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KULTUR

„Wir geben Frauen einen Raum“

Der neue Ecco Verlag steht für mehr Gleichberechtigung in der Buchbranche.
[Foto: Bettina Theuerkauf]
25.02.2021 14:12 - Saskia Ziemacki

Frauen sind in unseren Bücherregalen immer noch unterrepräsentiert. Genauso wie in den Führungspositionen der Medien- und Journalismusbranche – und das, obwohl der Frauenanteil im Studium inzwischen viel höher ist. Kathrin Betka ist Marketing-Managerin des neuen Ecco Verlages in Hamburg und erzählt uns, warum es so wichtig ist, einen Verlag nur von Frauen* zu haben.

ak[due]ll: Wie sind Sie auf die Idee für das Konzept gekommen, nur Bücher von Frauen* zu verlegen?

Betka: Früher gab es in meinem Bücherregal deutlich mehr Bücher von Autoren als von Autorinnen. Auch wenn ich über Klassiker in der Literatur nachdenke, fällt mir spontan eher jemand wie Tolstoi ein. In den Büchern spielen zwar auch Frauen eine Rolle, aber es ist dann aus der Sicht des Autoren geschildert, also immer die Männersicht. Auch in der Schullektüre – ich habe unter anderem Dürrenmatt und Brecht gelesen, im Englischunterricht Shakespeare – fallen mir deutlich mehr Männer als Frauen ein. Es ist natürlich auch ein bisschen literaturgeschichtlich begründet, aber etwas, worüber wir nachgedacht haben, als wir in unsere Bücherregale geschaut haben. Da haben wir entschieden: Wir wollen Frauen mehr Raum geben und uns darauf fokussieren.

ak[due]ll: Beim Ecco Verlag arbeiten ausschließlich Frauen. Glauben Sie, die Arbeit ist dadurch anders?

Betka: Wir sind alle gleichberechtigt, es gibt bei uns komplett flache Hierarchien. Wir sind fünf Kolleginnen aus unterschiedlichen Abteilungen (Lektorat, Herstellung, Vertrieb, Presse und Marketing) und entscheiden alles gemeinsam. Und das ist auch das, was uns unterscheidet von anderen Literatur-Imprints mit Fokus auf Frauenliteratur: Wir ziehen das konsequent durch. Bei Ecco arbeiten wir ausschließlich mit Illustratorinnen, Fotografinnen und Übersetzerinnen zusammen. Auch bei der Agentur, mit der wir für die Gestaltung zusammengearbeitet haben, haben nur Frauen am Projekt mitgewirkt. Ich persönlich merke im Arbeitsalltag, wie anders das Arbeiten ist – kurz gesagt sehr angenehm. Wir harmonisieren, wir diskutieren und wir entscheiden uns schnell. Es ist ein Arbeiten auf Augenhöhe.

ak[due]ll: Wer ist die Zielgruppe für den Verlag und das Motto „Was wir lesen wollen“?

Betka: Alle. Wir wurden in der Vergangenheit gefragt, ob wir Männer damit ausschließen, wenn wir nur Literatur von Frauen verlegen. Das finde ich nicht. Wir lesen ja auch Bücher von männlichen Autoren. Warum sollen nicht auch Männer Bücher von Frauen lesen, um mal die andere Sichtweise zu entdecken? Dass wir im Endeffekt so breit gefächert positive Rückmeldungen von Frauen und Männern jeglichen Alters bekommen, ist natürlich toll!

ak[due]ll: Ihnen wurde also vorgeworfen, diskriminierend gegenüber Männern oder männlichen Autoren zu sein?

Betka: Unser Verlag ist keine Entscheidung gegen Männer, sondern für Frauen. Wir haben uns bewusst entschieden, Frauen beim Ecco Verlag Raum zu geben. Uns ist es wichtig, die weibliche Sicht stärker hervorzuheben. Wir nehmen Männern nichts weg. Sie haben oftmals viel mehr Möglichkeiten auf dem Buchmarkt. Wir sagen ja nicht, wir ersetzen männliche Literatur durch weibliche Literatur.

 

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Der Ecco Verlag wird nur von Frauen geleitet und arbeitet nur mit Frauen. [Bild: Ecco Verlag]
 

ak[due]ll: Auch der Literaturkanon ist immer noch von Männern dominiert. Ist der Verlag ein Schritt dahin, diesen zu verändern?    

Betka: Absolut. Wir haben uns für eine Gestaltung entschieden, die sich optisch absetzt im Vergleich zu anderen Literaturverlagen. Das lässt sich auch sehr gut damit vereinbaren, dass wir Klassiker wiederentdecken wollen und ihnen ein neues Gewand geben – sie also in einen modernen Kontext setzen. In unserem Startprogramm erscheint mit “Blond” eine Neuausgabe von Joyce Carol Oates, die sich Norma Jean Baker, besser bekannt als Marilyn Monroe, widmet. Eine Ikone, deren Bild stark vom männlichen Blick geprägt ist. Oates schreibt in dem Buch über die Zerbrechlichkeit und die andere Seite von Monroe. Als wir für das Cover nach einem Bild von Marilyn Monroe gesucht haben, haben wir gemerkt: Es gibt viel mehr männliche Fotografen, die Monroe im Laufe der Jahre fotografiert haben. Wir haben uns bewusst dieser Herausforderung gestellt, um zu zeigen, wie wichtig das Thema ist. Also hat letztendlich eine Illustratorin für uns Marilyn Monroe gezeichnet. 

ak[due]ll: Ist es auch notwendig, bereits mehr (junge) Frauen* zu einem Marketing-, Journalismus-Studium oder Vergleichbarem zu ermutigen?

Betka: Ich glaube, wir Frauen agieren auch im Arbeitsalltag oftmals anders als Männer. Das zeigt sich zum Beispiel auch in Krisensituationen. Es sollte unabhängig vom Geschlecht für jeden möglich sein, das Studium oder den beruflichen Werdegang zu wählen, den man möchte. Der Ecco Verlag steht dafür ein, Frauen zu unterstützen und ihnen den Raum geben, den sie bislang noch nicht oder nicht in dieser Form haben.

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