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Bochum: Was tun, damit Obdachlose nicht erfrieren?

Wer hier schlafen muss, muss Angst haben, zu erfrieren. [Foto: Sophie Schädel]
22.12.2020 15:17 - Sophie Schädel

Die Stadt Bochum hat ein Kältekonzept für Obdach- und Wohnungslose erarbeitet. Es soll Menschen durch den Winter bringen, die sonst auf der Straße erfrieren könnten. Das Straßenmagazin bodo kritisiert die Pläne scharf und sagt: „30 Schlafsäcke sind kein Konzept“.

Es ist Aufgabe der Kommunen, Obdachlosen Schlafplätze für die Nacht und Aufenthaltsräume für den Tag zu bieten. Im Kältekonzept der Stadt Bochum soll dieses Angebot so erweitert werden, dass niemand auf der Straße erfrieren muss. Wenn die städtischen Schlafplätze alle besetzt sind und Minusgrade herrschen, öffnet die Stadt dem Kältekonzept zufolge eine ehemalige Schule mit bis zu zwölf weiteren Schlafplätzen. Sollten die Temperaturen auf unter -10 Grad fallen, können die Obdachlosen zusätzlich in einem Bahnhof übernachten. Nur bei Minusgraden, bei Überlauf und nur über Nacht erweitert die Stadt ihre Plätze – aus Sicht des Straßenmagazins bodo ist das nicht ausreichend.

„Menschen haben ein Recht auf Unterbringung, auch bei Plusgraden“, kritisiert Bastian Pütter, Redaktionsleiter des Straßenmagazins bodo. „Stattdessen einen Bahnhof als städtisches Übernachtungsangebot zu bezeichnen ist angesichts der ohnehin prekären Lebensverhältnisse Wohnungsloser fast zynisch.“ 

Wer ist obdachlos, wer wohnungslos?

Alle Obdachlosen sind wohnungslos, aber nicht alle Wohnungslosen haben kein Obdach. Obdachlose Menschen schlafen „auf der Straße“, also auf Parkbänken oder im Bahnhof, aber auch in städtischen Schlafstellen. Wohnungslose haben keine eigene Wohnung, sind also entweder obdachlos, oder kommen beispielsweise bei Bekannten unter.

Kritisch sieht er auch die Angebote für Tagesaufenthalte, „die gerade im Winter essentiell sind, um der Kälte zu entgehen, sich aufzuwärmen und zu Kräften zu kommen“. Hier tue sich „de facto nichts“, hieß es in einer Pressemitteilung des Magazins. So können sich Wohnungslose in einem städtischen Tagesaufenthalt in der Henriettenstraße nicht so lange aufhalten, wie sie wollen, sondern müssen nach 45 Minuten wieder gehen. „Im Winter reicht eine so kurze Zeit nicht aus, um sich richtig aufzuwärmen“, bemängelt Pütter. Zusätzliche Aufenthaltsorte oder sogenannte Wärmestuben für Wohnungslose sieht das Bochumer Kältekonzept erst gar nicht vor.

Gestiegener Bedarf durch Corona

Besonders verärgert ist das bodo-Magazin über die Bochumer „Notfallpakete“. 30 davon hat die Stadt aus je einem Rucksack, einem Schlafsack einer Iso-Matte und einem Hygienepaket zusammengestellt. „Schlafsäcke halten im Winter auf der Straße nur ein paar Tage“, erklärt Pütter die Kritik. „Allein wir verteilen jeden Winter eine dreistellige Zahl als Nothilfe. 30 Schlafsäcke sind kein Konzept.“

Seit 1991 zählt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe mindestens 320 Kältetode unter den Wohnungslosen. Allein dieses Jahr seien im September und Anfang Dezember zwei Obdachlose erfroren. Gerade während der Corona-Pandemie fordert die Arbeitsgemeinschaft die Kommunen dazu auf, die Kältehilfeangebote deutlich auszuweiten, damit die Wohnungslosen Abstand halten und auf die Hygienemaßnahmen achten können.

„Bislang können wir aber nicht erkennen, dass Kommunen flächendeckend Übernachtungsangebote in der Kältehilfe bzw. bei der ordnungsrechtlichen Unterbringung ausgeweitet haben“, beanstandet Werena Rosenke, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Ihrer Ansicht nach kann das nur zwei Folgen haben: Entweder setzen die Kommunen die Corona-Beschränkungen in ihren Angeboten für Obdachlose durch und nimmt in Kauf, dass es dort viel weniger Plätze gibt und Hilfesuchende auf der Straße bleiben müssen. Oder die bestehenden Plätze bleiben erhalten und die Kommunen gehen das Risiko ein, dass sich Hilfesuchende bei ihnen infizieren.
 

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