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KULTUR

Wir sind die Welle: Wichtige Themen, klischeebehaftete Figuren

Die Neutinterpretation von Die Welle ist ab sofort bei Netflix verfügbar.

[Foto: Jacqueline Brinkwirth]

23.11.2019 16:31 - Gastautor*in

Die Jugenddramaserie Wir sind die Welle ist eine deutschsprachige Produktion, die seit dem 1. November bei einem Netflix zu sehen ist. Die Serie ist an den von Morton Rue verfassten Roman Die Welle angelegt, der 2008 als gleichnamiger Film in die Kinos kam.

Von Gastautor Alexander Weilkes

Im Film spielt Jürgen Vogel einen Gymnasiallehrer, der während einer Projektwoche einen pädagogischen Selbstversuch unternimmt. Er möchte Schüler*innen demonstrieren, dass ein autokratisches System, wie es dieses zur Zeit des Nationalsozialismus in Form einer Führerdiktatur gab, sich auch heute noch in Deutschland wiederholen könnte. „Die Welle“ entsteht als eine Vereinigung von Schüler*innen mit dem Lehrer als Führungspersönlichkeit, die sich zu festgelegten Regeln, Ritualen und Symbolen bekennt und nach außen als ausgrenzende und diskriminierende Gruppe auftritt.

Die Eigendynamik einer Bewegung spielt auch bei Wir sind die Welle eine starke Rolle, jedoch unterscheidet sich die Serie ansonsten stark vom Film. Der Ausgangspunkt ist auch hier eine Schule, die den bedeutungsträchtigen Namen „Geschwister-Scholl-Gymnasium“ trägt. Nicht zufällig wurde hier eine Schule gewählt, die nach den Geschwistern Hans und Sophie Scholl benannt ist, die in der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ gegen den Nationalsozialismus in Deutschland kämpften.

Dass es ausgerechnet an einer Schule mit diesem Bezug eine Gruppe von offen neonazistischen Schülern gibt, wie es in Wir sind die Welle der Fall ist, ist ein wenig subtiler Hinweis darauf, wie aktuell Vergangenes ist und nebenbei ein geschickter Bezug zur Jürgen-Vogel-Verfilmung von 2008: “Ihr seid also der Meinung, dass ‘ne Diktatur in Deutschland nicht mehr möglich wäre?“ fragt Vogel dort in seiner Rolle als Lehrer die Schüler.

Die Protagonist*innen

Tristan, der gerade als Freigänger des Jugendknasts sein Abitur an dem Gymnasium macht, ist ein rebellischer Typ. Gleich am ersten Tag an der neuen Schule sorgt er bei den Mitschüler*innen für Eindruck. Er sucht gezielt Kontakt zu den Ausgegrenzten und versucht die strebsame Lea zu beeindrucken. Die Charaktere sind durchgehend klischeehaft: Rahim ist der Arabischstämmige, der täglich von den rechtsextremen Schülern attackiert wird. Hagen ist der etwas übergewichtige Sohn einer Ökobauern-Familie, deren Felder durch eine lokale Papierfabrik vergiftet wurden. Die junge Frau Zazie ist „der Psycho“, die sich durch vorherrschende Geschlechterklischees minderwertig fühlt und von ihren Mitschüler*innen gemobbt wird.

Von diesem Punkt an schraubt sich die Gewaltbereitschaft innerhalb der Gruppe immer weiter nach oben.

Lea ist die tennisspielende Tochter reicher Eltern, die von ihrem Leben gelangweilt und frustriert ist. Zusammen mit Tristan schließen sie sich zu „Der Welle“ zusammen, um gegen Missstände unterschiedlicher Art vorzugehen. Die Motive sind Umweltschutz, Kapitalismus, Rassismus und Tierquälerei. Dennis Gansel, Regisseur des Films von 2008 und Produzent der neuen Serie, hat sich im Vorfeld mit Jugendlichen unterhalten, um die Themen ausfindig zu machen, die aktuell sind und die sowohl die Protagonist*innen als auch die Zielgruppe der Produktion bewegen.

Die erste Aktion der fünf Protagonisten besteht darin, „Wir machen eine Welle“ mit weißer Farbe auf den Glasbau des Schulgebäude zu streichen. Von diesem Punkt an schraubt sich die Gewaltbereitschaft innerhalb der Gruppe immer weiter nach oben. Die AFD wird sehr direkt adressiert. Deren Bürgermeisterkandidat für die fiktive Stadt Meppersfeld, in der die Handlung spielt, trägt den vielsagenden Namen Horst Berndt (Mögliche Kombination der Vornamen von Politiker Horst Seehofer und Bernd Höcke). Dieser wird in einer Aktion der Welle betäubt und wacht in NS-Uniform   als Exponat in einem Geschichtsmuseum wieder auf, das gerade von einer Schulklasse besucht wird. „Jetzt kommen wir zu dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte“ erläutert der Lehrer, als die Schüler*innen den Raum betreten.

Die Kampagnen der Welle

Weitere Aktionen der Gruppe richten sich dann beispielsweise gegen ein Autohaus, in dem SUVs verkauft werden, gegen die Papierfabrik, die Giftschlamm in die Flüsse leitet oder gegen den ortsansässigen Schlachthof. Die Radikalität der „Campaigns“ verschärft sich dabei. Wenn Lea ihre Luxuskleidung säckeweise zum Altkleidercontainer trägt, schmunzelt man vielleicht noch und freut sich über ihren Sinneswandel. Als sich die Gruppe mit Plastikabfällen behängt und in den nächstgelegenen Supermarkt eilt, um den Kunden vorzuführen, wie viel sie davon durchschnittlich in einer Woche wegschmeißen, wirkt das durchaus kreativ.

Die gescheiterte nächtliche Erstürmung eines Schlachthofs durch einen Mob, der sich kurzzeitig der Welle anschließt, zeigt dann allerdings, wie schnell die Dynamik einer größeren Gruppe zu unkontrollierbaren Handlungen führen kann. Im Zuge dieser Aktion werden Personen von der eintreffenden Polizei festgenommen. Auch Lea wird in Gewahrsam genommen und muss zusehen, wie die von ihr befreite und hilflos im Gedränge der Menschen herumirrende Kuh von Polizeikommissar Serner erschossen wird. Wenn Serner Lea mit Mettbrötchen in der Hand zum Verhör empfängt und er sich später als Parteimitglied der rechtsextremen NFD zu erkennen gibt, fragt man sich, ob etwas mehr Subtilität nicht glaubwürdiger gewesen wäre.

Fast alle Figuren sind nicht weit davon entfernt, Karikaturen ihrer selbst zu sein. Es scheint fast, als würden die Produzierenden der Serie ihrer Zielgruppe keine widersprüchlichere Lebenswirklichkeit zumuten wollen. Dabei lassen sie auch ihre Protagonist*innen oftmals ziemlich trostlos aussehen. Mit den Worten „Ich hasse SUVs“ wird die von Zazie vorgeschlagene Aktion gegen den Verkauf der Fahrzeuge bei einem Autohändler eingeleitet. Als Zuschauer*in vermisst man leider zu häufig die kritische Auseinandersetzung der Protagonist*innen mit den Motiven für ihr Handeln.

Zu leise und zu selten ist ihr Protest.

Zudem wird zu selten die Frage diskutiert, ob die gewählten Mittel für den Protest moralisch vertretbar sind. Wenn Tristan den Schlachthof mit einem Molotowcocktail in Brand setzt, sind Assoziationen zu realen extremistischen Taten nicht weit. Und obwohl sich Lea manchmal gegen die Radikalisierung der „Campaigns“ ausspricht, nimmt sie Tristan die Aktion nur einen Augenblick lang übel. Zu leise und zu selten ist ihr Protest die meiste Zeit über, erst in der letzten Episode kann sie Tristan, der eine ganz eigene Agenda verfolgt, von einer friedlicheren Form des Aktivismus überzeugen. Rechtfertigt der Zweck die Mittel? Diese Frage wird erst ganz zum Schluss der ersten Staffel, aber dafür recht klar mit einem Nein beantwortet.

Fazit

Trotz der Schwächen werden in Wir sind die Welle interessante Fragen gestellt, die hochaktuell sind. Die Elterngeneration, die es nicht hinbekommen hat, etwas gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur oder den sich verbreitenden Rassismus zu unternehmen, lassen die Protagonist*innen aktiv werden. Wahrscheinlich hätte man gut daran getan, sich für die einzelnen Themen mehr Zeit zu nehmen, an denen oftmals nur an der Oberfläche gekratzt wird.

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