen konnten. 

Der Abgang von Clemens Tönnies ist für mich der größte Erfolg des Vereins in den letzten 20 Jahren. Es ist die Chance für die Königsblauen, wieder das zu sein, was sie immer waren. Kein Spielplatz für einen Mann, kein Geschäftsmodell, keine Marketingstrategie, sondern das Herz für eine ganze Region und ihre Fans. Erfolge sind egal, solange die Nordkurve gefüllt ist und jeder einzelne Ballgewinn gefeiert wird wie die letzte Meisterschaft, wenn jeder Meter mental mitgerannt wird, wenn dir als Zuschauer*in nach 90 Minuten genauso die Puste ausgeht wie den Jungs da unten.

Wenn Schalke es finanziell durch die zweite Liga schafft, dann heißt es nur für eine kurze Zeit: „Ade, nun ade! Herzliebste mein. Und da drunten in dem tiefen finst’ren Schacht, bei der Nacht da denk’ ich dein” und stattdessen schon bald wieder: “Und kehr ich heim, zur Liebsten mein, dann erschallet des Bergmanns Gruß bei der Nacht, Glück auf, Glück auf!“
 

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