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KULTUR

Zu viel Bühne für rechte Ideen

Stefan Diekmann alias Wolfgang sorgt für betretenes Schweigen. [Foto: pixabay]
Von Gastautorin und ehemaliger akduell-Redakteurin Mirjam Ratmann

30.09.2019 11:34 - Gastautor*in

Mit der One-Man-Show Der Reichsbürger versucht das Schauspiel Essen eine rechtsextreme Bewegung näher zu beleuchten. Eine wirklich kritische Auseinandersetzung bleibt dabei jedoch außen vor.

Die Box, die kleine Spielstätte des Grillo-Theaters, ist an diesem Abend dunkel und nur spärlich beleuchtet. Die Wände sind grau, Tiergeräusche und Wasserplätschern sind zu hören. In einer Ecke auf der Bühne sitzt ein Mann an seinem Schreibtisch. Ganz vertieft schneidet er schwarze Papierfiguren aus. Neben ihm an der Wand hängen Landkarten vom Deutschen Kaiserreich, auf einer sind die „Landverluste“ nach den Kriegen 1919 und 1945 farblich markiert. „Können Sie beweisen, dass es die Bundesrepublik Deutschland gibt?“, fragt der Mann, der sich als Wolfgang vorstellt, da ins Publikum. Er steht nun mitten auf der Bühne. Betretenes Schweigen im Publikum.

Schätzungen des Bundesamt für Verfassungsschutzes zufolge gibt es in Deutschland rund 19.000 Menschen, die die Existenz der Bundesrepublik Deutschland anzweifeln und einer oder mehrerer Ideologien der „Reichsbürgerbewegung“ nahe stehen. Nicht alle von ihnen können als rechtsextrem eingestuft werden. Trotzdem ist das Weltbild vieler von einem rassistischen, antisematischen und völkischen Gedankengut geprägt.Auch Wolfgang schimpft auf verschleierte Frauen, muslimische Kinder in Schulen, die kein Deutsch sprechen würden und darüber, dass die Deutschen zum Führen geboren seien: „Wir sind keine Knechte, wir sind ein Volk der Höchstleistung. Andere Völker sind das nicht, aber das macht auch nichts“. Die eigene vermeintliche Aufwertung durch die Abwertung anderer und die Annahme es gäbe eine homogene Masse – das Volk – ist eines der Kernelement völkischer Ideologie. 

Bewusst unbequem 

Es ist der Performance des Schauspielers Stefan Diekmann, der Wolfgang darstellt, zu verdanken, dass diese One-Man-Show des „Reichsbürgers“ in knapp anderthalb Stunden nicht langweilig wird. Er nutzt beinahe die gesamte Box und verändert seine Position stetig, wobei er mal an einem Mikrofon oder auf einem Stuhl steht, an seinem Schreibtisch oder gar auf den Zuschauer*innen-Bänken sitzt. In zum Teil rasant vorgetragenen Monologen gibt Wolfgang dabei eine Verschwörungstheorie nach der nächsten zum Besten: Deutschland sei noch immer von den Alliierten besetzt, die Bundesrepublik lediglich eine GmbH und das Grundgesetz null und nichtig. Seine Wut über das Unverständnis, das ihm entgegengebracht wird, ist bei jeder Silbe deutlich zu spüren. „Diesem Fake-Staat schulde ich nichts, keine Steuern, keine Treue, und schon gar nicht mein Leben und meine Sicherheit“, brüllt Wolfgang. Natürlich habe er sich auch bewaffnet, er müsse schließlich sein selbstverwaltetes Staatsgebiet verteidigen und fuchtelt dabei mit einer Waffe herum. Obwohl es eine fiktive Figur, ein fiktives Stück ist, fühlt man sich unwohl.

Ein Stück, in dem „Reichsbürger“ mit ihren Mitmenschen agieren, wäre ein besserer Ansatz gewesen.

Der Reichsbürger ist kein angenehmer Theaterabend. Das soll er wohl auch nicht sein. Die rund 60 Zuschauenden sitzen eng nebeneinander auf harten Holzbänken. Der schnell und pausenlos agierende Wolfgang verlangt einem mit seinen von vielen Scheinfakten und Argumentationen überladenen Monologen viel Konzentration ab. Diekmann spielt nicht nur für, sondern mit dem Publikum, fordert Antworten ein und hält den Besucher*innen so den Spiegel vor. Als Wolfgang spricht er einige direkt an, stellt aber auch viele rhetorische Fragen, um dann Antworten zu geben, die im Publikum verhaltenes Gelächter oder Kopfschütteln zu Tage fördern. Es ist unangenehm, ihm dabei zuzusehen, wie er alles gibt, um das Publikum von seiner Sache zu überzeugen. Zugleich bekommt man es bei einigen seiner Ausführungen mit der Angst zu tun. 

Paradebeispiel ohne Gegenpart

So spannend es auch ist, einem fiktiven „Reichsbürger“ ganz nahe sein zu können und mehr darüber zu erfahren, wie ein solcher ticken möge, so ist es gleichermaßen befremdlich. Denn Wolfgang hat keinen Gegenpart mit sich auf der Bühne, niemand der ihm widerspricht und seine Theorien auseinandernimmt. Stattdessen redet er mit dem Publikum, doch Wolfgang ist der Protagonist, dem das Podium gehört. Annalena und Konstantin Küspert, die dieses Stück erdacht haben, begeben sich auf dünnes Eis. So kann man zwar spekulieren, dass Theaterbesuchende im Durchschnitt eher liberal oder links eingestellt sind und ein solches Stück als Aufklärungsversuch begreifen. Diekmann ist jedoch so überzeugend in seiner Performance, dass das, was er zum Besten gibt, bei einem diesem Weltbild zugewandten Zuschauenden vielleicht auch das Gegenteil von Aufklärung bewirken könnte. Ein Stück, in dem ein oder mehrere „Reichsbürger“ mit ihren Mitmenschen agieren, wäre ein besserer Ansatz gewesen.

So wirkt es, als könnte Wolfgang als ‚Paradebeispiel‘ des „Reichsbürgers“ gesehen werden, der alle möglichen Verschwörungstheorien und Stereotype in sich vereint. Dabei gelten „Reichsbürger“ besonders deswegen als so gefährlich, weil sie keine homogene Gruppe sind. Was bleibt, ist jedoch die Erkenntnis, dass noch mehr über diese reale Gefahr gesprochen werden muss und es wenig bringt, „Reichsbürger“ als Spinner abzutun. Dazu hat das Stück Der Reichsbürger mit seiner unbequemen Inszenierung allemal einen wichtigen Beitrag geleistet. 

Nochmal ist das Stück am 3. und 31. Oktober und am 21. November im Grillo-Theater zu sehen.

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