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KULTUR

Wenn Mütter schädlich sind

31.07.2018 14:27 - Britta Rybicki

In ihrem zweiten Roman „Blanca“ wagt die Autorin Mercedes Lauenstein etwas Neues in der Literatur. Sie schreibt die Geschichte des gleichnamigen Mädchens auf und bricht mit dem Klischee von der besonderen Mutter-Tochter-Beziehung. Denn genauso wie der Sohn seinen Vater verlassen kann, sollte eine Tochter sich auch von ihrer Mutter abwenden können.

Das Cover sieht es aus wie das eines Romans über Reisen: blauer Himmel, die typische, niemals endende Landstraße vor Bergen und Wiesen. Weit weg von einer erstickenden Struktur, Beton, tickenden Uhren und müden Augen. Das ist nur fast richtig. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Blanca erzählt und lässt die Leser*innen an ihrer Gegenwart und Vergangenheit teilhaben. Sie und ihre Mutter sind oft auf Reisen, haben dabei aber niemals ein Ziel. Es gibt kein Ankommen, obwohl genau das das größte Bedürfnis der 15-jährigen Blanca ist. Sie wünscht sich ein Zuhause. Einen schützenden Ort der Geborgenheit. Stattdessen hält sie bis zu dem Tag ihrer Flucht ihre verrückte Mutter aus, die in geklauten Autos von einer zur nächsten kurzen Liebesaffäre fährt.

„Blanca ist spanisch und bedeutet weiß. Wie Nichts“, antwortet ihre Mutter als sie sich über ihren Namen beschwert. Dieser Kommentar ist bezeichnend für die Gefühle, die die 30-Jährige für ihr Kind hegt. Blanca ist ihr wichtig, schließlich würde sie ihr am nähesten stehen. Als Leser*in merkt man schnell, dass sie sich nicht um ihr Kind sorgt oder sich für ihre Bedürfnisse interessiert. Sie fühlt sich nicht für ihre Tochter verantwortlich, ist unsensibel und zertritt jede ihrer kindlichen Illusionen. Wie als sie ihr sagt, dass in Kinderbüchern nur Lügengeschichten stehen oder sie nach einem heftigen Streit auf der Autobahn in einen Graben schubst und dort für Stunden im Dreck liegen lässt. „Sie ist eben anders als die richtigen Mütter“, redet Blanca sich ein, um ihr unstetes und rücksichtsloses Wesen vor sich selbst zu entschuldigen. Als Blanca im Graben liegt, schreit und weint, denkt sie das erste Mal daran, einfach wegzulaufen. Aber ihr fehlt ein Ziel, weshalb sie dafür noch keinen Mut aufbringt.

Kein Jungendbuch trotz junger Protagonistin

Erst nach der Liebesbeziehung ihrer Mutter mit Karl auf der italienischen Insel wächst ihre Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Zeit mit seinem Sohn Toni hält sie in so besonderer Erinnerung, dass sie ihre Mutter Jahre später beklaut und flieht. Obwohl die Protagonistin eine Jugendliche ist, ist es kein Jugendbuch, weil sie ihre Geschichte wie eine Erwachsene erzählt. Erst ihre naiven Handlungen erinnern die Leser*innen an ihr junges Alter.

Der Weg zu Karl und Toni ist der spannendste Teil des Buches. Ob es die Begegnung mit einem zahnlosen Bauern, der ihr einen Heiratsantrag macht, ist, oder mit dem viel älteren Mann, den sie verführt und nicht einmal weiß, wieso. Oft möchte man sich als Leser*in in die Erzählung beamen, um das junge Mädchen zu retten. Sie am liebsten sofort bekochen und davon abhalten, die Essensreste von Tellern in Restaurants zu klauen. Ihr sagen, dass sie gerade das Richtige tut, wenn sie beginnt ihre Entscheidung anzuzweifeln und an die vermeintlich schöne Momente zurück denkt. Daran, dass ihre Mutter ihr im Zelt Horrorgeschichten vorgelesen und sie in den Arm genommen hat. Auch als Leser*in hat man ausschließlich an dieser Textstelle das Gefühl, dass sie Blanca vielleicht doch lieben könnte.

Geschichten, die nicht erzählt werden

Besonders im Vergleich zu Lauensteins Debüt, in dem sie Nachts mit Fremden völlig neue Assoziationsräume aufgehen lässt, ist es kein poetisches Meisterwerk. Es mangelt an dramaturgischer und intellektueller Finesse. Trotzdem ist es mehr als die Geschichte eines Teenies, die sich nach einem gewöhnlichen Alltag sehnt und deswegen wegrennt. In der Meinungsverschiedenheiten zu lautem Geschrei führen und die exaltierte Mutter dazu bringen, eine Auflaufform durch die Wohnung zu schmeißen, um den Wendepunkt – Blancas Flucht – zu entfachen.

Mütter sind nicht automatisch gut im Muttersein.

Lauenstein hat hingegen eine Geschichte aufgeschrieben, die in der Realität passiert, aber nicht erzählt wird. Denn auch, wenn das Patriarchat ihnen genau das diktiert, sind Mütter nicht automatisch gut im Muttersein. Manchmal sind sie sogar so schlimm, dass man sie verlassen muss, um an ihnen nicht zugrunde zu gehen. Was in einer Gesellschaft, die ihren schlimmsten Versionen trotzdem die Rolle der Konstante von Wärme und Sicherheit andichtet, fast unmöglich ist. Insbesondere weil dieser Trugschluss von der Politik übernommen und in Maßnahmen für die Jugendarbeit formuliert wird: Selbst Kinder, die aus ihren Familien aufgrund von physischer und emotionaler Gewalt rausgenommen, sollen wieder in diese zurückgeführt werden. Blanca hat keinen Alltag mit Verpflichtungen, weshalb es ihr einfach fällt, sich von ihrer narzisstischen Mutter für immer abzuwenden. Diese Chance bleibt Betroffenen vermutlich verwehrt, weil Strukturen sie an Menschen ketten, die ihnen schaden.

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