Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

LOKALES

Bottrop und Essen: Ein rechter Terroranschlag

In Zwickau wurde 2016, anlässlich des fünftes Jahrestages der Selbstenttarnung des NSU, gegen rechten Terror und Rassismus demonstriert.Die Aussage
„Rassismus tötet“ bleibt aktueller denn je. (Symbolbild: Dennis Pesch)

07.01.2019 10:55 - Dennis Pesch

An Neujahr fährt Andreas N. an vier Tatorten in Bottrop und Essen in Menschenansammlungen und will dabei gezielt Migrant*innen töten. 8 Menschen werden verletzt, eine Frau aus Syrien so schwer, dass sie ums Überleben kämpfen musste. Warum das Tatmotiv Rassismus ist und wir es bei der Tat mit einem rechten Terroranschlag zu tun haben:

Das neue Jahr hat gerade begonnen, viele Menschen stehen auf der Straße, schießen Raketen in die Luft, verabschieden sich vom Jahr 2018. Andreas N. hingegen fährt gezielt mit seinem Auto in verschiedene Menschenmengen an vier Tatorten im Ruhrgebiet. Seine Anschlagsserie beginnt in Bottrop auf der Osterfelder Straße, wo er einen Mann versucht anzufahren, der gerade noch ausweichen kann. Am Berliner Platz in Bottrop, wo an Neujahr eigentlich das 100-Jährige Stadtjubiläum gefeiert werden sollte, schlägt er dann erneut zu.

Er erfasst eine Frau aus Syrien, der später durch eine Notoperation das Leben gerettet wird. Ebenfalls verletzt werden ihr Ehemann und die beiden Töchter. Der Täter fährt weiter in Richtung Essen auf die Schloßstraße, wo er erneut versucht in eine Fußgängergruppe zu fahren, die im Rauch zwischen den Raketen und Böllern nur knapp ausweichen können. Auf der Frintroper Straße verletzt er schließlich noch einen Mann leicht. Insgesamt werden 8 Menschen verletzt, eine Frau aus Afghanistan, ihr Sohn und ein Mädchen aus Syrien und ein Deutscher mit Migrationshintergrund.

Insgesamt werden 8 Menschen verletzt

Tatmotiv Rassismus

Die Schlagzeilen sind später bestimmt von den Wörtern Fremdenfeindlichkeit, Fremdenhass, Ausländerhass, Anschlag, Silvester-Attacke, Amokfahrt, Hartz IV, Arbeitslosigkeit, psychische Krankheit, Schizophrenie. Was in dieser Aufzählung meist fehlt: Rassismus und Terrorismus. Kurz nach seiner Festnahme äußert sich Andreas N. rassistisch, auch bei seiner späteren Vernehmung bei der Polizei. Die vielen Ausländer seien ein Problem für Deutschland, dass er lösen wolle, er habe Anschlägen von Flüchtlingen zuvorkommen wollen, soll N. gesagt haben.

NRW-Innenminister Herbert Reul wird schon am Nachmittag des 1. Januar erklären: „Es gab die klare Absicht Ausländer zu töten“. Einen Tag später beginnen die Relativierungen aus dem Innenministerium: Der Täter habe aus „Unmut und persönlicher Betroffenheit“ heraus „Hass auf Fremde entwickelt“, sagte Reul dem WDR 5. Von Rassismus will das Innenministerium nichts wissen. Auf mehrfache Nachfrage erklärte ein Sprecher des Ministeriums der akduell, dass über die weitere Motivlage nichts bekannt sei. Unter Anderem weil es keine festgestellten Kontakte in die extrem rechte Szene gebe und ungeklärt sei „warum er Ausländerhass hat“, will das Innenministerium nicht von Rassismus sprechen.

In der Essener und Bottroper Zivilgesellschaft löste der Anschlag Entsetzen aus. Einen Tag nach der Tat demonstrierten auf dem Willy-Brandt-Platz bis zu 150 Menschen gegen rechten und rassistischen Terror bei einer Kundgebung des Bündnisses „Essen stellt sich quer“. Dort wird Rassismus als Tatmotiv klar benannt: „Abgesehen hat N. es vor allem auf als ‚ausländisch‘ aussehende Menschen“, sagt ein Sprecher des Bündnisses. Tatsächlich hat N. bei dem Terroranschlag nach äußerlichen Merkmalen entschieden in welche Gruppen er hinein fährt. Sprich: etwa nach Hautfarbe, Haarfarbe, Augen, Kleidung. Alles was in rassistischen Ideologien als vermeintliches Merkmal herhält, um Menschen als „nicht-deutsch“ identifizieren zu wollen.

Der einsame Wolf

Ein Terroranschlag ist es, weil durch die Tat innerhalb der Bevölkerung Angst und Schrecken verbreitet werden soll. Und weil sie aus einer politischen Motivation (Rassismus) heraus geschehen ist und N. eines seiner politischen Ziele mit der Tat umsetzen wollte. Der Terroranschlag erinnert auch an andere Taten von Rassisten und Rechtsextremen. Parallelen aus den USA kommen am Willy-Brandt-Platz auf, sagt ein Sprecher von Essen stellt sich quer: „Es ist nicht das erste Mal, dass Rechte einen derartigen Terroranschlag verüben. Am 12. August 2017 steuert ein Rechtsradikaler in Charlottesville sein Auto in eine Gruppe Menschen, die gegen einen Neonazi-Aufmarsch demonstrieren. Auch er nutzt sein Auto dabei als Waffe, überfährt mehrere Menschen. 19 Personen werden verletzt. Heather Heye stirbt.“

In den 90ern entwarfen Neonazis das Konzept des „führerlosen Widerstandes“, heute sagt man „Einsamer Wolf“

Dass Neonazis ein Auto als Waffe benutzen, ist dabei keine Aktion, die aus dem islamistischen Terrorismus kommt, wie das Magazin Der rechte Rand berichtete. Schon in den 90ern entwarfen Neonazis das Konzept des „führerlosen Widerstandes“, was heute eher als „Einsamer Wolf“ bekannt ist, also der Selbstradikalisierung eines Individuums durch zum Beispiel rassistische Hetze in den sozialen Medien. Jederzeit können diese Menschen zuschlagen, ohne dass davon zuvor jemand etwas mitbekommt; das ist die Strategie. Ein Beispiel darunter ist auch das Attentat auf die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker am 17. Oktober 2015, bei dem ein Neonazi sie lebensgefährlich mit einem Messer verletzte. Reker überlebte nur knapp.

In der Kritik der Demonstrant*innen stand außerdem, dass der Verweis auf eine psychische Krankheit und die Arbeitslosigkeit von Andreas N. eine Relativierung darstelle: „Es fällt leicht, unvorstellbare Gewalttaten auf die Psyche der Täter*innen zu schieben. Aber es verkennt die, wie Hannah Arendt es nannte, „Banalität des Bösen”. So schwer es fällt – es gibt Menschen, die andere aufgrund von äußeren Merkmalen abwerten, hassen, ja, sogar töten wollen“, erklärte der Sprecher von Essen stellt sich quer.

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