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KULTUR

Wes Anderson - Wie viel verbirgt sich hinter der Ästhetik?

 Ich hatte das Vergnügen, mir endlich wieder einen Film im Kino anzuschauen.

[Foto: Nikita Verbitskiy]

24.11.2021 15:06 - Nikita Marcus Verbitskiy

Den Namen Wes Anderson mag nicht jede:r kennen, doch unter regelmäßigen Kinobesucher:innen ist er schon lange kein Geheimtipp mehr. Diesen Oktober kam endlich sein lang erwarteter Film The French Dispatch in die Kinos. Zu diesem Anlass schauen wir auf seine bisherigen Werke und verraten euch, wie sein neuestes Werk da rein passt.

Eine Kolumne von Nikita Marcus Verbitskiy

Als Liebling von Filmstudent:innen und Tumblr-Nutzer:innen zugleich, wurde Regisseur Wes Anderson eine Anschuldigung regelmäßig an den Kopf geworfen - er sei „style over substance“. Oder zu deutsch, er lege mehr Wert auf oberflächliche und ästhetische Aspekte als auf tatsächlichen Tiefgang. Eine verständliche Anschuldigung, da Wes Andersons Markenzeichen sein Look ist. 
Die Symmetrie, die prägnanten Farbpaletten, die seine gesamten Werke durchziehen und die heimelige Sterilität, die seine Welt wie ein lebendiges Puppenhaus aussehen lassen, können nur von ihm stammen. Er hat eine eigene Sprache und Regeln, die in seinen Filmen befolgt werden müssen. Sie verleihen jedem Werk den gleichen „Wes Anderson -Touch“. 

Die bekanntesten Vertreter seiner Handschrift sind vermutlich der stop-motion Klassiker Der fantastische Mr. Fox, das Drama einer skurrilen Großfamilie Die Royal Tenenbaums und, meiner Meinung nach, sein Magnum Opus Grand Budapest Hotel.

In jedem der erwähnten Filme findet sich eine sorgfältig konstruierte Welt, die dem:der Zuschauer:in ermöglicht, in den Verstand Andersons einzutauchen und seinen Blickwinkel zu verstehen. Ein Punkt, der mich an der „style over substance“ Kritik zweifeln lässt. Die Ästhetik und die vermeintlich oberflächlich absurden Charaktere seiner Filme spiegeln ausnahmslos den Regisseur wieder. Besser als es jeder emotional aufgeladene Monolog und jede komplexe Charakterentwicklung könnten. Allerdings muss auch ich als großer Fan seines Stils zugeben, dass er in seinen späteren Werken zunehmend eindimensionaler und comichafter wurde. Die immer grandioseren Sets, die wachsenden Massen an Charakteren und die zunehmend phantastischer werdenden Geschichten hindern ihn daran, seine Welt emotional zu untermalen und in der Realität zu verwurzeln.

Der Anderson’sche Maximalismus in 2021

Dies führt mich auch zu seinem neuesten Werk - „The French Dispatch“. Ein Blick auf die Besetzung verrät sofort, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. Von den üblichen Verdächtigen wie Bill Murray (Murrays neunter Wes Anderson Film), Owen Wilson und Adrien Brody bis hin zum momentanen Hollywood-Darling Timothée Chalamet oder auch Benicio Del Toro, ist wieder einmal die halbe Screen Actors Guild vertreten; Oscarpreisträgerinnen Frances McDormand und Tilda Swinton kehren ebenfalls an sein Set zurück.

The French Dispatch ist kein Grand Budapest Hotel und auch kein Royal Tenenbaums,  es ist ein Film in dem sich alle Beteiligten austoben können. 

Doch worum geht es überhaupt? „The French Dispatch“ ist der Name einer fiktiven Zeitschrift, welche an den legendären New Yorker angelehnt ist. Gegründet von Arthur Howitzer Jr. (Murray) muss die Zeitschrift zu Beginn des Films von seinem Tod berichten. Darauf folgt ein kurzes Exposé der fiktiven Stadt „Ennui-sur-Blasé“, in der die Redaktion ihren Sitz hat und drei Artikel die den Kern der Geschichte ausmachen. Darunter befindet sich eine Biografie des verurteilten Mörders und gefeierten Künstlers Moses Rosenthaler (Del Toro), eine Berichterstattung über studentische Aufruhren in Ennui und eine kulinarische Geiselbefreiung. Jede Geschichte ist also getrennt zu betrachten und die einzige Verbindung besteht aus der Zeitschrift an sich. Durch den episodischen Aufbau ist der Film von vornherein dazu verdammt, dem bisher gegangenen Pfad Andersons zu folgen. Charakterentwicklungen können nur kurz angeschnitten werden, da es einfach zu viele gibt. Die Geschichten haben keine Zeit, ein emotionales Gewicht zu entwickeln und die Zuschauer:innen einzufangen. Die Menge an unterschiedlichen Sets schießt ins Unermessliche und es wird mit einer Vielzahl an Formaten gespielt. Von Schwarz-Weiß über Zeichentrick bis hin zu wechselnden Bildschirmformaten holen Anderson und Kameramann Robert Yeoman alles ihnen zur Verfügung stehende aus der Trickkiste.

Doch all dem Chaos liegt erneut ein tiefer greifender Punkt zu Grunde. Denn sowohl Anderson, als auch Cast und Crew zeigen in alldem eines: Sie haben Spaß.

Und genau das schafft der Film perfekt zu transportieren. Die Geschichten haben keinen Tiefgang, weil sie keinen brauchen. The French Dispatch ist kein Grand Budapest Hotel und auch kein Royal Tenenbaums, es ist ein Film in dem sich alle Beteiligten austoben können und diese Energie bekommt man als Zuschauer:in zu spüren. Die Leichtigkeit strömt dem Film aus jeder Pore und sorgt für ein vergnügtes, wenn auch zwischenzeitlich verwirrendes Erlebnis. 

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